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Islam-Chronologie: 5. Ägypten unter Osmanen und England 1517-1918 -

Der Suezkanal von England und Frankreich 1868 -

Syrien, Palästina und Mesopotamien unter den Osmanen 1517-1918


von Michael Palomino (2000 / 2005 / 2010)

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aus: Ulrich Haarmann Hg.: "Geschichte der arabischen Welt"; C.H.Beck-Verlag, München 1987

Unter Mitwirkung von Ulrich Haarmann: Einleitung (S.9f.)
-- Albrecht Noth: Früher Islam (S.11-100)
-- Tilman Nagel: Das Kalifat der Abbasiden (S.101-165)
-- Heinz Halm: Die Fatimiden (S.166-199)
-- Heinz Halm: Die Ayyubiden (S.200-216)
-- Ulrich Haarmann: Der arabische Osten im späten Mittelalter 1250-1517 (S.217-263)
-- Hans-Rudolf Singer: Der Maghreb und die Pyrenäenhalbinsel bis zum Ausgang des Mittelalters (S.264-322)
-- Barbara Kellner-Heinkele: Der arabische Osten unter osmanischer Herrschaft 1517-1800 (S.323-364)
-- Alexander Schölch: Der arabische Osten im neunzehnten Jahrhundert 1800-1914 (S.365-431)
-- Helmut Mejcher: Der arabische Osten im zwanzigsten Jahrhundert 1914-1985 (S.432-501)
-- Peter von Sivers: Nordafrika in der Neuzeit (S.502-592)



Chronologie

Osmanischer Sieg gegen Ägypten mittels Feuerwaffen - Beibehaltung des Mamlukensystems - Aufstände bis 1525 - planmässige Deportationen der Intelligenz nach Konstantinopel - Regimenter der Janitscharen und ‘Azaban - Derwischorden und Stammesgruppen - Kataster - Korps der Cavus und Tscherkessen - Steuersystem ohne Lehen - "Stiftungen"

Zusammenfassung
Mittels der neuen Feuerwaffen kann die osmanische Armee die ägyptischen Truppen in Syrien, Palästina und Kairo innert kurzer Zeit besiegen. Nach der Auflösung des ägyptischen Kalifats behält die osmanische Herrschaft das Mamlukensystem in Ägypten bei. Aufstände müssen bis 1525 niedergeschlagen werden. Gleichzeitig bedient sich die osmanische Herrschaft des geistigen Raubes, indem die Intelligenz und die besten Handwerker der eroberten Gebiete nach Konstantinopel deportiert werden, um dort ein neues "geistiges und künstlerisches Zentrum" zu bilden. Dadurch wächst die Gegenwehr im Volk. Währenddessen läuft die osmanische Expansion jedoch weiter bis zur Cyrenaika und Algier, das der spanischen Herrschaft entrissen wird. In Ägypten etablieren sich die militärischen Strukturen der Regimenter der Janitscharen und der ‘Azaban, später auch der Cavus- und Tscherkessen-Regimenter, um die Bevölkerung im Zaum zu halten. Die Stammesgruppen um Bakr und ‘Ali konkurrieren um die Macht, und Derwischorden haben als geistige Zuflucht beim Volk grossen Zulauf. Mit der Schaffung eines Katasters und eines neuen Steuersystems sowie der Gründung von "Stiftungen" des Sultans zur Bautätigkeit kann sich die neue osmanische Macht in Ägypten entscheidend ausbreiten.

Chronologie

1514
Konstantinopel-Persien: Sieg der osmanischen Truppen über den Safawidenschah Isma ‘il von Persien
aus osmanischer Sicht ein "Ketzer" (S.251).

Konstantinopel-Ägypten: Vorgehen gegen Portugal am Roten Meer
Gemeinsamer Feldzug von Osmanen und Mamluken gegen portugiesische Besetzungen am Roten Meer (S.251).

Ägypten: Erneute Revolte der Mamluken gegen die Feuerwaffe
Die Einführung einer Truppe von Arkebusieren in der ägyptischen Armee scheitert erneut an einer Revolte (S.252).

1516-1517
Syrien, Palästina, Ägypten und Hedschas werden osmanisch besetzt
(S.323)

1516-1517: 24.8.1516
Osmanische Eroberung Syriens
(S.246) unter Sultan Selim (S.251). Osmanischer Sieg bei Marg Dabiq in Nordsyrien gegen das ägyptische Heer unter Sultan Qansawh al-Gawri, durch Hochverrat des mamlukischen Gouverneurs von Aleppo (S.252).

Ende Aug 1516
Ägypten: Tod von Sultan Qansawh al-Gawri durch Herzschlag - Nachfolger: Neffe Tuman Bay
Der letzte Sultan Tuman Bay kommt vom Amt des Schreibsekretärs (S.232).

Ende 1516
Ägypten: das letzte Aufgebot gegen die Osmanen
Sultan Tuman Bay stellt das letzte Aufgebot an Mamluken gegen das gut ausgerüstete, mit Feuerwaffen bestückte, osmanische Heer zusammen (S.252).

23.1.1517
Ägyptische Niederlage gegen das osmanische Heer - Ermordung von Sultan Tuman Bay
Ägypten scheitert am mamlukischen Reiterstolz. Besetzung von Kairo und Hängung von Sultan Tuman Bay im Bab Zuwayla (S.252).

Feb 1517 ca.
Kairo: Kalifentführung und "spurloses Verschwinden"
Der Kairoer Kalif al-Mutawakkil III. wird nach dem Fall Kairos vom osmanischen Eroberer Selim nach Konstantinopel gebracht, wo "sich seine Spur verliert" (S.231).

ab Feb 1517
Ägypten verklärt Sultan Tuman Bay - getrennte Provinzen Syrien und Ägypten
Die Bevölkerung Ägyptens ehrt Tuman Bay noch jahrelang. Ägypten und Syrien werden fortan als getrennte Provinzen türkisch verwaltet. Türken und Tscherkessen behalten aber ihre Elitepositionen in Ägypten weiter (S.252).

1517
Ägypten: Fremd beherrscht und funktionell passiv

Fortsetzung der Ausbildung der anwesenden mamlukischen Sklaven - unbeugsame Hawware-Beduinen
Ägypten wird ab der osmanischen Besetzung nicht nur von fremden Soldaten beherrscht, sondern die Hauptstadt Kairo wird funktionell zudem zu einem Nichts (S.325-326).

Die Osmanen übernehmen eine Grosszahl der bisherigen Militärs und Verwaltungsbeamten in ihren Dienst (S.326).

Kairo hat zur Zeit der osmanischen Besetzung ca. 150’000 Einwohner, ca. 450 Hektar bebaute Fläche (S.337).

Die Ausbildung der anwesenden mamlukischen Sklaven geht weiter. Die Chefs von "neo-mamlukischen" Haushalten können Freigelassene "Beys", osmanische oder einheimische Militär- und Zivilpersonen sein.
Die Beys haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber den Osmanen. Die osmanischen Offiziere und Administratoren wechseln "ständig", die Beys aber können sich eine Hausmacht aufbauen und werden als Bündnispartner anerkannt (S.335).

Die Position der Hawwara-Beduinen muss Sultan Selim I. anerkennen (S.330).

Feb 1517 ca.
Kairo: Sultan Selim I. ordnet eine neue Landaufnahme/Kataster in Ägypten an
(S.326)

Herbst 1517 ca.
Ägypten: Rückmarsch der osmanischen Hauptarmee
(S.326)

1517-1525 ca.
Ägypten: Aufstände und osmanische Feldzüge und Expansion - Übergriffe zwecks Bereicherung
Osmanische Truppen müssen im grossen Ägypten den Widerstand versprengter Mamlukeneinheiten überwinden, auch in entlegenen Gegenden des Nildeltas (S.329) oder in Oberägypten. Ebenso machen die Beduinen "grosse Schwierigkeiten" (S.330).

Sultan Selim lässt zwei berittene Abteilungen der Freiwilligen/Gönüllüyan und Flintenschützen/Tüfenkciyan die Ausweitung seiner Herrschaft in Ägypten besorgen. Die beiden Einheiten sollen die Steuereintreibung und die Polizei in seinem Sinn einrichten. Dabei sind sie aber niedrig bezahlt und haben nur niedrigen Status. Die zwei Korps der Freiwilligen/Gönüllüyan und Flintenschützen/Tüfenkciyan begehen jedwelche Übergriffe, um an mehr "Lohn" zu kommen (S.329).

In der Folge sind die ersten osmanischen Jahre in Ägypten bis 1525 "unruhige erste Jahre" (S.332). 

ab 1517
Osmanisches Imperium unter Selim I.

Vorherrschaft in der islamischen Welt - geistiger Kahlschlag in den besetzten Ländern durch Bücherraub und Deportationen - zentrifugale Kräfte im Grossreich
Das osmanische Imperium wird zum bedeutendsten Imperium der islamischen Welt. Der Titel "Diener der zwei heiligen Stätten"/hadim al-haramayn geht vom Mamlukensultan auf den Grossherrn in Konstantinopel über.

-- Selim I. erhält vom Sohn des Scherifs von Mekka die Schlüssel des Ka ‘ba-Heiligtums überreicht

-- Selim I. bestätigt dafür den Scherif in seiner Position und übernimmt den Schutz der Karawanen, Pilgerwege und Heiligtümer sowie den Unterhalt der dortigen Bevölkerung auf Kosten Ägyptens (S.333)

-- Selim I. lässt die besetzten arabischen Länder geistig ausbeuten:
oo Bücherschätze Ägyptens und Syriens werden nach Konstantinopel transportiert, wo sie noch heute stehen
oo Deportation von 100en von Gelehrten, Künstlern und Handwerkern nach Konstantinopel (S.335).

Ägypten: Intrigen der Inhaber der höchsten Reichsämter sind üblich (S.332).

Osmanisches Reich: zentrifugal-separatistische Kräfte
-- im Innern des osmanischen Reiches herrschen unberechenbare zentrifugale Kräfte, die nur mit rigiden Massnahmen unterdrückt werden können.

-- einendes Element ist die arabische Sprache neben den lokal verwurzelten Sprachen wie Syrisch, Türkisch, Armenisch, Kurdisch, Persisch. Gleichsam einigendes Element ist der Islam in seinen verschiedenen Dimensionen

-- Gesellschaftsformen, Ökonomie und Ethnien im osmanischen Reich sind aber sehr verschieden und werden von der osmanischen Herrschaft nur wenig eingeschränkt

-- Konstantinopel wird wirtschaftlicher und geistiger Mittelpunkt und regiert nach Leitlinie, die sich für das türkische Reich bisher bewährt haben. Militärgouverneure, oberste Richter und Verwaltungsbeamte aus Konstantinopel sind alle einheitlich ausgebildet (S.323) und haben den Auftrag, überall im Imperium in gleicher Weise zu urteilen und zu handeln (S.325).

Ägypten: Rechtssprechung, Recht und Struktur des Justizapparats
-- Rechtssprechung nach dem religiösen Gesetz/scharia nach hanafitischem Ritus (S.338)

oo mit Beratern der drei anderen Rechtsschulen von Fall zu Fall (S.338-339)

oo mit nichtreligiösen Vorschriften/qanun des Sultan, zusammengefasst im Buch "Reichsgesetze": Gewohnheitsrecht, Präzedenzfälle oder auch Übernahme von regional verschiedenem Recht (S.339).

-- der Richter von Kairo ist oberster Richter/qadi-’askar, vom Staat bezahlt, entsandt auf Vorschlag des Oberhauptes der osmanischen Richterschaft in Konstantinopel/mufti für jeweils ein Jahr, ist gleichzeitig Mitglied der Gouverneursversammlung/divan

-- der "Richter von Kairo" gehört in die Reihe der prominentesten Richter des Reiches neben den Heeresrichtern von Rumeli und Anatolien, neben den Richtern von Konstantinopel, Mekka/Medina, Bursa und Edirne

-- die 24 Distrikte Ägyptens sind in 37 Gerichtsdistrikte/qada’ mit Gerichtshof unter Vorsitz eines aus Konstantinopel entsandten Richters/qadi unterteilt, finanziert von den Gerichtsgebühren
-- Richter überwachen auch das öffentliche Leben und verwalten oft Stiftungen, für sie ein lukrativer Nebenverdienst

-- Muslime, Nichtmuslime, Männer und Frauen können gleichsam Zeugen und Kläger sein (S.339)

-- die Osmanen deklassieren alle Hauptstädte der Staaten, die sie besetzen und ordnen die Ökonomien und Handelsstädte den Bedürfnissen des Gesamtreiches unter (S.329).(S.325)

Aufschwung im osmanischen Reich - Architekturentwicklung in Ägypten
-- in Aleppo, Basra und Mekka, u.a. bis Ende 18. Jh.
-- Baustil: osmanisch-imperialer Baustil mit mamlukischen Dekorelementen (S.329).

ab 1517
Ägypten: Militärstruktur zum "Schutz" Ägyptens - Pilgerfahrt
Sultan Selim I. belässt zwei Infanteriekorps/ogaq unter Leitung des Gouverneurs und der Ratsversammlung/diwan in Ägypten:

-- Janitscharen/mustahfizan als Wächter Kairos, der Zitadelle und der Residenz des Gouverneurs, angesehen und gut bezahlt

--‘Azaban, sg. ‘Azab, zur Bewachung der Zugänge zur Zitadelle in Kairo und auf Provinzfestungen sowie für Patrouillenboote auf dem Nil (S.329)

-- Konstantinopel hält eine Rotmeerflotte mit Sitz in Suez (S.358).

Die Pilgerfahrt nach Mekka und Medina verläuft ohne Zwischenfälle unter "osmanischem Schutz" (S.333).

ab 1518
Ägypten: Rivalisierende Stammesgruppen: Gruppe um al-Bakri - Derwischorden - Gruppe um as-Sadat
Die Gruppe um al-Bakri ist die Gruppe von Leuten, die ihre Abstammung auf Abu Bakr (632-634) zurückführen, mit Sayh al-Bakri als Sprecher.

Gleichzeitig ist der Sayh al-Bakri/Ältester der al-Bakri der Chef der Derwischorden Ägyptens, die aus allen Schichten Zulauf haben. Der Sayh al-Bakri wird praktisch zu einem einheimischen Führer (S.341).

Religiöse Feste mit Derwischbeteiligung sind
-- Geburt des Propheten
-- Geburt anderer Heiliger
-- Aufbruch zur Pilgerfahrt
-- Begrüssung der heimkehrenden Pilgerkarawane (S.333).

Dementsprechend wächst ihre sozialpolitische Bedeutung in der Gesellschaft (S.341) und erlebt einen Aufschwung, der vor allem von der mittleren und einfachen Bevölkerung getragen wird. Die Derwischbewegung/Sufi-Orden kann sich bis ins 20. Jh. halten (S.333).

