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DDR-Zeit (Teil 2)

Geld machen mit Recycling in der DDR: Ideen und ein Handwagen --

Meldungen

präsentiert von Michael Palomino

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Spiegel
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13.12.2013: Geld machen mit Recycling in der DDR: Ideen und ein Handwagen

aus: Spiegel online: Recycling in der DDR: Müll zu Ost-Mark; 13.12.2013;
http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/13021/muell_zu_ost_mark.html

Buchempfehlung:
Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

<Recycling in der DDR
Müll zu Ost-Mark Reich dank weggeworfener Westlektüre und leerer Wodkaflaschen: Als Jugendlicher sammelte Marko Schubert mit einem Freund in Ostberlin fleißig Wertstoffe und verdiente damit viel Geld. Seine "Altstoff-Mafia" arbeitete mit allen Tricks - und der Hilfe eines stets angetrunkenen Komplizen.

Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Seit Wochen wachte ich jeden Sonntag gegen neun Uhr auf, weil irgend so ein Idiot seine Flaschen in den Altglas-Tonnen im Hof zerdepperte. Wieder klirrte es, und diesmal sprang ich auf und öffnete wutentbrannt das Fenster. Gerade wollte ich "Ruhe da unten" brüllen, als ich meinen Irrtum bemerkte: In den Container wurden keine leeren Pullen geschmissen, sondern jemand wühlte angestrengt darin herum. Plötzlich musste ich daran denken, wie ich mir als Kind durch emsiges Sammeln von Altstoffen ein kleines Vermögen verdient hatte.

[Sero = "Sekundärrohstoffe"]

Das Zauberwort, mit dem man in der DDR Flaschen in Kleingeld verwandelte, hieß Sero. Sekundärrohstoffe wie Papier, Gläser, Flaschen, Schrott, Lumpen, Plaste und Elaste gaben die Menschen in den Sero-Sammelstellen ab und erhielten pro Stück oder Kilogramm einige Pfennige dafür. Es hieß, die zahnlosen Leute, die dort arbeiteten, kämen direkt aus dem Knast in Rummelsburg und sollten durch diesen grauenvollen Job wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden.

In dem alten ausrangierten Lkw-Anhänger direkt an der Büschingstraße in Ostberlin stank es stets muffig und nach Alkohol. Der Planwagen mit dem Sero-Logo war irgendwann wie ein Fremdkörper zwischen all den zehngeschossigen Hochhäusern mitten auf dem Gehweg abgestellt worden.

Tätowierter Hüne mit Alkoholfahne

Zu dem Wagen gehörte Herr Lepro. Unrasiert, die Haare klebrig über die Stirn gekämmt und stets übellaunig saß der tätowierte Hüne auf den Stufen der rostigen Treppe, die zu seinem Bauwagen hinaufführte und blickte uns böse an. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Riesen aus der beliebten Kinderserie "Spuk unterm Riesenrad". Dort stellten sich aber Hexe, Zwerg und auch der Riese schnell als liebenswerte Zeitgenossen heraus. Bei Herrn Lepro war dies nicht der Fall. Der Alkoholgestank im Inneren seines Wagens ging nicht nur von Hunderten leerer Schnapsflaschen, sondern wohl auch von seinen Atemwegen aus. Seine sozialistische Aufgabe war es, Altstoffe von braven Bürgern gegen Geld anzunehmen und sie in die volkseigene Produktion zurückzuführen.

Vorher war unsere Altstoffannahme "jwd", also "janz weit draußen" gewesen. Als der Wagen über Nacht plötzlich an dieser Stelle aufgebaut worden war, freuten sich Benny und ich. Schließlich mussten wir immer Vaters Schnaps- und die bulgarischen Rotweinpullen unserer Mami entsorgen. Mein kleiner Bruder ging jedoch nur wenige Male zum Altstoffmann. Klar sah der Typ finster, gemein und hinterhältig aus, aber dass Benny gar nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam, wenn er an den Lepro dachte, fand ich ein bisschen übertrieben. Na gut: Ich hatte Schiss vorm Wäschemann.