In der Folge werden in Kairo verstärkt Klöster und Klausen für Derwische gebaut. Die Ordensscheiche geniessen ein nie dagewesenes hohes Ansehen (S.333).

Die Glaubensgruppe um as-Sadat ist die Gruppe von Leuten, die ihre Abstammung auf den Kalifen ‘Ali, den Schwiegersohn des Propheten, zurückführen. Führer ist Sayh as-Sadat/Ältester der as-Sadat (S.341).

ab 1518
Ägypten: keine Förderung von Philosophie oder Gelehrtentum
weil der Schwerpunkt durch die Deportationen der Intelligenz nach Konstantinopel "verlagert" ist (S.335).

1519
Algier osmanisch besetzt(S.324)

1520 ca.
Ägypten: Vorbereitung von Revolten gegen die osmanische Besetzer
(S.326)

1520-1566
Konstantinopel: Sultan Süleyman "der Prächtige"
(S.326); Sultan Süleyman I. "der Prächtige"
-- ist für die Osmanen "der Gesetzgeber"/ Qanuni (S.331)
-- ist 1520-1533 Statthalter (S.328).

ab 1520
Konstantinopel: Sultan Süleyman Qanuni: weitere Deportationen der arabischen Intelligenz nach Konstantinopel
Auch Sultan Süleyman Qanuni lässt die Gelehrten, Künstler und besten Handwerker der in seinen Feldzügen in Mesopotamien und Persien besetzten Länder nach Konstantinopel deportieren. In Konstantinopel findet eine importierte Blüte statt, gemischt aus allen Provinzen des osmanischen Imperiums (S.335)).

1521
Cyrenaika osmanisch besetzt
(S.324)

1522
Ägypten: Revolten
der Mamlukenemire Ganim und Inal, werden niedergeschlagen (S.326).

1523
Ägypten: Die neue Kataster- und Steuerübersicht für Unterägypten und Teile Oberägyptens ist abgeschlossen
(S.326)

1524
Ägypten: Revolte des osmanischen Gouverneurs Ahmed Pisa, wird niedergeschlagen
Erst jetzt ist in Ägypten jede Gefahr für die osmanischen Besetzer beseitigt (S.326).

1524-1525
Ägypten: Gründung des Korps der Cavus und Bildung des Korps der Cerakise/Tscherkessen
Cavus-Korps: berittene Soldaten und Fusssoldaten, aus ehemaligen Mamluken als Sendboten für Dekrete u.a., mit bestimmten Privilegien und Einkünften.

Cerakise/Tscherkessen-Korps: Bildung deswegen, um die Übergriffe der Freiwilligen/Gonüllüyan und der Flintenschützen/ Tüfenkciyan in den Griff zu bekommen. Das Gehalt für die Freiwilligen und Flintenschützen wird dabei nicht erhöht, und die Cerakise bekommen ebenso niedrigen Sold und Status (S.329).

1525
Konstantinopel: Erlass von Sultan Süleyman zu Steuersystem und Stiftungen
Er verfasst ein Buch zu den Prinzipien der osmanischen Administration als Gesetzessammlung/qanun-name, vor allem mit
-- Bestimmungen zum Steuersystem-- Organisation der frommen Stiftungen/waqf, osm. vaqif.

Das Buch bildet die Richtschnur für die Arbeit von türkischen Kommissionen in Ägypten, die das Land regelmässig bereisen, zur neuen Feststellung von
-- Steueraufkommen
-- Besitzverhältnisse
-- Bevölkerungsverteilung
-- Art der Bodennutzung (S.326) [was durch den wechselnden Nil auf dauernd notwendig ist].

Stiftungseinrichtungen unter den Osmanen sind Moscheen, Schulen, Brunnen, aber auch Mühlen, Wasserräder und Bewässerungskanäle (S.340).

ab 1525
Konstantinopel: Steuersystem
-- der ganze Reichsboden gehört dem Sultan/miri
-- kleinere Lehen können als Sold, Lohn und Gehalt in Parzellen/muqata ‘a abgegeben werden
-- in Europa, Anatolien und Teilen Syriens werden Lehen/timar/zu ‘amet/hass ohne Vererbung vergeben, vor allem für die osmanische berittene Militärelite/sipahi. In Ägypten werden diese Lehen nicht gewährt, die Gründe sind unbekannt (S.326).

Landwirtschaftsbesteuerung erfolgt in "emanet": Einzug durch Reichsbeamte/emin und Weiterleitung an den ägyptischen Staatsschatz nach Kairo bei festem Gehalt des Reichsbeamten unabhängig von den Steuereinnahmen, und durch die "vaqif"/frommen Stiftungen: Abgabe für religiöse oder soziale Einrichtungen oder deren Personal: Moschee, Medrese, Derwischklöster, Armenküchen, Brunnen u.a., v.a. auch nach Mekka und Medina (S.327).

ab 1525
Ägypten: Konsolidierung der osmanischen Herrschaft
und Belebung des städtischen und dörflichen Lebens. Ägypten ist für Osmanen oft noch eine "exotische Welt" gegenüber dem, was sie bisher auf Feldzügen gesehen haben (S.332).

Schichtung der Bevölkerung Ägyptens
-- Mittelschicht: Kaufleute, Handwerker, privilegierte Lehrer wie Professoren, Ordensscheiche und Prophetennachkommen
-- die Masse der Habenichtse: Strassenverkäufer, Wasserträger, Eseltreiber, Unterhalter, Bauern, Beduinen, Gerichtsschreiber, Lehrer der unteren Stufe wie Vorbeter, Prediger Koranschullehrer (S.340).


Ghettostadt Kairo - Moscheen als Bildungszentrum - osmanische Besetzung Mesopotamiens und des Jemen - Kaffee als neuer Trend - osmanische Besetzung bis Tripolitanien - Müteferriqa-Korps - Krieg mit Äthiopien - osmanische Totalbesetzung Nordafrikas - Bey-Herrschaft in Ägypten - Libanons Maroniten mit Beziehungen zum Vatikan - osmanische Kooperation mit Äthiopien - Verfall der osmanischen Macht durch Korruption - aufkommende Janitscharen mit Schutzgelderpressung

Zusammenfassung
Kairo wird neu als Ghettostadt organisiert. Jede Glaubensgruppe oder Berufsgattung bekommt "ihr" Quartier, das mit Mauern umschlossen ist. Die Moscheen von Kairo werden weit über das Land hinaus wirkende Bildungszentren. Währenddessen geht die osmanische Besetzungseuphorie weiter mit gleichzeitiger Eroberung Mesopotamiens, der Küsten des Roten Meeres und Nordafrikas. Die aufkommenden Beys machen den osmanischen Gouverneuren dabei mehr und mehr die Macht streitig, und Korruption wird die Ursache des beginnenden osmanischen Machtverfalls. Die Janitscharen beginnen ein Schutzgelderpressungssystem in der Zeit des Kaffeebooms, wogegen die osmanischen Gouverneure nichts unternehmen können. Libanons Maroniten pflegen unbemerkt eine abweichende Beziehung zum Vatikan.

ab 1530 ca.
Kairo: Gliederung der Stadtbevölkerung - ummauerte und offene Stadtviertel
Gliederung der Bevölkerung nach Stadtvierteln, Berufsgilden, Religion und "Volkszugehörigkeit". Jedes Stadtviertel ist einer Verwaltung mit einem Ältesten/sayh unterstellt, der die Aufgabe zur Schlichtung und Vermittlung zwischen Staatsführung und Volk hat.

Alle Stadtviertel sind von Mauern umgeben mit Toren, die in der Nacht geschlossen werden, mit Tendenz zur religiösen, ethnischen und beruflichen "Homogenität". Es kommt zur Bildung extremer "Ausländerviertel", Christen- und Judenvierteln, wie aber auch zu gemischten Quartieren.

Berufsvereinigungen sind oft ethnisch gemischt. Zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen besteht keine Gleichberechtigung (S.341), aber auch keine Verfolgung (S.342).

ab 1530 ca.
Kairo: Moschee al-Azhar wird Bildungszentrum
Die Moschee al-Azhar wird in zunehmender Weise zum Zentrum intellektuellen und spirituellen Zusammenlebens. Es entsteht eine eigene soziale Einheit mit 100en von Gelehrten und 1000en von Studenten. Die Institution der al-Azhar-Moschee bietet Unterricht, Unterkunft, Verpflegung, Zuflucht, geistige Führung, Gebet und sozialen Kontakt (S.340).

Die Moschee-Einrichtung wird von vielen religiösen Stiftungen finanziert. Sie ist ein moralisches Gegengewicht gegen die osmanische und spätere neomamlukische korrupte Elite (S.341).

1534
Mesopotamien osmanische besetzt
(S.324)

1535-1536
Kairo: Statthalter Hüsrev Pascha
mit Stiftung eines Brunnenhauses/Sabil-kuttab (S.328).

1538-1549
Kairo: Statthalter Davud Pascha [kein Druckfehler!]
(S.328)

1538-1635
Osmanische Besetzung von jemenitischen Küstenstationen - Kampf gegen den jemenitischen Imam
Erworbene Küstenstationen werden zu osmanischen Provinzen erklärt.
Der zaiditische Imam des Jemen verschanzt sich mit seinen Kämpfern im Hochland und in Sanaa/San ‘a (S.331).

1541
Kairo/Bautätigkeit: Brunnenhaus von Süleyman Pascha fertiggestellt
(S.328)

1546
Jemen: Osmanische Besetzung von Sanaa
Besetzung des Jemen unter Özdemür Pascha, Fall von Sanaa. Der zaiditische Imam kämpft in den Bergen weiter (S.331). Die Eroberung des Jemen wird hauptsächlich von der osmanischen Rotmeerflotte mit Sitz in Suez getragen (S.358).

1548
Kairo/Bautätigkeit: Moschee des Statthalters Davud Pascha fertiggestellt
(S.328)

um 1550
Nubien: Osmanische Besetzung von Unternubien zwischen dem ersten und zweiten Katarakt
-- heute zum Teil im Assuan-Stausee verschwundene Landschaft
-- südlichster Punkt der osmanischen Heerrschaft Ägyptens ist Wadi Halfa, heute Nord-Sudan (S.330).

ab 1550
Das osmanische Imperium als wirtschaftliche Sicherheit - Kaffeegenuss im ganzen Reich - Bildungszentrum Moschee al-Azhar - Architektur
Das osmanische Imperium kann Grenzen beseitigen, Handelswege sichern, neue Märkte öffnen und den Binnenhandel intensivieren.

Kaffee breitet sich als Genussgetränk im ganzen osmanischen Reich aus und wird zum "Volksvergnügen". Bedenken von Theologen oder Sittenpolizei haben keine Wirkung (S.336).

Kairo: Moschee al-Azhar: Die Ausstrahlungskraft der Moschee reicht weit über Ägypten hinaus. Die Moschee ist Treffpunkt für Studenten aus Hedschas, Syrien, Nordafrika und Sudan. Die Studenten sind in Kollegien nach Herkunftsländern untergebracht (S.341).

Der osmanisch-imperiale Baustil entwickelt in dieser Zeit seinen "Höhepunkt" (S.329).

1551
Tripolitanien osmanisch besetzt
(S.324)

1552
Jemen: Beginnende "Rückeroberung"
-- der zaiditische Imam unterwirft sich der osmanischen Oberherrschaft.
-- ausbleibender Nachschub untergräbt eine wirksame osmanische Politik, so dass in Jemen bald
die "Rückeroberung" gegen die Osmanen beginnen kann (S.331).

1553-1566
Kairo: Süleyman Pascha als Statthalter
(S.328)

1554-1555
Ägypten: Gründung des Korps der Müteferriqa: Fusssoldaten
bestehend aus ehemaligen Mamluken. Die Müteferriqa wird die meistprivilegierteste und bestbezahlte Truppe in Ägypten (S.329).

1555
Osmanische Besetzung der Westküste des Roten Meeres
unter Özdemür Pascha (gest. 1560) von Suakin/Sawakin an der Westküste des Roten Meeres bis zum Bab al-Mandab mit Südgrenze des heutigen Eritrea, des Habes (heute Südküste Eritreas), wegen Handelsinteresse am Roten Meer (S.330)

ab 1555 ca.
Jemen: Rebellion des zaiditischen Imam und der Stammesführer des jemenitischen Hochlandes
(S.331)

1557 ca.
Äthiopien: Krieg zwischen osmanischen Habes-Truppen und Truppen der christlichen Könige von Äthiopien
(S.331)

1560
Konstantinopel: Tod von Özdemür Pascha
(S.330)

3.Viertel des 16. Jh./ ab 1560 ca.
Osmanische Besetzung in Nordafrika ist abgeschlossen.
(S.330)

1566
Konstantinopel: Tod von Sultan Süleyman
(S.331)

ab 1566
Osmanisches Reich: Niedergang
Ab dem Tod von Sultan Süleyman beginnt der Niedergang der osmanischen Macht (S.331), was diverse Ursachen hat:

-- Inflation ab Ende des 16. Jh. wie in allen Mittelmeerländern bei gleichbleibendem Sold für sämtliche Ränge der osmanischen Armee

-- die hohen osmanischen Militärs beginnen, nach neuen Einnahmequellen zu "greifen", werden korrupt und haben falsche Vorstellungen von den Kriegsgegnern, so dass zusätzlich auch die Kriegswirtschaft wegen ausbleibender Beute zusammenbricht

-- mit zusammenbrechender Struktur beginnt Landflucht, Bandenwesen, Verfall der Feudalstrukturen und Aufstände gegen die korrupten Militärs

-- der Kolonialismus Europas und die überseeischen Besetzungen der europäischen Staaten lassen die Türkei "alt aussehen", so dass der Machtverfall noch schlimmer empfunden wird, als er tatsächlich ist (S.332).

1567-1568
Kairo: Statthalter Sinan Pascha
(S.328)

1568
Kairo: Bericht des osmanischen Historikers Mustafa ‘Ali über Kairo. Begeisterung über die osmanische Disziplin und die Einrichtungen
(S.332)

Jemen: Osmanisch besetzte Teile schmelzen auf einen kleinen Küstenstreifen zusammen, die Tihama
(S.331)

1569-1570
Jemen: Osmanische Offensive unter dem ägyptischen Statthalter
(S.331)

ab 1570 ca.
Ägypten: stetig wachsende Korruption und Niedergang
-- Verarmung der Landbevölkerung
-- energische "Gegenmassnahmen" des Gouverneurs nützen nichts
-- der Niedergang der osmanischen Autorität ist nicht zu stoppen (S.335).

1571-1573
Ägypten: Gouverneur: der frühere Statthalter Sinan Pascha
(S.328)

1571
Kairo/Bautätigkeit: Moschee des Statthalters Sinan Pascha fertiggestellt
(S.328)

1574
Tunis osmanisch besetzt
(S.324)

1574-1578 ca.
Osmanische Besetzung von Äthiopiens Küste bis zum Horn von Afrika
(S.330)

ab 1580 ca.
Ägypten-Beys: Beys bekommen höhere Posten im osmanischen Staat - Gefährdung des osmanischen Gouverneurs
Die Beys können Posten von osmanischen Offizieren oder Administratoren übernehmen und so noch mehr Hausmacht aufbauen, zum Beispiel den Posten
-- des Führers der Pilgerkarawane/amir al-hadsch
-- des obersten Finanzbeamten/defterdar
-- des Statthaltervertreters/qa’ im-maqam
-- des Gouverneurs von Nubien mit Sitz in Girga
-- das Kommando über den jährlichen Tributkonvoi nach Konstantinopel
-- den Oberbefehl über das ägyptische Truppenkontingent in Ägypten oder an Feldzügen ausserhalb Ägyptens (S.335).

In der Folge steht auch die Position des Gouverneurs immer mehr in Frage (S.335).

1580-1583
Kairo: Statthalter Hasan Pascha
(S.328)

1583
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Brunnenhauses von Hasan Pascha
(S.328)

1584
Libanon/Maroniten-Vatikan: Gründung eines maronitischen Kollegs in Rom mit Beziehungen zu Frankreich
(S.378)

1586
Ägypten: Revolten und Beys
Beginn einer Serie von Revolten gegen die korrupten Osmanen und Aufstieg der Beys. Beys sind freigelassene, meist tscherkessische und andere kaukasische Sklaven, Chefs von "neo-mamlukischen Haushalten". Sie sind zu keiner militärischen Formation zugeteilt und stehen immer für "spezielle Einsätze" zur Verfügung. Die Revolten richten sich gegen Korruption und Verarmung (S.335).

1587-1629
Mesopotamien: Schah ‘Abbas "der Grosse"
(S.262)

1590 ca. - 1612
Anatolien: Gelali-Aufstände gegen korrupte osmanische Militärs und das verfallende Steuer- und Finanzwesen
(S.332)

Ende 16. Jh./ 1590 ca.
Äthiopien: Friede zwischen dem osmanisch besetzten Habes (heute südliches Eritrea) und dem christlichen Äthiopien
Gegenseitige Anerkennung und Kooperation. Europäische Missionare werden gemeinsam abgelehnt (S.331).

1599
Kairo: Bericht des osmanischen Historikers Mustafa ‘Ali über Kairo: verfallende Macht durch Korruption und fehlende Disziplin der Gouverneure
fällt sehr betrübt aus wegen dem osmanischen Machtzerfall:
-- Intrigen haben sich bis in die untersten Ebenen der Militärs und der Verwaltung etabliert (S.332)
-- Gouverneure vernachlässigen Fürsorgepflichten gegenüber der Bevölkerung (S.332-333)
-- die neo-mamlukischen Beys leben in Übermut und Luxus
-- Provinzgouverneure/kasif veruntreuen Steuergelder
-- disziplinlose Garnisonstruppen
-- osmanische Korps/ogaq sind durch tscherkessische Sklaven/mamluk "unterwandert"
-- das Verhältnis zwischen Osmanen/rumi und Einheimischen ist zerstört (S.333).

In der Folge fehlen in der Gesellschaft allgemein Disziplin und Integrität. Und es kommt zur Lebensmittelknappheit, obwohl eigentlich wie früher ein Überangebot herrschen könnte. Historiker Mustafa ‘Ali findet die Schuldigen des Systemzerfalls in Ägypten bei den einzelnen Gouverneuren (S.333).

17.+18. Jh./ 1600-1799 ca.
Ägypten: Die osmanischen Milizenbosse/aga und die führenden Offiziere/kethudasind die politisch einflussreichsten Figuren des politischen Lebens in Ägypten. Die militärische Zwangsherrschaft über das ägyptische Volk geht ungebrochen weiter (S.329).

ab 1600 ca.
Ägypten: Kaffee-Boom - Bauboom in Kairo - Gerbereien und Paläste
Die Kaffee-Händler Ägyptens, die truggar, steigen zu Reichtum auf und können Millionenvermögen anhäufen. Ein Sechstel der Karawanen Ägyptens sind reine Kaffee-Karawanen. Die Händler leben in palastartigen Wohnbauten mit Dekor der Mamlukenzeit. Kairo erlebt einen Bauboom (S.337).

Die Gerbereien der Stadt werden vom Süden an den westlichen Stadtrand verlegt, wo noch kaum Land besiedelt ist. Die Villenpaläste der Beys werden im Süden von Kairo am "Elefantenteich"/Birkat al-Fil gebaut (S.337).

Janitscharensystem der Ausbeutung - Spaltung der Beys und Machtspiele des Gouverneurs mit den Beys
Gleichzeitig etablieren die Janitscharen in Ägypten ein System der Wirtschaftskontrolle durch Protektion und Ausbeutung. Kaufleute und Handwerker müssen sich den Janitscharen zunehmend unterwerfen, v.a. die Grosskaufleute/truggar und Bauern, vor allem aber die Kaffeehändler. Der Filz zwischen Janitscharen und den Grosskaufleuten wird undurchdringlich (S.342).

Währenddessen spalten sich die ägyptischen Beys in Faqariyya und Qasimiyya. Diese Aufteilung spaltet alle Korps/ogaq in Ägypten. Die Faqariyya-Gruppe unter Führer Cerkes Ridwan Bey al-Faqari und die Qasimiyya-Gruppe unter Führer Ahmad Bey al-Qasimi bekämpfen sich jahrzehntelang, und der osmanische Gouverneur beginnt, mit den Beys zu jonglieren, um seinen Posten gegenüber den beheimateten Beys zu retten:

-- er beeinflusst die Vergabe der Steuerpachten
-- er spielt mit Taktik die verschiedenen Beys gegeneinander aus
aber auf die Truppen der Beys hat der Gouverneur keinen Einfluss mehr (S.336).


Pilgerkarawane als Karrieresprungbrett des Beys al-Faqari - holländisches Vordringen in Jemen - ägyptische Unterwerfung der Hawwara-Beduinen in Nubien - Janitscharendominanz im ägyptischen Heer und in Ägypten durch Schutzgelderpressungen - Jemen im Guerillakrieg - britisches Vordringen in Jemen - europäischer Gewürzhandel, ägyptischer Kaffeehandel und Bauboom unter Bey al-Faqari - Jemens Unabhängigkeit - neue Steuerpacht - Libanon unter "Schutz" von Ludwig XIV. - Tod von al-Faqari und Bürgerkrieg in Ägypten - osmanische Niederlage vor Wien

Zusammenfassung
Bey al-Faqari kann 25 Jahre lang die ägyptische Pilgerkarawane leiten und bekommt dadurch ein hohes Ansehen im muslimischen Volk Ägyptens, während Holländer und Engländer in Jemen erste Handelsstationen "eröffnen". Die osmanische Autorität in Ägypten nimmt weiter ab und wird durch die Schutzgelderpressungen der Janitscharen abgelöst. Europäische Schifffahrtsgesellschaften ziehen einen Grossteil des ägyptischen Gewürzhandels an sich, jedoch können die führenden Handelsfamilien die Ausfälle mit Kaffeehandel kompensieren und eine hochtrabende Bautätigkeit entwickeln, die durch die Herrschaft von Bey al-Faqari gefördert wird. Währenddem erstreiten sich Jemens Stämme die Unabhängigkeit. Das Steuersystem Ägyptens wird durch die Steuerpacht neu geregelt. Europas Einmischung in der Levante nimmt durch den "Schutz" der Maroniten im Libanon durch Ludwig XIV. weiter zu. Als der grosse Bey al-Faqari von Ägypten stirbt, bricht in Ägypten zwischen den konkurrierenden Bey-Gruppen Faqariyya und Qasimiyya ein Bürgerkrieg aus. Die überlebenden Beys arrangieren sich mit den Milizen des Gouverneurs, so dass die osmanische Macht praktisch ausgeschaltet wird. Die osmanische Taktik scheint an Ägypten nicht sehr interessiert gewesen zu sein. Die Niederlage vor Wien setzt den osmanischen Kriegstreibern (im Bündnis mit dem französischen König) eine klare Grenze in Mitteleuropa.

Chronologie (Fortsetzung)

ab 1605 ca.
Ägypten-Beys: al-Faqari wird Führer der Pilgerkarawane
Cerkes Ridwan Bey al-Faqari bekommt das Amt des Führers der Pilgerkarawane und behält es mit kleinen Unterbrechungen 25 Jahre lang.
(S.336)

ab 17. Jh./ ab 1605 ca.
Jemen: Den osmanischen Paschas gelingt das Abdrängen der Europäer nicht
(S.331)

1606/1607
Nubien: Banu Hawwara-Beduinen: osmanischer Sieg und Machtverlust der Banu ‘Umar
Erst jetzt verliert die grösste Familie der Banu Hawwara-Beduinen, die Banu ‘Umar, ihre Macht. Nach dem Sieg der osmanischen Truppen erfolgt die Entsendung eines osmanischen Gouverneurs in die nubische Hauptstadt Girga. Das iltizam-Steuersystem mit Steuerpacht wird jedoch nicht eingeführt (S.330).

Der Gouverneurssitz hält sich bis in die zweite Hälfte des 18. Jh. Der dortige Gouverneur hat die höchsten Einnahmen unter den 37 ägyptischen Distrikten. Steuern werden erhoben auf die Landwirtschaft und die reichen Karawanen aus den Sudan-Königreichen Darfur und Sinnar mit Sklaven-, Gold- und Elfenbeinimporten (S.330).

1608
Jemen: erste holländische Handelsstation, vor allem für Kaffeehandel über den Hafen Mokha/al-Muha
(S.331)

17. Jh.
Ägypten: Intrigen betreffen das Volk kaum
Das Volk ist von den Machtkämpfen und Intrigen der Machthaber und herrschenden Schichten nicht betroffen. Ein Netzwerk von traditionellen sozialen Strukturen schützt den Einzelnen. Das Rechtswesen der religiös von den Osmanen neu geregelten Gerichtshöfe funktioniert für den Einzelnen den vorliegenden Gerichtsquellen der damaligen Zeit nach zu urteilen verhältnismässig reibungslos (S.338).

bis 1610 ca.
Ägypten: Die Janitscharen herrschen vor
Die Janitscharen-Korps dominieren die militärische Szene. Die Beys und Neomamluken haben nur wenig Einfluss (S.342).

1610
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung der Moschee des Malika Safiyyavom Haremsaufseher Osman Aga gestiftet (S.338).

17. Jh./ 1610-1690 ca.
Kairo: Bauboom - Blüte von Rosette/Raschid
Bau von zahlreichen öffentlichen Brunnen, oft mit Koranschule im Obergeschoss/Sabil-kuttab, sind bis heute zahlreich erhalten. Stifter sind in der Regel höhere Offiziere aus den sieben osmanischen Korps/ogaq, dann auch einzelne Beys. Ebenso Bau von Bädern. Kein Bau von königlichen Stiftungen wie Medresen, Moscheen oder Mausoleen (S.338).

Auch die Hafenstadt Rosette/Raschid erlebt eine "Blüte". Es ist der grösste ägyptische Hafen der Zeit (S.338).

ab 1610 ca.
Ägypten: Janitscharensystem: Filz und Protektionssystem
Die Janitscharen erreichen mit ihrem Kontrollsystem die praktische Herrschaft in ganz Ägypten (S.342).

ab 1610
Jemen: Beginn des Guerillakriegs
des zaiditischen Imam und der Stammesführer gegen die osmanischen Besetzer (S.331).

1614
Jemen: erste englische Handelsstation, vor allem für Kaffeehandel über den Hafen Mokha/al-Muha
(S.331)

17. Jh./ ab 1615 ca.
Portugal, Holland und England im Gewürzhandel
Die Gewürzroute wird mehr und mehr von Portugal, England und Holland bestimmt. Ägypten kann die Ausfälle aber kompensieren und steigt in den Handel mit jemenitischem Kaffee ein. Umschlagplätze sind die jemenitischen Plätze Mokha und Bayt al-Faqih (S.336).

1623-1639
Mesopotamien: Schah ‘Abbas "der Grosse" gliedert Mesopotamien wieder im Safawidenreich ein
Ihm gelingt die Zerschlagung der halbunabhängigen geistlichen Territorien. Er begründet eine wirksame zentrale Lehensbehörde in Mesopotamien (S.262).

1630 ca.
Ägypten-Beys: Cerkes Ridwan Bey al-Faqari leitet eine Renaissance Ägyptens ein
Cerkes Ridwan Bey al-Faqari ist die erste herausragende politische Figur in Ägypten, die ausserhalb des osmanischen Establishments steht. Seine Autorität ist unbestritten und Ägypten erlebt eine neue wirtschaftliche "Blüte".

Die Faqariyya-Partei der Beys hat 1630-1656 über 30 Jahre lang das Übergewicht gegenüber der Qasimiyya (S.336).

ab 1630 ca.
Ägypten: Bündniswillkür der Neo-Mamluken mit den Beduinen und der Beduinen mit Rebellen
Die Neomamluken schliessen und brechen je nach Situation die Zweckbündnisse mit den Beduinen. Die Beduinen tun mit städtischen Rebellen dasselbe, um ihre Macht gegen Unterägypten auszuweiten. Machtgruppen, die die Gewalt in Kairo verlieren, retten sich mit ihrem Gefolge regelmässig nach Nubien oder in die westliche Wüste/Provinz al-Buhayra, und versuchen ein Arrangement mit den Beduinen, bis eine Chance zur Rückkehr nach Kairo durch einen nächsten politischen Umsturz oder Konstellation zustande kommt (S.343).

ab 1630 ca.
Kairo/Bautätigkeit: Bau zahlreicher Karawansereien/han,wakala, und Märkte/suq,qasaba
(S.338)

1632
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Palasts des Gamal ad-din ad-Dahabi, bis heute erhalten
(S.338)

1635
Jemen: Abzug der osmanischen Besetzer. Jemen wird selbständig.
(S.331)

während des 17. Jh./ ab 1640 ca.
Ägypten: Steuerpacht statt direkte Steuer
Die "emanet"-Wirtschaftssteuer nach Kairo wird von der Steuerpacht/iltizam und Steuerpächter/mültezim verdrängt (S.327). Die Steuerpacht wird auch auf Läden, Waren, Zöllen und Schutzgebühren erhoben (S.328).