Mit seinen dicken Oberarmen stapelte Lepro Papier, Pappe, Schrott und Lumpen bis unters Dach und ließ Flaschen und Gläser in riesigen Kisten verschwinden. Da ich nie mitbekam, wann der Wagen geleert wurde, stellte ich mir immer vor, wie Herr Lepro des Nachts mit riesigen Rucksäcken voller Altstoffe durch Berlin zum zentralen Sero-Hof stiefelte, um sie dort brüllend bei anderen tätowierten Monstern abzuliefern.


Pionierauftrag auf einen Schlag übererfüllt

Natürlich mussten Altstoffe auch regelmäßig für die Schule gesammelt werden, um die Einnahmen Kindern in Angola, Vietnam und Nicaragua zu schicken. Papier, Schrott und Schnapsflaschen für den Frieden konnten montags ab 7.30 Uhr im Altstoffkeller der Schule abgegeben werden und wurden von den verantwortlichen Schülern in Listen eingetragen - 100 Soli-Punkte brauchte jeder Schüler im Jahr. Wir staunten nicht schlecht, als wir mit einer einzigen großen Fuhre Altpappe - einem Geschenk von Bommels Mutter, die Bibliothekarin war - unseren Pionierauftrag des Jahres 1981 bereits übererfüllt hatten. Ab jetzt konnten wir die Sachen also komplett in eigenes Taschengeld umwandeln und schleppten die nächsten Pappen zum Altstoffhändler.

Mürrisch drückte uns Herr Lepro zehn Mark in die Kinderhände - jedem! So entstand ein ziemlich ungewöhnliches Hobby für einen Elfjährigen: Altstoffsammeln! Jeder Betrag über zwei Mark war für uns eine unglaubliche Summe, und wir hatten durch unseren ersten Zehner Blut geleckt.

Wir grasten den kompletten Wohnblock ab, klingelten an jeder Tür und fragten: "Haben Sie Altstoffe?" Natürlich bekamen wir unsere bunten Stoffbeutel und Netze fast überall prall gefüllt. Viele Leute waren einfach zu faul, die Sachen selbst wegzubringen. Und die Menschen soffen zu unserer Überraschung alle so viel wie unsere Väter. In fast jedem Haushalt gab es hinter einem Vorhang eine Abstellnische mit Dutzenden weißer Schnaps- und grüner Weinpullen.

Vor dem fiesen Altstoffhändler Lepro verloren wir langsam unsere Scheu. Wir merkten, dass auch für ihn dieses Geschäft mehr als gut zu laufen schien. Besonders scharf war er auf Zeitschriften, Papier- und Buchlieferungen. Erst Jahre später, als auch ich nach Westzeitschriften, Postern und verbotenen Büchern gierte, wurde mir bewusst, wie viel Kohle er damit nebenher gemacht haben musste.

Westzeitungen gegen DDR-Geld

Wir entwickelten eine symbiotische Geschäftsbeziehung: Er bekam seine Westliteratur und wir unsere ostdeutschen Aluminumchips, also DDR-Geld. Wir handelten einmalige Privilegien aus und mussten so nicht mehr die ollen Metallringe an den Flaschenhälsen mit dem verrosteten Schraubenzieher selbst abschlagen, nicht mehr um jedes Gramm Papier feilschen - es wurde auch mal aufgerundet.

[Eine Handkarre]

An einem kühlen Herbsttag - wir hatten ihn gerade wieder beliefert und abgerechnet - sagte Herr Lepro, dass er noch etwas für uns hätte. Wie immer roch er ein wenig süßlich nach Alkohol, aber seine rot unterlaufenen Augen deuteten so etwas wie ein Leuchten an. Er ging die Treppe hinunter nach draußen vor den Altstoffwagen, öffnete den Kofferraum eines dunklen Lada und stellte uns grimmig lächelnd einen riesigen selbstgebauten Bollerwagen vor die Füße: "Na, wat sagt ihr nun, Jungs?" Der wahrscheinlich freundlichste Sero-Mitarbeiter der Welt strahlte.