1648
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Palastes des as-Sahaymi
(S.338)

1649
Libanon/Maroniten-Frankreich: "Schutz" durch Ludwig XIV.
-- Ludwig XIV. stellt die Maroniten des Libanongebirges "unter seinen Schutz"
-- die europäische Grossmacht ist somit religiöse, politische und ökonomische Schutzherrin der Maroniten (S.378).

um 1650
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des überdeckten Markts/qasaba des Ridwan Bey al-Faqari
(S.338)

ab Mitte 17. Jh./ 1650 ca.
Ägypten: Machtverlust der Müteferriqa- und Cavus-Korps
Im Zuge des Niedergans der osmanischen Macht in Ägypten verlieren die Korps der Müteferriqa und Cavus an Einfluss und Status. An Macht gewinnen dagegen die Janitscharen-Korps/mustahfizan (S.329).

1656
Ägypten-Beys: Tod von Bey-Führer Cerkes Ridwan Bey al-Faqari
(S.336)

1660
Ägypten-Beys: Sieg der Qasimiyya gegen die Faqariyya
Die Qasimiyya unter Führung von Ahmad Bey al-Qasimi können die Faqariyya zerschlagen, töten die Angehörigen oder treiben sie ins Exil (S.336).

1660-1662
Ägypten: Vernichtungskampf zwischen Faqariyya und Qasimiyya
Die beiden Neo-Mamlukengruppen machen sich gegenseitig den Anspruch auf die Macht in Ägypten kaputt, indem sie sich gegenseitig vernichten.

Der Statthalter seinerseits muss erkennen, dass die eigenen Milizen seine potenten ökonomischen und militärischen Gegner sind (S.342).

ab 1662
Ägypten: Überlebende Mamluken gehen in die Milizen
Die Überlebenden Mamluken der Faqariyya und Qasimiyya finden sich zu neuen Koalitionen mit den Milizen zusammen. Es beginnen sich lokale Machtzentren zu bilden, ohne dass die osmanische Herrschaft noch Einfluss hätte (S.342).

1673
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung der Karawanserei des Du l-Fqar Kethuda
(S.338)

gegen Ende 17. Jh./ 1680 ca.
Jemen-Kairo: Reichtum durch Kaffee-Export
Jemen exportiert jährlich 200’000 Zentner Kaffeebohnen, davon 100’000 über Kairo. Davon bleiben 50’000 Zentner im osmanischen Reich (S.337).

1683
Wien-Konstantinopel: Türkische Niederlage vor Wien
(S.381)


Erste europäische Militärberater in Konstantinopel - neue Bey-Paläste in Kairo - dominierende Lokalherren und zerbrechende osmanische Herrschaft im Vorderen Orient - Wahhabiten - Maroniten weiter gegen Drusen - Hawwara-Unterwerfung in Nubien - ägyptische Expansion und Bündnis mit Akkon - russischer Vorstoss ans Schwarze Meer - Sultan Selim III., französische Revolution, ägyptische Rebellion - osmanischer Reformstreit

Zusammenfassung
Nach der Niederlage vor Wien müssen die osmanischen Militärs europäische Militärberater zur Modernisierung ihrer Armee zulassen. In Ägypten können sich die Beys ihre de-facto-Unabhängigkeit mit neuen Palästen "vergolden". In Ägypten, Syrien und Libanon beherrschen Lokalherren die Szene, und auch im Habes, dem heutigen Eritrea, schwindet die osmanische Macht. Als Kontrast zu den immer mehr weltumspannenden Handelsströmen entsteht auf der arabischen Halbinsel der Glaube der Wahhabiten, der mit der Zeit auch in Hedschas, ‘Asir und Jenen Fuss fassen kann. In Mesopotamien regieren währenddessen in den Städten die Mamluken. Auf dem Land können sie die mitunter etablierten Stammesherrschaften nicht mehr brechen. Der starke Bey Ägyptens, ‘Ali Bey, lässt den Hawwara-Beduinen in Nubien die Steuerpacht aufzwingen und vollendet mit der Besetzung Syriens und Palästinas das alte ägyptische Imperium, ohne sich jedoch als "unabhängig" zu erklären, um Konstantinopel nicht zusätzlich zu provozieren. Erst als Ägypten auch noch die Steuerzahlungen verweigert, wird Kairo erneut osmanisch besetzt und Reformen eingeleitet. Die russische Gefahr hält Konstantinopel viel mehr in Atem, während im Libanon unter Basir II. die christlichen Maroniten mittels ihrer erfolgreichen Seidenproduktion, die mit Frankreich in Verbindung steht, weiter die Drusen an den Rand drängen. Als mit Sultan Selim III. in Konstantinopel endlich ein türkischer Reformer an die Macht kommt, wird dieser von der  "französischen Revolution" überrollt. In Ägypten regieren wieder die Beys, und Konstantinopel weiss nicht, welche Reformen dem Reich wohl am besten bekommen werden. Ratlosigkeit, Machtlosigkeit und Nachahmung herrschen vor.

ab 1683
Konstantinopel nach der Niederlage vor Wien: Reformwille im osmanischen Heer
Strategie zur Reform des Heeres nach der Niederlage gegen die neue europäische Technik:
Einführen neuer Techniken mit Hilfe von Renegaten und Asylsuchenden aus Europa. Es kommt aber nur zu punktuellen und selektiven Neuerungen (S.381).

ab Ende 17. Jh./ 1695 ca.
Kairo: Moschee al-Azhar: Der Rektor des Lehrkörpers/sayh al-Azhar, beginnt eine politische Rolle innerhalb der religiösen Elite Ägyptens zu spielen
(S.340)

18. Jh./ ab 1710 ca.
Kairo: Wechsel des Palastviertels - neuer Bauboom im Westen
Kairo platzt mit 300’000 Einwohnern aus allen Nähten. Die Beys, denen das dichte Leben des "einfachen Volkes" nicht mehr erträglich ist, bauen ihre Paläste neu im Westen der Stadt jenseits des Nilkanals/halig um den Azbakiyya-Teich und verursachen einen neuen Bauboom für die Stadt (S.337).

1.Hälfte 18. Jh./ 1710-1750 ca.
Ägypten: Herrschaft lokaler gemischt-ägyptischer Machtgruppen - Sklavenhaltung
Zwischen Janitscharen und Mamluken bilden sich gemischte Machtgruppen, die lokal verwurzelt sind und denen das Gesamtsystem des Staates nicht mehr wichtig ist (S.342).

Die herrschende Klasse beginnt, sich Sklaven zu halten, um politische und wirtschaftliche Positionen zu verteidigen. Alle Grenzen zwischen osmanischer Herrschaft, Milizen, Beys, Gelehrten und Kaufmannselite sind aufgehoben. Es herrscht eine Kleingruppe von ethnisch heterogenen Mamlukenhaushalten/bayt. Patrons- und Generalshaushalte stehen machtmässig gleichwertig neben Beys, zum Beispiel der Haushalt der Qazdagliyya oder der Galfiyya (S.342).

ab 18. Jh.
Habes: Selbstverwaltung
Der Habes (heutige eritreische Südküste) bekommt mehr und mehr eine Selbstverwaltung und wird kaum noch in Konstantinopel erwähnt (S.331).

1725-1808
Damaskus: Dominanz der Familie al ‘Azm, Gouverneure müssen sich immer "arrangieren"
(S.377)

ab 1725
Syrien/Libanongebirge/Palästina-Bergland: haben eigene "Lokalherren"
(S.377); es sind rivalisierende Familienoberhäupter. Jährlich müssen osmanische Steuerexpeditionen der Gouverneure von Damaskus durchgeführt werden (S.378).

1726-1834
Mossul: herrschende Familie der Galilis
(S.378)

1739
Arabien: Begründung der Wahhabiten um Wahhab
Entstehung der Glaubensgruppe um Muhammad b. ‘Abd al-Wahhab - die "Wahhabiten" - und Adaptation durch den Stammesführer des Nadschd, Muhammad b. Sa ‘ud, mit Sitz in Dar ‘iyya/Riad.

Leben nach dem Koran und der Sunna. Alle späteren Entwicklungen und Interpretationen werden abgelehnt, auch alle Heiligenverehrungen. Verbot von Alkohol und Tabak. Strenge Verfolgung bei Nichtbeachtung (S.375).

1742-1754
Ägypten: Machtausübung der Janitscharen unter Ibrahim Kethuda
-- er ist Chef der Janitscharen, Patron des mächtigsten Haushaltes der Qazdagliyya
-- Ibrahim Kethuda regiert mit dem Kompagnon Redwan Kethuda, Chef der ‘Azab, Patron der Galfiyya. Beide haben machtmässig auch ohne Bey-Titel so viel Macht wie die Beys (S.342).

1749-1831
Bagdad: herrschende Mamluken georgischer Herkunft mit Einfluss
(S.378-379) und Macht auf die Städte in ganz Mesopotamien. Das Land aber ist von Stämmen und Stammeskonföderationen dominiert (S.379).

ab Mitte 18. Jh.
Libanon: Maroniten: Bevölkerungswachstum und ökonomischer Erfolg durch Seidenproduktion bedrängt Drusen
Die maronitische Bevölkerung wächst schneller und ist ökonomisch erfolgreicher als die drusische Bevölkerung. Die Sicherheit zum Wachstum wird durch die Seidenproduktion erreicht. Die Maroniten öffnen ihren Teil des Libenongebirges für europäische kulturelle und ökonomische Einflüsse.
Zusammenarbeit mit dem Vatikan wird weiter gepflegt, die seit den Kreuzzügen besteht (S.378).

1760-1772
Ägypten: Machtausübung von ‘Ali Bey, Chef der Beys/sayh al-balad
vom Haushalt der Qazdagliyya (S.342) zieht eine Alleinherrschaft in Ägypten auf und erreicht eine gewisse Prosperität, regiert jedoch zu wenig lang, um auf dem Land alle Zerstörungen zu beseitigen (S.343).

zwischen 1760-1772 / 1765 ca.
Nubien-Feldzug unter ‘Ali Bey nach Oberägypten gegen die Hawwara-Beduinen
Die Beduinen unterstehen bisher nicht dem Pachtsystem/iltizam, haben aber regelmässig und vollständig Steuern bezahlt. Durch gemeinschaftliche Arbeit erreichten die Beduinen eine grössere Ernte als die Bauern Unterägyptens. Dieser Zustand soll zerstört werden.
Der Feldzug unter ‘Ali Bey ruiniert die Hawwara und deren Gebiete (S.343). Einführung der Steuerpacht/iltizam in Nubien (S.330).

1766-1772
Ägypten: ‘Ali Bey: Vision einer Restitution des "grossen Ägypten"
‘Ali Beys Regierung betreibt eine "geschickte" Handelspolitik mit den europäischen Staaten . Er hat die Vision eines mit Syrien "wiedervereinten" unabhängigen Ägypten, dem auch Hedschas mit Mekka und Medina wieder angehören soll (S.343).

ab 1770 ca.
Arabien/Wahhabiten: Verbreitung der Wahhabitenideologie
im Nadschd, Hedschas, ‘Asir und Jemen unter Muhammad b. Sa ‘ud (S.375).

ab 1770
Ägypten: anhaltende politische und ökonomische Krisen und Epidemien
(S.337)

1770-1771
Ägypten: Feldzug unter ‘Ali Bey gegen Palästina und Syrien - Bündnis mit Rebell Dahir al-’Umar von Akkon gegen Konstantinopel
‘Ali Bey kompromittiert sich mit diesen Handlungen selber, erklärt aber nie die ägyptische Unabhängigkeit (S.343).

1772-1775
Ägypten: Tod von ‘Ali Bey - Nachfolger: Muhammad Bey Abu d-Dahab
(S.343)

1774
Konstantinopel-Russland: Vertrag von Küçük Kaynarca - russisches Vordringen an die Krim
Verlust des muslimischen Nordufers des Schwarzen Meeres mit muslimischen Gebieten an Russlands Katharina II. Das Schwarze Meer geht als osmanisches Binnenmeer verloren, was einen grossen Schock in Konstantinopel auslöst.

Das Militär in Konstantinopel sieht, dass das osmanische Reich in seinem Kern in Gefahr gerät, wenn nicht grundlegende Heeresreformen vollzogen werden (S.381).

1775-1778
Ägypten: Tod von Muhammad Bey Abu d-Dahab - Nachfolger: Ibrahim Bey und Murad Bey, die sich die Herrschaft teilen
verweigern die jährliche Steuerzahlung an Konstantinopel, was eine "Strafexpedition" heraufbeschwört (S.343).

1779
Kairo/Bautätigkeit: Fertigstellung des Palastes von Mahmud Muharram
(S.338)

gegen Ende 18. Jh./ 1780 ca.
Frankreich: Die Hälfte aller Importe sind Kaffeebohnenlieferungen aus Ägypten
(S.337)

1786-1787
Konstantinopel-Ägypten: Osmanische Strafexpedition unter Admiral/qapudan Gazi Hasan Pascha
(S.343-344)

Besetzung von Unterägypten und Kairo und Einleitung von Reformen
(S.344)

1787
Ägypten: Abzug der Strafexpedition gegen Ägypten
unter Admiral Gazi Hasan Pascha wegen der russischen Gefahr im Norden des osmanischen Reiches (S.344).

Herbst 1787-1792
Osmanisch-russischer Krieg(S.344)

1787-1798
Ägypten: Restitution des neomamlukischen Regimes - Bürgerkriege
-- nach Abzug der osmanischen Truppen unter Admiral Gazi Hasan Pascha wird die etablierte Neuordnung vom Volk und von den ägyptischen Repräsentanten gleich wieder umgeworfen und das neomamlukische Regime wieder installiert (S.344).

-- neben Bürgerkriegen hat die Bevölkerung unter Naturkatastrophen, Hungersnöten und Seuchen zu leiden

-- die Verarmung weiter Schichten der städtischen Bevölkerung nimmt durch die Ausbeutung durch die Duumvirn zu. Aufstände der städtischen Bevölkerung bringen keine Verbesserung

-- gleichzeitig werden die Osmanen oft als Richter angerufen, für die Bevölkerung einzustehen. Zum ersten Mal erlangen die Einheimischen so ein Mitspracherecht bei der Regierung ihres Landes (S.344).

1788-1840
Libanon: Herrschaft des Emirs Basir II as-Sihabi
ist Rückzugsgebiet für religiöse und ethnische Minderheiten.

Unter Basir II. können sich die sozio-ökonomischen Strukturen festigen. Gleichzeitig etabliert er aber eine Diskriminierung der drusischen Lokalherren im Süden des Libanongebirges gegenüber der Maroniten im Norden (S.378).

1789-1807
Konstantinopel: Sultan Selim III.: Reformversuche - französische Revolution
Selim III. ist der erste türkische Militärreformer im Osmanischen Reich. An den sozialen Zuständen
wird im osmanischen Reich nichts verändert (S.381-382).

Sultan Selim III. ist bereit, die Schwierigkeiten in Ägypten zu lösen und den Vorschlägen aus Ägypten zu folgen. Nach dem Ausbruch der französischen Revolution sind die Kräfte der Osmanen aber in Europa engagiert. Die Strafe gegen ägyptischen Mamlukenbeys, die aus Gier z.B. weiter die Steuern ganz Ägyptens einbehalten, muss warten (S.344).

1791/1792
Konstantinopel: Forderung nach Expertisen für Reformen - Dauerstreit um Reformen
Selim III. fordert Expertisen über die Ursache der Schwäche des osmanischen Heeres und Massnahmenvorschläge.

In der Folge werden Vorschläge gemacht:
-- die Restitution der Armee von 1517, des "goldenen Zeitalters"
-- punktuelle Verbesserungen nach europäischem Vorbild
-- Aufstellung einer völlig neuen Armee nach europäischem Vorbild.

Die Diskussion ist heftig im Gang und verunsichert das osmanische Reich ein ganzes halbes Jahrhundert (S.382).

1792-1793
Konstantinopel: Verordnungen von Selim III.: "neue Ordnung" / nizam-i gedid - Torpedierung der Reformen
-- neue Infanterietruppe nach europäischem Vorbild mit europäischen Offizieren mit dem Namen nizam-i gedid
-- Gründung neuer Militärschulen, wo Reformer heranwachsen
-- Einrichtung von türkischen Botschaften in europäischen Hauptstädten, wo Reformer heranwachsen.Die konservativen alten Janitscharen-Truppen und wichtige Provinzgouverneure stemmen sich gegen die "neue Ordnung" und torpedieren sie, wie es nur geht (S.382).

gg. Ende des 18. Jh./ 1795 ca.
Kairo: Moschee al-Azhar: Starke Stellung des Rektors
Der Rektor des Lehrkörpers/sayh al-Azhar wird durch die zentrale Struktur der Lehrbetriebe zu einem der reichsten Männer Ägyptens und geniesst sehr hohes Ansehen und Einfluss (S.341).


Napoleons Einzug in Ägypten, Entmachtung der Mamluken, Wettlauf mit England um Indienhandel, Revolten - Versuch der "Selbstbehauptung" unter dem Albaner Muhammad ‘Ali gegen die "Industrielle Revolution" - Wahhabiten besetzen Mekka und Medina - Vernichtung der Mamluken Ägyptens - Muhammad ‘Alis Feldzug nach Mekka und Medina im Auftrag Konstantinopels - Janitscharenvernichtung und Reformen in Konstantinopel - das Osmanische Reich wird Mitglied der Balancepolitik Europas gegen Russland

Zusammenfassung
Napoleons Einzug in Ägypten, von der europäischen Geschichtsschreibung oft als "zivilisatorische Mission" betrachtet, ist eine Aktion, um vor England den Ägypten verbliebenen Teil des Asien- und Indienhandels zu beherrschen. Unter den Revolten wird der Albaner Muhammad ‘Ali der nationale Führer, der nach der Vertreibung der französischen Besatzung in Zusammenarbeit mit britischen Kräften fortan eine "Selbstbehauptung" gegen die industrielle Revolution Europas anstrengt, währenddessen die Wahhabiten Mekka und Medina besetzen und somit auch die Pilgerkarawane beherrschen. Nach der Vernichtung der Mamluken in Ägypten versucht Muhammad ‘Ali vordergründig, in Ägypten die Industrialisierung durchzusetzen und etabliert dabei eine kurzsichtige Monopolwirtschaft, entmachtet die herrschenden Familien und beginnt ein konsequent rassistisches, gegen die Bevölkerung Ägyptens gerichtetes, Regime, ohne auf die Werte und Möglichkeiten in Ägypten selbst zu achten. Aussenpolitisch kann er im Auftrag Konstantinopels Mekka und Medina für das Osmanische Reich wieder zurückerobern. In Konstantinopel kommt es im Zuge militärischer Reformen zur Vernichtung der Janitscharen, die sich jeder Reform entgegenstellen. 1815 wird das Osmanische Reich schliesslich in die europäische Welt der Balancepolitik gegenüber Russland miteinbezogen.

Chronologie (Fortsetzung)

Juli 1798
Ägypten wird französisch beetzt

Ägypten: Landung der Flotte Napoleons in Alexandrien - Kooperation der christlichen Gruppen mit Napoleons Soldaten - Spaltung der Gesellschaft
Sultan Selim III. in Konstantinopel ist tief zerstört, dass ein Verbündeter sich am osmanischen Reich bedient. Für die Bevölkerung ist die französische Besetzung zuerst ein Schrecken, dann kommen Misstrauen und Ablehnung auf. Gleichzeitig kooperieren die christlichen Minderheiten mit der französischen Besatzung, was zur Spaltung der ägyptischen Gesellschaft führt (S.344.

-- die Truppen Napoleons besiegen und entmachten die Mamluken, um vor England den Indienhandel zu beherrschen

-- Sicherung von ägyptischen Weizenlieferungen

-- Erschliessung Ägyptens als Absatzmarkt für französische Produkte (S.368).

1798-1803
Kairo während der französischen Besatzung
-- ca. 263’000 Einwohner, ca. 660 Hektar bebaute Fläche (S.337)
-- Beschreibung der noch stehenden Paläste der Beys in der "Description de l’Egypte" mit Stichen (S.338).

Ende 1798 ca.
Ägypten: Revolte gegen die französische Besatzung
(S.344)

ab 1798
Ägypten-Europa: christliche "Geschichtsschreibung"
Die westlich-christliche Geschichtsschreibung über Napoleon in Ägypten verbreitet, es sei eine zivilisatorische Mission. Diese "Interpretation" wird der islamischen Geschichte überhaupt nicht gerecht (S.365).

1798-1799
Napoleon in Ägypten
muss sich mit korrupten neomamlukischen Beys auseinandersetzen (S.236).

1800
Ägypten: Zweite Revolte gegen die französische Besatzung - Spaltung der Gesellschaft - Muhammad ‘Ali
-- das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen durch die weitere christliche Kooperation mit den Franzosen wird schwer gestört (S.344)

-- Muhammad ‘Ali, Offizier eines albanisch-osmanischen Kontingents in Ägypten, eigentlich nur Tabakhändler und Soldat, kann sich aus dem Chaos der französischen Besatzung als dominierender militärisch-politischer Führer hervortun und die Macht an sich reissen (S.368)

-- Ali muss sich wie vorher Napoleon mit korrupten neomamlukischen Beys auseinandersetzen (S.236).

1800 ca.
Kairo: Paläste der Stadt sind in Stichen von David Roberts und anderen Künstlern abgebildet
(S.338)

ab 1800
Kein Nationalbewusstsein in der islamischen Welt - importierte, spaltende Ideologie
Ein Nationalstaatsbewusstsein kommt in der islamischen Welt nicht auf. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist in den muslimisch regierten Staaten zu hoch. Die Ideologie eines "Nationalgefühls" ist aus Europa importiert und in die islamische Welt hineingetragen. Die Ideologie bringt Kontrast, Polarisierung und Spaltung in die islamische Welt gegen die übernationale islamische Staatlichkeit (S.140).

19. Jh./ 1800-1900
Kairo: Zerstörung vieler Paläste
durch Krieg, Revolutionen und durch Vernachlässigung sowie durch Städtebau (S.337-338).

19. Jh.
Habes (heutige eritreische Südküste): wieder Kriege mit Äthiopien(S.331)

ab 1800
Vorderer Orient: neue Metropolen Beirut und Alexandrien
Die Metropolen Kairo und Konstantinopel bestimmen einen Grossteil der Entwicklung Vorderasiens. Damaskus ist Subzentrum. Neue Entwicklungen neuer städtischer Zentren sind Beirut und Alexandrien u.a. (S.367).

ab 19. Jh.
"Industrielle Revolution": Europas industrielle Erzeugnisse drängen in den Orient -
"Selbstbehauptung"


->> dauernde Gegenwehr der Selbstbehauptung und Adaptation in der arabischen Welt (S.365)
->> arabisch-muslimische Welt ist mit Nachlernen so beschäftigt, dass die Herrschaft und die Einflüsse in Afrika und Asien zweit- und drittrangig werden
->> es entsteht ein dauernder Antagonismus zwischen Wahrung der eigenen Identität und der Annahme des "Fortschritts" (S.366).

Ägypten und Japan versuchen, den ökonomischen und militärischen Anschluss an Europa nicht zu verpassen und eine "Selbstbehauptung"
-- mit sozio-kultureller Umgestaltung
-- mit ökonomisch-technologischer Umgestaltung (S.367).

Konstantinopel und Kairo entwickeln Programme zur Selbstbehauptung gegenüber Europa mit militärischen, ökonomischen und administrativen Neuordnungen (S.366). Das Verhältnis Europa-Orient erlangt eine "neue Qualität" (S.365).

um 1800
Hedschas: Lokalherrschaften der Scherifen - Bedrohung durch Wahhabiten
Osmanische Kontrolle herrscht nur im Hafen Dschidda, lokale Herrschaften der Scherifen in Mekka und Medina.


Gleichzeitig bedrohen Hanbalitische Glaubensgruppen der Wahhabiten Mekka und Medina (S.375).

1801
Ägypten: Vereinte ägyptisch-britische Kräfte vertreiben die französischen Besatzer
aber die Mamlukenherrschaft bleibt erschüttert, der Ruf ist dahin. Die Osmanen wollen die Mamlukenherrschaft nicht restaurieren (S.368).

Süd-Mesopotamien: Einfall der Wahhabiten in Kerbela
Plünderung der Grabmoschee von Husayn B. ‘Ali, eines der bedeutendsten Heiligtümer der Schiiten
(S.375)

ab 1801
Ägypten: Muhammad ‘Ali: neue innenpolitische Allianzen
Ali kann Allianzen mit den einheimischen führenden Familien eingehen und die Unterstützung der Bevölkerung gewinnen (S.368).

ab 1802
Kairo: Der Palast von Mahmud Muharram dient Muhammad ‘Ali als Staats-Gästeresidenz
(S.338 )

1803
Arabische Halbinsel: Wahhabiten besetzen Mekka
(S.375)

1805
Ägypten: Revolution der Kairoer Bevölkerung unter ‘Umar Makram, die Muhammad ‘Ali unterstützt
(S.395)

Arabische Halbinsel: Wahhabiten besetzen Medina
Die alljährliche Wallfahrt und das muslimische Sultanat stehen für die ganze arabische Welt plötzlich in Frage.
(S.375)

Ende 1805 ca.
Ägypten: Muhammad ‘Ali wird von Sultan Selim III. zum Gouverneur Ägyptens ernannt
(S.368-369)
-- Gründung einer Dynastie, die bis 1952 anhält
-- Muhammad ‘Ali bleibt Tabakhändler und Soldat in einem grösseren Format: Armeechef und Wirtschaftsführer (S.369.

1805-1848
Ägypten: Regierung Muhammad ‘Ali: Monopolpolitik und Kriege
Ägypten: Muhammad ‘Ali versucht die Selbstbehauptung gegenüber Europa (S.367).
Ziel von Muhammad ‘Ali:
-- Sicherung der Herrschaft seiner Familie
-- Sicherung der Unabhängigkeit von Konstantinopel
-- Sicherung der Unabhängigkeit von den europäischen Mächten (S.369).

Vorgehen:
-- Vollzug im Staat eine Armeereform zur Sicherung der Herrschaft im Innern und gegen aussen
-- Feldzüge zur Gebietserweiterung und Siegespsychose
-- Verwaltungsreform
-- neue ökonomische und fiskalische Basis (S.369).

Um die Reformen zu verwirklichen, braucht er Einnahmen:
-- er deklassiert alle Herrscherfamilien ausser die eigene
-- er monopolisiert alle wirtschaftlichen Ressourcen: Landwirtschaft, Handel und Handwerk
-- er versucht, eine Industrialisierung auf staatskapitalistischer Basis durchzuführen
-- gleichzeitig lässt er Feldzüge und territoriale Expansionen zur Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten sowie zur Kontrolle der Handelswege ausführen (S.369).

Die oberste Verwaltung aber bleibt turko-tscherkessisch und albanisch (S.370).

ab 1805
Ägypten: Struktur des Machtaparats von Muhammad ‘Ali: Militärbürokratie - Scharia ist tabu - Ausbeutung der Bevölkerung
-- die Machtelite von Muhammad ‘Ali hat noch den Charakter einer Militärbürokratie (S.395)
-- die Scharia ist Tabuthema. Muhammad ‘Ali vermeidet, bei Neuerungen die Scharia auch nur zu erwähnen. Die Diskussion um die Scharia wird dadurch vermieden (S.388)

-- Für Muhammad ‘Ali ist die ägyptische Bevölkerung nur eine Horde von schmutzigen Bauern und Kanonenfutter. Ägypten werden nie zu Regierungsposten zugelassen. Ägypten ist quasi sein Privateigentum [und die Bevölkerung ist so dumm und lässt es mit sich machen]

-- Muhammad ‘Ali presst aus Ägypten heraus, was nur geht, mit dem hauptsächlichen Ziel, seiner Familie die Herrschaft weiter zu sichern

-- Sohn Ibrahim, der für den Vater die Feldzüge führt, denkt anders als sein Vater, identifiziert sich zum Teil mit den ägyptischen Bauern, die er in der Armee näher kennenlernt (S.370).

ab 1805?
Ägypten: Beseitigung des Systems der Steuerpacht - Entmachtung der Mamluken
-- Konfiszierung eines grossen Teils des waqf-Landes.
-- Muhammad ‘Ali entzieht den Mamluken und den herrschenden städtischen Familien die wirtschaftliche Grundlage (S.370).

1806
Arabische Halbinsel: Wahhabiten besetzen Mekka
[zum zweiten Mal] (S.375).

1806 ca.
Ägypten: Muhammad ‘Ali kämpft den Widerstand der Mamluken nieder
die immer noch auf ihre alten Positionen hoffen (S.369).

ab 1806
Hedschas: Wahhabiten beherrschen die Pilgerkarawane
Der Sultan von Konstantinopel muss etwas gegen die Wahhabiten unternehmen, sein Prestige steht weltweit auf dem Spiel (S.375).

1807
Konstantinopel-Kairo: Kriegsauftrag an Kairo zum Feldzug gegen die Wahhabiten im Hedschas
Auftrag an Muhammad ‘Ali, die Wahhabiten aus dem Hedschas und aus den heiligen Stätten zu vertreiben. Muhammad ‘Ali will zuerst seine Macht in Ägypten "ausbauen", bevor er mit einem Krieg in Hedschas beginnt. Er muss zuerst alle Mamluken "ausschalten", damit Kairo für ihn während einer Heeresexpedition sicher bleibt. Muhammad ‘Ali denkt bei einem Feldzug nach Hedschas aber eher an Handel als an den Glauben (S.375).

Konstantinopel: Sturz von Selim III. - Nachfolger: Sultan Mustafa IV.
Sturz durch konservative alte Truppenteile und konservative Provinzgouverneure
Abschaffen der "neuen Ordnung"/nizam-i gedid (S.382).