[Recycling-Gruppen: Sektoren werden abgesteckt]

Mit der neuen Handkarre konnten wir plötzlich viel längere Strecken bewältigen und uns endlich auch in andere Stadtteilecken wagen. Nur ein einziges Mal, in Höhe des Hotel Berolina, trafen wir die wesentlich älteren Jungs der Konkurrenz, die uns klarmachten, dass wir dort überhaupt nichts zu suchen hätten. Die restlichen endlosen Häusermeere gehörten uns allein. Vom S-Block bis zum Scheppert-Eck, vom Leninplatz bis zum Märchenbrunnen reichte nun unser Altstoffmonopol.

[Ankündigungen in der Nachbarschaft - und es funktioniert]

Wir ließen meine Mutter per Schreibmaschine Zettel schreiben, auf denen stand: "Die jungen Pioniere kommen am 22.09.1981 zum Altstoffsammeln in Ihr Haus. Bitte stellen Sie Flaschen, Gläser und Altpapier im Müllschluckerraum bereit." Auf die Mieter in unserer Gegend war in der Regel Verlass - die Räume waren am gewünschten Tag immer rappelvoll, als hätten sie am Wochenende extra für uns ihre noch halbvollen Pullen ausgesoffen.

Malheur im Feierabendverkehr - [der überladene Handwagen kippt um]

An einem kühlen, regnerischen Herbstnachmittag hatten wir geschuftet wie noch nie. Unser Wagen war vollkommen überladen, und wir mussten beim Transport die gestapelten Papierpakete, Flaschen und Gläser an der Seite festhalten und gleichzeitig mit schier unmenschlicher Kraft ziehen, um das Gefährt in Richtung Altstoffhändler zu bewegen.

Natürlich krachte der Wagen mit einem riesigen Knall ausgerechnet auf der viel befahrenen, vierspurigen Mollstraße auf die Seite. Überall lagen zersplitterte Flaschen Nordhäuser Doppelkorn, kaputte Spreewälder Gurkengläser rollten in Richtung Bordsteinkante und ein dickes Paket gebündelter "Neuer Deutschlands" fiel auseinander. Und das im Feierabendverkehr.

Schnell bildete sich ein langer Stau wütend hupender Autos. Eigentlich alles kein Problem, doch ausgerechnet meine Mutter hatte das Malheur aus dem Fenster des neunten Stocks beobachtet. Wütend stand sie wenig später mit unserem Besen bewaffnet neben uns und schrie mich an: "Womit habe ich das alles verdient?" Zum Glück sagte Bommel energisch: "Vielleicht würden Sie uns erst einmal helfen, die Sachen von der Straße zu schaffen, Frau Schubert."

Inzwischen hatte sich auf beiden Spuren in Richtung Alex ein langer Stau gebildet. Die widerlich quäkende Trabi-Hupe war aus mehreren Fahrzeugen zu hören. Ein älterer Herr mit Schiebermütze stieg aus dem Wagen und beschimpfte meine Mutter. Eine jüngere Passantin half uns dabei, die überall verstreut liegenden Zeitungen und Bücher, Gläser und Flaschen auf die gegenüberliegende Seite zu schleppen, und eine ältere Dame hantierte wie wild mit unserem Besen herum. Nicht wenige im zweiten Gang vorbeischleichende Wagenbesitzer zeigten uns einen Vogel.

Rekorderlös für die "Altstoff-Mafia"

Trotz der vielen Scherben am Straßenrand und einer wirklich mies gelaunten Mutter: Für diese einzige Lieferung bekamen wir genau 96 Mark! Das war Rekord für uns, die legendäre "Altstoffmafia".