1808-1839
Konstantinopel: Abdanken von Mustafa IV. - Nachfolger: Sultan Mahmud II.
[Der genaue Hergang des Machtwechsels ist nicht geschildert]. Vorgehen von Mahmud II.:

-- Sultan Mahmud II. benötigt "einige Zeit", um die Reformen im Heer fortzuführen (S.383)
-- er ist der zweite Reformer der türkischen Armee. Sozial wird kaum etwas verändert
-- Auf die Revolte der Janitscharen ist er vorbereitet (S.382).

ab 1808
Syrien/Damaskus: "instabile Verhältnisse"(S.377)

1809-1812
Ägypten: hohe Gewinne durch Weizenexport nach Europa
(S.370)

19. Jh./1810 ca.
Arabien: Dynastie der Sa ‘ud setzt die Familie der Al Rasid als Statthalter in Gabal Sammar ein
(S.452)

1811
Ägypten: Mamluken-Massaker in der Zitadelle von Kairo unter Muhammad ‘Ali
Der letzte mamlukische Widerstand gegen Muhammad ‘Ali ist "beseitigt". (S.369).

Ägypten-Hedschas: Erster Arabien-Feldzug gegen die Wahhabiten
mit ägyptischer Priorität, den Handel am Roten Meer zu sichern. Es geht Muhammad ‘Ali nicht so sehr um die Heiligtümer (S.375).

1812 ca.
Konstantinopel: Gemetzel gegen die Janitscharen als "wohltätiges Ereignis" - versuchte Verwaltungsreformen
Sultan Mahmud II. lässt die Janitscharenrevolte von den ihm ergebenen Artillerietruppen niedermetzeln. Das Janitscharen-Massaker wird in der osmanischen Geschichtsschreibung als "wohltätiges Ereignis"/vaq ‘a-i hayriyya gefeiert.

-- Sultan Mahmud II. nimmt Selim III. und Muhammad ‘Ali in Ägypten als Vorbild
-- Wiedereinführung der "neuen Ordnung"/nizam-i gedid (S.382).

Das "wohltätige Ereignis" ist eine Kopie des "wohltätigen Ereignisses" unter Muhammad ‘Ali in Ägypten von 1811, wo die Janitscharen ebenfalls niedergemetzelt werden mussten, um die Armee zu modernisieren.
In der Folge kann Mahmud II. sein Reformprogramm fortführen und konzentriert sich dabei nach dem militärischen auf den administrativen Bereich, wo es an jeder Effizienz fehlt (S.383).

ab 1812-1815
Ägypten: Bevormundung der Bauern durch den Staat
Die Bauern bekommen das Saatgut vom Staat
-- sie bekommen die landwirtschaftliche Geräte vom Staat
-- sie erhalten eine Absatzgarantie vom Staat
-- der Staat vermarktet die Produkte (S.370).

Muhammad ‘Ali beherrscht die ganze Landwirtschaft, und die Mechanismen des Marktes und der Bauern sind ausgeschaltet (S.370).

1812-1813
Hedschas: Mekka und Medina von ägyptischen Truppen besetzt
Wahhabiten zurückgedrängt (S.375).

1813
Ägypten-Hedschas: Muhammad ‘Ali bekommt die Schlüssel für Mekka und Medina
schickt den jüngsten Sohn Ismail mit den Schlüsseln der beiden Städte Mekka und Medina nach Konstantinopel zur Überreichung an den Sultan (S.375).

[Diese Schilderung klingt sehr unwahrscheinlich].

ab 1815
Konstantinopel-Europa: Balance-Politik gegen Russland
Das osmanische Reich ist nach der endgültigen Niederlage Napoleons in die Status-quo-Politik der europäischen Grossmachtdiplomatie miteinbezogen, weil der russische Imperialismus die Türkei
und das Mittelmeer sowie die Handelswege nach Indien bedroht (S.383).

Der Umgang mit der Türkei wird in der Politik als "die osmanische Frage" formuliert. Die "5 Mächte" England, Frankreich Österreich, Preussen und Russland streiten sich um den europäischen Teil des osmanischen Reichs auf dem Balkan mit verschiedenen Zielen, so dass der Balkan vorerst osmanisch besetzt bleibt und Konstantinopel in seiner Existenz geschützt ist, denn das russische Ziel der Mittelmeerbeherrschung hat sofort die Gegenwehr von allen anderen vier Grossmächten zur Folge wie umgekehrt eine muslimische Ausweitungspolitik eine Koalition zwischen Mitteleuropa und Russland zur Folge hat (S.383).

Die "orientalische Frage" der vier Mächte Mitteleuropas ist also immer die, wieviel von der Türkei noch erhalten bleiben muss, damit Russland nicht ins Mittelmeer vorstossen kann und auch die Türkei nicht zu viel profitiert (S.383).

ab 1815
Ägypten: Armeeaufbau nach französischem Vorbild
-- Muhammad ‘Ali beginnt mit dem Aufbau einer neuen Armee nach französischem Muster unter Anleitung des französischen Obersten Sève als Instrukteur an der Spitze.
-- die Idee von Muhammad ‘Ali ist die Armeebildung aus sudanesischen Sklaven (S.369).

ab 1815 ca.
Ägypten: Landwirtschaftsreformen
Wesentliche Verbesserung der Bewässerung
-- Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche
-- Ausrichtung der Produktion auf den Export
-- Einführung neuer Produkte (S.370).


Ägyptens Armeeaufbau nach französischem Vorbild mit Marine - Landwirtschaftsreformen, Monopolisierungen und Gegenwehr - ägyptische Bauernarmee und Gegenwehr - ägyptische Kollaboration mit Basir II. gegen Drusen - England am Persischen Golf - Ägyptens Besetzung des Sudan - KZ-ähnliche Staatsfabriken in Ägypten und Baumwollwirtschaft - griechische Unabhängigkeitsbewegung und erste europäische Offiziere in der osmanischen Armee - unabhängiges wahhabitisches Riad - muslimische Studenten in Europa - Unabhängigkeit Griechenlands

Zusammenfassung
Ägypten unter Muhammad ‘Ali beginnt mit einem Armeeaufbau nach französischem Vorbild mit einer neuen Handels- und Kriegsmarine. Wirtschaftlich werden Landwirtschaft und Monopolbetriebe weiter vorangetrieben mit allen Nachteilen, die eine Monopolisierung mit sich bringt, denn ganze Bevölkerungsschichten und Kader werden damit ausgelöscht. Stattdessen gründet Muhammad ‘Ali erstmals eine eigene ägyptische Bauernarmee, die zum Teil wie die Monopolbetriebe torpediert wird. In Palästina kollaboriert er mit Basir II. gegen die Drusen, während England beginnt, das Osmanische Reich mit Verträgen am Persischen Golf einzukreisen. Muhammad ‘Ali lässt den Sudan zwecks Einzug von Kriegssklaven besetzen und legt KZ-ähnliche Staatsfabriken an. Gleichzeitig lässt er erste Baumwollplantagen anbauen. Die griechische Unabhängigkeitsbewegung soll Ägyptens Kriegsmarine im Auftrag Konstantinopels bekämpfen. Muhammad ‘Ali jedoch plant gleich die Besetzung Griechenlands und die Blockade des ganzen östlichen Mittelmeeres, was England wieder auf den Plan ruft. Die ägyptische Kriegsflotte wird beim Peloponnes vernichtend geschlagen. Riad wird unabhängiges wahhabitisches Fürstentum, denn Ägypten konzentriert sich nur auf die Küstenlinie. Muslimische Studenten reisen inzwischen regelmässig für Studien nach Europa, und Griechenland erlangt im europäischen Konsens gegen Ägypten die Unabhängigkeit.

Chronologie (Fortsetzung)

ab 1816
"Nationaler" Staatsaufbau Ägyptens unter Muhammad ‘Ali

Ägypten: Monopolisierung des Binnen- und Aussenhandels - Massnahmen gegen europäische Händler
-- Abschirmung des ägyptischen Marktes mit protektionistischer Zoll- und Handelspolitik

-- europäische Kaufleute werden die Privilegien in Recht, Handel und Steuern, die im ganzen osmanischen Reich gelten, in Ägypten aberkannt

-- in der Folge verschwindet der Zwischenhandel, der Staat - die Familie Muhammad ‘Alis - übernimmt den Export in alleiniger Regie (S.372).

Ägypten: Aufbau einer Kriegsmarine und Handelsmarine
mit überwiegend Inselgriechen als Kapitäne und Matrosen (S.372).

Ägypten: Wachsende Strukturprobleme und Widerstand gegen die Monopolwirtschaft
planmässige Ausdünnung der Händler- und Handwerkerschichten und Bauernrevolten und Flucht vor Zwangsmassnahmen. Torpedierung der Staatsbetriebe in den KZ-ähnlichen Betrieben:
-- Sabotage
-- Selbstverstümmelung
-- mangelnde Rohstoffe und unzureichende Versuche eigener technologischer Entwicklung (S.374).

[Muhammad ‘Alis Familie vollzieht in Ägypten eine geistige Verstümmelung an einem grossen Teil
der Bevölkerung, ohne die bewährten landwirtschaftlichen Traditionen zu beachten].

Ägypten: "Industrielle Revolution": Alles Wissen wird importiert - keine eigene Forschung
-- Import qualifizierter Arbeitskräfte
-- Import der Maschinen, die zum Teil nie ausgelastet werden und verrotten
-- Import des Know-how (S.371).

Dazu kommen Kosten
-- für den Ausbau der Infrastruktur
-- für den Import der nicht-landwirtschaftlichen Rohstoffe wie Holz, Kohle, Eisen, Kupfer und Farbstoffe, denn Ägypten hat keine solchen Rohstoffe (S.371).

Dazu:
-- Gründung von Fachschulen unter meist französischer Leitung für Militärwesen, Technik, Medizin, Pharmazie, Veterinärmedizin, Landwirtschaft, Verwaltung und Fremdsprachen
-- mit zahlreichen "Saint-Simonisten"
-- die Gewinne der ägyptischen Monopolbetriebe fliessen in Armee, Kriege und Industrialisierungsprojekte (S.372).

ab 1816-1820
Ägypten: Verstaatlichung des Gewerbes der privaten Textilbetriebe
-- Rohstoffe werden von der Verwaltung gestellt
-- die Fertigprodukte müssen an den Staat abgeliefert werden
-- in der Bevölkerung kommt es zu Widerstand. Die Verstaatlichung lässt Muhammad ‘Ali mit "brutaler Härte gegen die Bevölkerung" durchsetzen (S.371).

ab 1817
Bagdad: Statthalter Da ‘ud Pascha
(S.379)

1818
Arabien: Dar ‘iyya/Riad ägyptisch besetzt, totale Zerstörung - Hinrichtung des Wahhabitenführers ‘Abdallah b. Sa ‘ud in Konstantinopel
(S.375)

1820 ca.
Ägypten: Muhammad ‘Alis Alleinherrschaft
Muhammad ‘Ali lässt Führer konkurrierender Herrscherfamilien vertreiben und hinrichten (S.369).

1820 ca.
Ägypten: Armeekrise: Bauern als Soldaten - Rassismus um Offiziersränge - Torpedierung der ägyptischen Armee durch die Bauern
Französische Offiziere schlagen Muhammad ‘Ali vor, Bauern als Soldaten zu rekrutieren. (S.369-370). Muhammad ‘Ali stimmt zu und verärgert damit die ganze Bevölkerung, die sich aber gegen die Diktatur nicht wehren kann. Der Armeedienst wird zum Schrecken. Torpedierungsversuche sind
-- Bestechung von Beamten
-- Selbstverstümmelung
-- Flucht in andere Länder (S.370).

Trotzdem entsteht durch die Bauernrekrutierung eine erste "ägyptische Armee", wobei aber Ägypter
von den Offiziersrängen ausgeschlossen bleiben. Die Offiziersränge bleiben turko-tscherkessisch und albanisch, wie auch die oberste Verwaltung (S.370).

ab 1820 ca.
Libanon: Kollaboration mit Ägypten gegen die Drusen
Emir Basir II. kollaboriert mit Ägyptens Muhammad ‘Ali. Ägypten setzt bewaffnete Maroniten gegen Drusen ein, um letztere zu vernichten. Damit wird jegliche Koexistenz untergraben (S.385).

ab 1820
GB-Mittlerer Osten: Englands Vertragstaktik am Persischen Golf
-- England-"Piratenküste" (heute: Vereinigte Arabische Emirate): Verträge mit dem lokalen Scheichs (S.422).
-- England-Bahrain: mehrere Abkommen (S.422).

ab 1820 ca.
Arabien: schwache ägyptische Herrschaft
Die ägyptische Kontrolle über Riad geht langsam verloren, weil der ägyptischen Strategie die Beherrschung der ganzen arabischen Halbinsel nicht sehr wichtig ist (S.375-376).

frühes 19. Jh./ 1820 ca.
Mesopotamien: kommt unter verschiedene osmanische Verwaltungen
Der Norden und Nordosten dient dem osmanischen Reich als strategische Pufferzone gegen Persien, immer im Arrangement mit den dortigen mächtigen Familien (S.378).

ab 1820
Ägypten: Beginn der Invasion in den Sudan
-- zur Versklavung der dortigen jungen Männer für die ägyptische Armee
-- zur Beherrschung der afrikanischen Handelsströme (S.373).

ab 1821
Ägypten: Gründung von Staatsfabriken fürs Militär - Zwangskasernierungen und KZ-ähnliche Betriebe
-- für militärisch-industrielle Zwecke und für Armee- und Marine-Uniformen.
-- in Unterägypten: Rekrutierung von ehemaligen Handwerkern, dann auch zunehmend Bauern, Frauen und Kinder
-- oft kommt es zu Zwangsverpflichtungen mit zum Teil KZ-artigen Kasernierungen, damit die Menschen nicht weglaufen (S.371).

Gleichzeitig gilt ein Importverbot für englische Textilien (S.371).

1821/1822
Ägypten: Einführen der langfaserigen Baumwolle in die Landwirtschaft
(S.370)

1822
Konstantinopel-Kairo: Aufforderung des Sultans an Muhammad ‘Ali, die griechische Unabhängigkeits- bewegung in Griechenland zu bekämpfen
In der Folge besetzen Truppen von Muhammad ‘Ali Kreta und Zypern (S.376).

Ende 1822 ca.
Konstantinopel: Einleitung von Militärreformen mit europäischen Offizieren
Nach den Erfolgen der ägyptischen Armee in Griechenland will Sultan Mahmud II. ebensolche Truppenteile und beginnt mit dem Armeeausbau, wirbt europäische Offiziere an, darunter fünf Preussische Offiziere mit Helmuth von Moltke (S.383).

1822-1827
Ägypten: Einmischung in Griechenland - britische Gegenpläne gegen die ägyptische Macht
Muhammad ‘Ali spekuliert auf die Beherrschung des Handels im östlichen Mittelmeerraum durch Besetzung des Peloponnes. Die Einmischung ägyptischer Truppen in Griechenland gegen die griechische Unabhängigkeitsbewegung gefällt Englands Strategen gar nicht. Die englische Diplomatie beginnt, mit anderen europäischen Staaten und mit dem osmanischen Konstantinopel, die ägyptische Militär-, Wirtschaft- und Handelsmacht zu bekämpfen (S.373).

ab 1822 ca.
Ägypten: Weitere Besetzungen entlang der Küste in Richtung Jemen - Beginn der englischen Gegentaktik-- ägyptische Besetzung der ganzen afrikanischen Küste des Roten Meeres
-- Versklavung der jungen Sudanesen für die ägyptische Armee
-- Erwartung von Goldminen und anderer Bodenschätze
-- Kontrolle des Afrikahandels (S.376).

Gold- und Bodenschatzvorkommen erweisen sich als unrentabel, aber die Versklavung der Sudanesen und die Kontrolle des afrikanischen Handels kommt zustande (S.376).

1823
Ägypten: Besetzung des Sudans ist abgeschlossen
(S.376); die Sudanesische Sklavenarmee ist nicht sehr erfolgreich. Die Sklavensoldaten sterben "wie die Fliegen" (S.369).

1824
Arabien: Einrichten eines wahhabitischen Fürstentums
unter der Familie von Sa ‘ud. Ägypten konzentriert sich auf die Handelsprofite des Hedschas und am Roten Meer (S.376).

Ägypten-Griechenland: Truppen von Muhammad ‘Ali besetzen den Peloponnes - Ägypten als "5. Grossmacht"
Muhammad ‘Ali hat dabei den Plan, den Peloponnes mit Hilfe griechischen Wissens als Basis für einen Europa-Handel auszubauen und vom Peloponnes aus mit seinen griechischen Kaufleuten und Seeleuten den ganzen östlichen Mittelmeerhandel unter seine Kontrolle zu bringen (S.376).

Muhammad ‘Ali beginnt, Ägypten neben England, Russland, Österreich und Frankreich als "5. Grossmacht" einzuordnen. Gegenwehr von Europa, v.a. von England (S.377).

ab Mitte 1820-er Jahre/ab 1825 ca.
Ägypten: Machtelite von Muhammad ‘Ali wird zu Grossgrundbesitzern
Die Machtelite von Muhammad ‘Ali beginnt, sich auf dem Land auszubreiten und sich zu einer Schicht von Grossgrundbesitzern zu entwickeln (S.395).

ab 1825
Bagdad: Statthalter Da ‘ud Pascha zeigt Unabhängigkeitsbestrebungen gegenüber
Konstantinopel
(S.379)

ab 1825 ca.
Vorderer Orient: Gelehrtendiskussion über die Entsendung muslimischer Studenten nach Europa
Die Gelehrten stellen Thesen über die religiösen Reformen an. Die Entsendung von Studentenmissionen nach Europa müssten als patriotische Tat gesehen werden, denn sie holen sich das Wissen zurück, das die Europäer früher von den Arabern übernommen haben (S.388).

1826
Ägypten: Abschluss des Baus der Staatsfabriken in Unterägypten - Beginn des Baus von Staatsfabriken auch in Oberägypten
(S.371)

Ägypten/Konstantinopel-Paris: Studienmissionen nach Europa - Nachlernen, keine eigene Forschung
Muhammad ‘Ali schickt erste grosse Studienmission nach Paris, ebenso Sultan Mahmud II: eine erste Studienmission aus osmanischen Kadetten und Studenten (S.383).

Die Studienmission nach Europa sind gedacht zur Schaffung einer technisch-administrativen Elite, v.a. nach Frankreich. Es kommt jedoch nur zur Übernahme von Wissen, keine Fortentwicklung.
(S.372)

1827
England-Ägypten: Englischer Sieg vor Navarino gegen Ägypten - Unabhängigkeit Griechenlands
-- Vernichtung der ägyptischen Flotte von 81 Schiffen

-- Ägyptens Expansion nach Griechenland und seine Grossmachtträume sind vorerst gestorben. Griechenland wird unabhängiges Königreich. Ägypten baut in kurzer Zeit sogleich eine neue Flotte (S.377)

-- Niederlage der ägyptischen Armee auch auf dem Peloponnes (S.373).

Griechenlands Unabhängigkeit hat den "Segen" der vier mitteleuropäischen Grossmächte und wird zugelassen, weil die Türkei dadurch gegen Russland nicht entscheidend geschwächt wird (S.383).

Konstantinopel: Gründung einer französischen medizinischen Lehranstalt
zur Ausbildung von Armeeärzten mit europäischen Lehrern auf Französisch (S.383).


Versuchte Verwaltungsreformen im Osmanischen Reich - ägyptische Expansion bis Kilikiens - französische und englische "Schutzherrschaften" im Libanon - osmanische Wiedergewinnung von Bagdad, Vernichtung der letzten Mamluken - ägyptische Monopolwirtschaft in Syrien, Palästina, Libanon und Kilikien scheitert - eskalierender Streit um Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen - ägyptische erfolgreiche Wirtschaft auf "tönernen Füssen" - Englands "Handelsvertrag" mit Konstantinopel und Besetzung von Aden

Zusammenfassung
Im Osmanischen Reich kommen Verwaltungsreformen immer nur so weit voran, wie sie von den Traditionalisten nicht torpediert werden. Ägyptens Muhammad ‘Ali versucht nach der missglückten Ausdehnung nach Griechenland die Besetzung der traditionell ägyptischen Imperialgebiete. Der Feldzug seines Sohnes Ismail und die Herrschaft über Syrien, Palästina, den Libanon und Kilikien gelingt, zudem die Besetzung von Kreta. Gleichzeitig versichern England und Frankreich die "Schutzherrschaften" der Drusen bzw. Maroniten im Libanon, und der osmanischen Armee gewinne die Wiedergewinnung des separatistischen Bagdad. Die letzten Mamluken der Stadt werden vernichtend geschlagen. Ägyptens Ismail Versuch, die ägyptische Monopolwirtschaft auch in Syrien, Palästina, dem Libanon und in Kilikien einzuführen scheitert erbärmlich. Die dortige Bevölkerung lässt sich nicht gleichschalten. Als weitere Massnahme versucht Ismail in den besetzten Gebieten, eine juristische Gleichberechtigung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zustandezubringen, um europäische "Investoren" anzulocken, was eine dauerhafte Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen zur Folge hat, weil plötzlich viele Nicht-Muslime Regierungsämter in Syrien übernehmen. Währenddessen zeigt Ägypten eine der französischen gleichwertige Handelsbilanz, die allerdings mit der Monopolwirtschaft auf tönernen Füssen der Militärmacht steht. Englands  Taktik versucht weiter, Ägypten mit einem Handelsvertrag mit Konstantinopel und der Besetzung von Aden einzukreisen. Nach einer erneuten Niederlage gegen Ägypten protegieren die europäischen Mächte einen 16-jährigen Sultanssohn, der Reformen im Osmanischen Reich zusagen muss, um an der Macht zu bleiben.

Chronologie (Fortsetzung)

ab 1827 ca.
Konstantinopel: schrittweise Angleichung der Zentralverwaltung an europäische Vorbilder
[soweit keine Torpedierung der Reformen stattfinden] (S.383).

1829
Ägypten-Syrien: Vollendung einer neuen Flotte mit neuem Ziel: Besetzung Syriens
Gebiet des heutigen Syrien, Libanon, Israel, Sinaihalbinsel und Jordanien
-- mit Ausweitung der Provinz Aleppo bis Anatolien
-- mit Provinzunterteilung Aleppo, Damaskus, Tripolis und Sidon mit Sitz in Akkon (S.377).

ab Anfang 1830-er Jahre
Ägypten: erste Schwierigkeiten im ägyptischen Monopolsystem
(S.373)

1830 ca.
Ägypten: Flucht vor dem Armeedienst nach Palästina
6000 ägyptische Bauern/Fellachen flüchten vor der Rekrutierung für die ägyptische Armee und vor Arbeitsdiensten für die Infrastruktur nach Akkon. Diese Tatsache ist für Muhammad ‘Ali ein Grund "einzugreifen" und einen Feldzug gegen Palästina zu veranstalten (S.379).

1830-er Jahre
Ägyptens chancenlose Industrialisierung gegenüber Europa
Ägypten besitzt 7 oder 8 Dampfmaschinen, in England sind es mehr als 10’000.
Dabei ist der Markt ausgeschaltet und Ägypten ist ökonomisch noch der stärkste Teilstaat des osmanischen Reiches.

Das lokale Handwerk ist vernichtet. Der wirtschaftliche Erfolg der Monopolwirtschaft ist sehr anfällig (S.374).

ab 1830-er Jahre
Libanon: Europäische Mächte rivalisieren um "Schutzgarantien"
für die Maroniten und die Drusen. Frankreich "schützt" Maroniten, England "schützt" Drusen (S.386).

Jan 1831
Konstantinopel-Syrien: Osmanische Offensive von Aleppo aus gegen Mesopotamien
um das Mamlukensystem in Bagdad aufzulösen, gegen den Statthalter Da ‘ud Pascha (S.379).

Frühling-Sommer 1831
Bagdad: verheerende Pestepidemie und Hochwasser des Tigris
Von 80’000 Einwohnern überleben 27’000. Die Stadt kann kaum noch Gegenwehr gegen die osmanische Besetzung leisten. Der nach Unabhängigkeit strebende Da ‘ud Pascha will die Stadt trotzdem verteidigen lassen (S.379).

Sommer 1831
Osmanische Invasion in Bagdad - ägyptische Invasion in Palästina und SyrienBagdad: Das osmanische Heer metzelt die Mamluken nieder. Da ‘ud Pascha darf nach Anatolien ins Exil (S.379).

Gleichzeitig: Ägypten-Palästina: Muhammad ‘Ali erklärt, er wolle die flüchtigen Fellachen zurückholen. Die Truppen unter seinem Sohn Ibrahim besetzen Palästina und Syrien. Die Truppen stossen auf Betreiben von Ibrahim bis Konya vor (S.379).

Herbst 1831
Ägypten-Syrien: Ägyptische Offensive gegen Syrien
(S.379)

1831
Palästina: ägyptisch besetzt
(S.409)

Ende 1831
Bagdad: Ende der georgischen Mamlukenherrschaft - lokale Herrschaften und Handelsströme
Nach dem Ende der georgischen Mamlukenherrschaft regieren
-- im Norden von Mesopotamien: kurdische Lokalherren ohne osmanische Kontrolle
-- im Westen und Süden Mesopotamiens: arabische Stammesherrschaften ohne osmanische Kontrolle (S.379).

Ausserdem:
-- die "heiligen Städte" der Schiiten Nadschaf und Kerbela haben ihre eigene Machtstruktur ausserhalb der osmanischen Kontrolle
-- dauernde Perser- und Beduineneinfälle (S.379).

Die Handelsbeziehungen des geteilten Mesopotamien:
-- Mossul hat seine ökonomische Orientierung nach Syrien und Anatolien
-- Bagdad nach Persien
-- Basra nach Indien (S.379).

1831-1840
Ägypten: Besetzung von Syrien und Kilikien
Kilikien wegen dem Holzreichtum und Ägyptens Schiffbauprogrammen (S.373).

Ägypten: Besetzung des Libanon - Verschärfung der Konfrontation zwischen Drusen und Maroniten
(S.378)

Ende 1832
Ägypten-Syrien: Ägyptischer Sieg bei Konya gegen die osmanische Armee
(S.379-380)

ab 1832 ca.
Anatolien-Konstantinopel: Da ‘ud Pascha aus Bagdad bekommt Ämter in Konstantinopel und wird für hohe Staatsdienste eingesetzt
(S.379)

Anfang 1833
Ägypten-Syrien: Invasion in der Türkei bis Kütahya - Friede zwischen Konstantinopel und Ägypten
Heerführer Ibrahim, Sohn von Muhammad ‘Ali, plant den Vormarsch nach Konstantinopel, die Absetzung von Sultan Mahmud II. und die Intronisierung von Abdulmegid (S.380).

Seine Truppen marschieren weiter bis Kütahya, dann stoppt Muhammad ‘Ali den Sohn, weil er sonst Krieg mit Frankreich oder England befürchtet. Muhammad rechnet mit der Unterstützung Frankreichs für Ägypten, wenn seine Forderungen an Konstantinopel bescheidener ausfallen als eine Kapitulation. Muhammad ‘Ali verlangt von Konstantinopel:
-- die Unabhängigkeit
-- die Herrschaft über Kilikien, Syrien und Zypern (S.380).

Durch Intervention der europäischen Grossmächte tritt der Sultan an Ägypten Syrien, Kilikien und Kreta statt Zypern ab. Die Unabhängigkeit wird aber nicht gewährt (S.380).

1833
Konstantinopel: Gründung eines Übersetzungsbüros für türkisch-französische Übersetzungen
das wie die diplomatischen Vertretungen eine Keimzelle für Reformer wird (S.383).

Ägypten: Saint-Simonisten: "Friedensreich" und Suezkanalplan
Reise einer Mission französischer Saint-Simonisten nach Ägypten, um als "Experten" in den Dienst von Muhammad ‘Ali zu treten
-- mit dem Ziel des "Friedensreichs" zwischen Okzident und Orient
-- mit dem Ziel des Anbahnen eines Kanalbaus durch den Isthmus von Suez, um den arabischen Zwischenhandel zwischen Europa und Indien völlig auszuschalten (S.368).

ab 1833
Ägyptens Herrschaft über Syrien, Palästina und Kilikien: Verstaatlichungsversuch scheitert an europäischen Handelsmächten
Muhammad ‘Ali versucht die gleichen Verstaatlichungen und Monopolwirtschaften in Syrien einführen, wie er in Ägypten das Volk versklavt hat. Eine solche Monopolisierung ist aber aufgrund des europäischen Drucks nicht möglich. Es kommt zu
-- intensiver Förderung der Landwirtschaft
-- Anfänge zur Erschliessung von Rohstoffen
-- Anfänge zu Rekrutierungen für die ägyptische Armee
-- Anordnung zur Entwaffnung der Bauern der Bergregionen (S.380).

ab 1833 ca.
Mossul: Bürgerkriegsartige Zustände zwischen den mächtigen Familien
(S.379)

1834
Konstantinopel: Gründung einer Militärakademie
nach dem Modell von St-Cyr mit europäischen Lehrern auf Französisch (S.383).