Erst mit 14 stellte ich überrascht fest, dass ich mir von dem Geld überhaupt nichts Vernünftiges kaufen konnte. Bei der Währungsunion 1990 waren deshalb noch 1.500 Mark vom damaligen Altstoffgeld übrig, die ich 1:1 in Westgeld umgetauscht bekam - vielen Dank Herr Kohl, Herr Lepro und Sero. Kurz nach dem Mauerfall war der Planwagen zwischen unseren Häusern so plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Den "Herrn der Altstoffe" sah ich im Leben nie wieder. >

Bildertexte:

Bild 1: <Sammeln an Schulen: Seit Beginn des Schuljahres 1986 war der Sero-Schülerexpress im wöchentlichen Wechsel an den acht Schulen der Kreisstadt Waren unterwegs. Flaschen, Gläser und Altpapier wurden von Lehrern und Schülern gesammelt und regelmäßig abgegeben. 
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1986-1015-313

Bild 2: Mobile Abgabestelle: Kinder und Erwachsene liefern am 27. September 1983 Altstoffe bei einem Sero-Mobil ab. Der mobile Aufkaufwagen für Sekundärrohstoffe bot auch Informationsmaterial über die Verwendung der Altstoffe an. Rund 45 Prozent des Altpapiers, das in der Volkswirtschaft wieder eingesetzt wurde, kam aus Haushalten.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1983-0927-003

Bild 3: Altglas-Abgabe: Um den DDR-Bürgern die Abgabe von Altstoffen zu erleichtern, waren insgesamt 17 Sammelwagen in Berlin unterwegs. Die Wagen standen meist zwei Tage lang an derselben Stelle, wie hier am 11. Oktober 1974 im Stadtbezirk Mitte in der Berolinastraße. Rechts an der Tür hängt eine Preisliste für die wertvollen Sammelgüter. Ein Kilo Papier brachte in den Achtzigern etwa 30 Pfennig, eine Flasche meist nur fünf Pfenning.
Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-N1011-011

Bild 4: Revier von oben: Das Einzugsgebiet der "Altstoff-Mafia" von Marko Schubert reichte vom Leninplatz über S-Block, U-Block, Mollstraße bis hin zur Hans-Beimler-Straße. Die Luftaufnahme vom 20. September 1990 zeigt das Gebiet um die Mollstraße.

Bild 5: Altstoff-Pioniere: Marko Schubert, rechts, mit seinem kleinen Bruder Benny um 1983. Die beiden freuten sich über die Sero-Sammelstelle nahe ihres Wohnblocks in Ostberlin und sammelten in den achtziger Jahren fleißig Papier und Glas in der Nachbarschaft. Die Gewinne ihrer "Altstoff-Mafia" investierten sie am liebsten in Fußball-Wimpel.

Bild 6: Sammeln, Ordnen, Abgeben: FDJler der 8. bis 10. Klassen der Oleg-Koschewoi-Oberschule des Stadtbezirks Friedrichshain sortieren im Januar 1981 Flaschen und Gläser. Im Vorjahr hatten die Schüler der Oberschule insgesamt 9343 Mark durch das Sammeln von Sekundärrohstoffen eingenommen und auf das Solidaritätskonto überwiesen. Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-Z0130-031

Bild 7: Fleißige Sammler: Die Jungen Pioniere der 18. Oberschule in Berlin-Lichtenberg sind auch in ihren Winterferien aktiv. Mit den gesammelten Altstoffen nehmen sie am "Mach mit"-Wettbewerb teil. Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-L0217-020

Bild 8: Altglas aus der DDR: Während Gläser, Papier und Pappe zu Marko Schuberts "Lieblingsaltstoffen" zählten, brachten ihm Schnapspullen relativ wenig Geld ein. Doch am Ende machte es die Menge. Und die Menschen in Marko Schuberts Viertel tranken viel Schnaps.

Bild 9: Da hatte er was gut: Die Sparbucheinträge von 1984 belegen die beträchtlichen Erlöse, die Marco Schubert und sein Freund durch das Sammeln von Sekundärrohstoffen scheffelten. "Nach einer guten Tour gingen wir in die Sparkasse an der Mollstraße und zahlten die Gewinne direkt ein", erinnert er sich.

Bild 10: Wöchentliche Abgabe an der Schule: Jeden Dienstag trafen sich die Schüler der Klasse 5c der 48. Oberschule Berlin-Lichtenberg zum Altstoff-Abgabetag in der Hans-Loch-Straße. Der Erlös wurde für Solidaritätsspenden und die Klassenkasse verwendet. Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-U0404-022>

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