1834 ca.
Syrien-Ägypten: Proklamation der "Gleichheit" von Christen und Muslimen - Verschärfung des Gegensatzes zwischen Christen, Juden und Muslimen
Ibrahim muss das Land für europäische Staaten attraktiv machen, damit diese "investieren":

-- er proklamiert die "völlige Gleichheit" von Muslimen und Nicht-Muslimen und untersagt jede öffentliche Diskriminierung von Christen und Juden-- Gewährung völliger Religionsfreiheit in Syrien mit Konsuln und Missionaren

-- Etablieren von Nicht-Muslimen in hohen Ämtern Syriens, um den Europäern Sicherheiten zu vermitteln (S.380).

In der Folge kommt es zu Ressentiments in der muslimischen Bevölkerung gegen die aus ihrer Sicht anti-muslimischen Politik (S.380).

Der Gegensatz zwischen Muslimen, Christen und Juden beginnt sich zu verschärfen. Die "Schutzpolitik" der europäischen Mächte sorgt für Eskalationen (S.381).

1834
Palästina: Aufstand schon durch die Ankündigung einer Rekrutierung für die ägyptische Armee
Jegliche Gleichmacherei und Einzug in eine ägyptische Armee scheitert.
(S.380)

Mossul: Entmachtung der Galilis-Familie durch osmanische Truppen
was ihnen durch den dort herrschenden Bürgerkrieg nicht schwer fällt (S.379).

ab 1834
Mesopotamien ist fest in osmanischer Hand
und alle Separatistenbestrebungen niedergeschlagen. Syrien bleibt unter ägyptische Kontrolle (S.379).

Mitte 1830-er Jahre
Ägypten: Gewinnbilanz pro Kopf im Export wie Frankreich
Ägyptens Exportwert zieht mit Frankreich gleich. Über 50 Prozent des Exports fällt auf Baumwolle, 10 Prozent auf Baumwollprodukte (S.372).

[Nur wird der Gewinn von der Regierung gehortet und der einzelne Ägypter hat praktisch nichts davon].

1836
Ägypten: Staatliche Betriebe
29 Spinnereien und Webereien
12 Färbereien
20 Waffen- und Munitionsfabriken
4 Reisschälereien
3 Zuckerraffinerien
1 Fez-Fabrik (Filzhüte)
1 grosse Werft in Alexandrien
1 grosse Druckerei
wobei am Höhepunkt in diesen Fabriken höchstens 200’000 Beschäftigte in diesen Betrieben arbeiten, 4 Prozent der Bevölkerung, 25 Prozent der über 15 Jahre alten Männer (S.371).

1836-1837
Ägypten: Erste Krise des Monopolsystems
(S.373) durch Ausdünnung der Händler- und Handwerkerschicht, die in den staatlichen Betrieben arbeiten muss (S.374).

1838
Ägyptens stolze Bilanz - englische Gegentaktik: England-Konstantinopel: "Handelsvertrag" und "Position" in Palästina
Ägypten: Muhammad ‘Ali ist Chef einer der grössten Armeen seiner Zeit mit 157’000 Mann. Seine Wirtschaft ist eine der erfolgreichsten des Orients [die aber auf "tönernen Füssen" steht] (S.369).

Als Antwort gegen Machtgelüste von Muhammad ‘Ali im östlichen Mittelmeer schliesst England einen "Handelsvertrag" mit Konstantinopel ab (S.381):
-- das osmanische Reich gesteht die Aufhebung aller Monopole zu
-- das osmanische Reich verbietet alle protektionistischen Massnahmen auf seinem Herrschaftsgebiet
-- das osmanische Reich legt Zollsätze für Importe auf 3 Prozent, für Exporte auf 12 Prozent fest (S.373).

Die Schutzzollpolitik ist aufgegeben und der Zusammenbruch des ägyptischen Monopolsystems ist nur eine Frage der Zeit, ist eine erzwungene "Öffnung" Ägyptens zum europäisch beherrschten Weltmarkt (S.373).

England-Palästina: Entsendung eines britischen Konsuls, um "Position zu beziehen" (S.410).

1838
Südlibanon und Hauran: Aufstände gegen die ägyptische Herrschaft
weil Blutfeden diese Gesellschaften durchziehen und eine einheitliche Bewaffnung und Korpsbildung nicht möglich machen (S.380).

1839
Aden: britische Besetzung durch die East India Company
(S.422); der ägyptisch-britische Kampf um die Beherrschung der Küste der arabischen Halbinsel ist eröffnet
(S.376).

Sommer 1839
Konstantinopel: Niederlage bei Nisib gegen Ägypten, Tod von Sultan Mahmud II. - Nachfolger Sultan ‘Abdulmegid
Vernichtende osmanische Niederlage gegen die ägyptische Armee mit dem Tod von Sultan Mahmud II. (bei Nisib, "Orientalische Krise").
Der Admiral des Sultans läuft zusätzlich mit fast der gesamten osmanischen Flotte zu Muhammad ‘Ali über.

->> Eingreifen der mitteleuropäischen Mächte Österreich, Preussen und England, die auf einen Erhalt der Türkei drängen. Sie protegieren den 16-jährigen Sultanssohn ‘Abdulmegid und unterstützen ihn militärisch, woran sie aber Reformbedingungen knüpfen (S.384).


Reformedikt Konstantinopels - erstes Grossgrundbesitzertum - Libanon: Aufstände gegen Ägypten - Traditionalisten blockieren Reformen im osmanischen Reich - europäisches Diktat gegen Ägypten zum Rückzug und Öffnung - kaum Befolgung der Gleichstellung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen - Libanon nach dem Tod von Basir II. im Bürgerkrieg und direkte osmanische Verwaltung - europäische Handelsinvasion in Ägypten - europäische Bestrebungen um das "heilige Land" - erste Handelsgerichte im osmanischen Reich - Dualismus zwischen Fortschrittseuphorie und Traditionalisten

Zusammenfassung
Der 16-jährige Sultanssohn ‘Abdulmegid wird von den europäischen Mächten zur Unterschrift unter ein Reformedikt überredet, so dass im Gegenzug seine Macht erhalten bliebe. Privater Handel mit Grundbesitz führt in der Folge zum Grossgrundbesitzertum der Privilegierten im ganzen Osmanischen Reich, später auch in Ägypten. Traditionalisten blockieren weitere Reformen, wo sie nur können. Währenddessen zeigen Aufstände gegen die ägyptische Herrschaft in Libanon die inakzeptable ägyptische Monopolpolitik in den besetzten Ländern. Ein europäisches Diktat gegen Ägypten zwingt Muhammad ‘Ali 1840 zum Rückzug aus den eroberten Gebieten. Der Wiedereinzug osmanischer Truppen ist jedoch kein Segen für die Länder, weil die umstrittene Gleichberechtigung von Muslimen und Christen die Muslime zurückdrängt. Konstantinopel kontert mit einem neuen Strafgesetzbuch, worin die Gleichberechtigung von Christen und Muslimen explizit noch einmal erwähnt ist, gekoppelt mit christlichen Bemühungen um das "Heilige Land", zum Beispiel der Gründung eines protestantischen Bistums in Jerusalem, obwohl noch gar keine Protestanten in Palästina leben, oder orthodoxen und französisch-katholischen Organisationsgründungen. Der Tod von Basir II. entfacht in Libanon einen Bürgerkrieg zwischen Drusen und Maroniten, der mit einer direkten osmanischen Verwaltung beendet wird. In Ägypten aber beginnt nun die europäische Handelsinvasion, Konstantinopel verkündet ein Handelsgesetz und gründet neuartige Handelsgerichte, und der Dualismus zwischen Fortschrittseuphorie und Traditionalisten wird nicht überwunden, während die Traditionalisten weiter dort Reformen blockieren, wo es nur möglich ist.

Chronologie (Fortsetzung)

Okt 1839 ca. -1861
Konstantinopel: Regierungsantritt des 16-jährigen Sultanssohnes ‘Abdulmegid
-- mit militärischer Unterstützung der mitteleuropäischen Mächte Österreich, Preussen und England
-- mit Reformministern wie Resid Pascha, ‘Ali Pascha und Fu ‘ad Pascha. Es wird ein Reformerlass vorbereitet, der den mitteleuropäischen Mächten gefallen soll (S.384).

3.11.1839
Konstantinopel: Reformedikt durch europäische "Einflüsse"
verkündet von Sultan ‘Abdulmegid, verfasst von Aussenminister Resid Pascha, dem ehemaligen osmanischen Botschafter in Paris. Das Osmanische Reich soll sich als "würdiger" Bündnispartner präsentieren, als Dank für die europäische "Hilfe" Österreichs, Preussens und Englands gegen Ägypten (S.384).

Das Reformedikt weist offensichtliche Parallelen zur "Déclaration des droits de l’Homme et du Citoyen" vom 3.9. 1791 auf mit den Forderungen:
-- Gleichheit aller vor dem Gesetz, Muslime wie Nicht-Muslime
-- Sicherheit des Lebens
-- Schutz der Ehre
-- Schutz des Vermögens
-- Fixierung von Steuern
-- fixierte Dienstzeiten in der Armee
-- festgeschriebene Bedingungen der Aushebung von Soldaten (S.384).

Ende 1830-er/Anf. 1840-er Jahre
Ägypten: Entstehen einer Grossgrundbesitzertums
die politische Macht zu entfalten beginnt und die Öffnung des Marktes anstrebt, um auf eigene Rechnung Exporthandel zu betreiben (S.374).

1840
Libanon/gesamtes Gebirge: Aufstände gegen die ägyptische Herrschaft
gegen die Einberufung in die ägyptische Armee (S.380).

Konstantinopel: Reformvorschriften und Blockade der Reformen
Einführen einer Neuordnung der Provinzverwaltung im osmanischen Reich nach französischem Vorbild: Die Provinzgouverneure bekommen ein "beratendes Gremium"/meglis aus "lokalen Notabeln" zur Seite gestellt.
Die Reform berücksichtigt nicht, dass der Geist in den Notabelnfamilien nicht reformerisch eingestellt ist, denn die Notabeln-Vertreter behindern mit dem "beratenden Gremium" die Durchführung der meisten Reformen (um nicht "europäisiert" zu werden):

-- unterminieren Autonomiestrukturen
-- vermehren die Staatseinnahmen statt mehr Gleichberechtigung zu schaffen
-- verstärken Kontrollen statt Eigenständigkeit und Eigenverantwortung zu fördern
-- die Effizienz wird nicht verbessert (S.384)
-- es geht nur um Machterhalt, v.a. in den Städten Aleppo, Damaskus und Jerusalem, um die Balance zwischen Gouverneuren, Militärkommandanten und einheimischen Notabeln zu halten (S.385)

plus: In den Berggebieten wird das System der Lokalherrschaften wieder zugelassen
->> die Reformen im sozio-ökonomischen Bereich kommen kaum voran (S.385).

1840
Ägypten: Erzwungener Rückzug durch englisches Diktat -

-- Muhammad ‘Ali muss die Eroberungen seiner Armee von 1833 unter vereintem Druck von Konstantinopel, England und Österreich aufgeben. Frankreich hat eine gespaltene Politik
-- Englands Politik zieht einen schwachen Sultan in Konstantinopel vor, der die Russen vom Mittelmeer fernhält und der England alles gewährt, gegenüber einem ägyptischen Imperium, das die Handelswege in der Levante weiter versperren würde
-- Muhammad ‘Ali bleibt nur die Familienherrschaft über Ägypten, den Sudan und die Küsten am Roten Meer (S.381).

Ägyptischer Abzug aus Syrien, Kilikien, Arabien und Kreta
-- und Ali muss seine Armee auf 18’000 Mann reduzieren
-- und Auflösung der Flotte (S.373).

Die Grundpfeiler des ägyptischen Imperiums sind eliminiert (S.373).

[Der Gewinn der Monopolwirtschaft der letzten 20 Jahre ist verspielt, Investitionen in eigene Forschung und Entwicklung ohne Rivalität zu Konstantinopel hätten mehr gebracht. So aber ist alles verloren, wozu aber auch die mitteleuropäischen Mächte ihren Teil beitragen].

Ägypten: Suezkanal von Muhammad ‘Ali abgelehnt - europäische Handelsstandards und informeller Imperialismus
-- Muhammad ‘Ali: lehnt einen Bau eines neuen Suezkanals strikt ab, weil er die Einmischung in die inneren Angelegenheiten Ägyptens durch Europa befürchtet (S.392)

-- Ägypten bleibt die Kontrolle der ganzen Rotmeerküste bis Jemen (S.376)

-- Englands Politik hilft, das ägyptische Reich Muhammad ‘Alis zu demontieren und die handelspolitische Öffnung durchzusetzen (S.386).

Für Ägypten beginnt die Zeit des "Informellen Imperialismus":
-- erzwungener Freihandel
-- Eindringen europäischen Kapitals (S.419).

Der Versuch der Selbstbehauptung gegenüber Europa fällt in sich zusammen. Ägypten durchläuft "eine geradezu exemplarische Entwicklung zur Unterentwicklung" (S.367).

1840
Libanon: Tod des Emirs Basir II as-Sihabi - Nachfolgestreit zwischen Drusen und Maroniten
der über Jahrzehnte anhält (S.378). Das Fürstentum zerbricht. Der neue Emir hat keine Autorität mehr (S.385).

Ende 1840 ca.
Wiedereinzug der Osmanen in Damaskus
(S.381)

ab 1840
Syrien: türkische Reformpolitik in Syrien auf europäischen Druck hin
dem Reformedikt von 1839 folgend:
-- Gleichstellung der Minderheiten
-- Öffnung für europäische "Penetration" (S.381).

Das Reformedikt wird jedoch kaum befolgt, was die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz angeht. Auch die anderen Reformen kommen nur stockend voran. Es kommt zu dauernden Beschwerden von europäischen Konsuln und Botschaftern, die die ungleichen Behandlungen ihrer Protegés beobachten (S.384).

1840-1860
Libanon/Syrien: Kämpfe zwischen Muslimen und "geschützten" Christen und Juden
Bewaffnete Auseinandersetzungen um die Vorherrschaft in Regierungskreisen zwischen Christen, Juden und muslimischen Gruppen (S.381).

ab 1840
Ägypten: Aufhebung des Protektionismus und europäische Handels-Invasion
(S.374)
Schrittweise Schaffung der Bedingungen für eine europäische "Penetration"
-- neue Landgesetzgebung
-- Säkularisierung und Europäisierung des Handels-, Verwaltungs-, Zivil- und Strafrechts (S.395).

ab 1840 ca.
Europa-Palästina: Bestrebungen der europäischen Mächte auf das "Heilige Land" - keine europäische Besetzung Palästinas
Die gegenseitigen Bestrebungen der europäischen Mächte, Palästina zu beherrschen, verhindern,
dass Palästina europäisch besetzt wird. Folgen:

-- alle europäischen Mächte geben chrisltichen Gruppen in Palästina reihenweise "Schutzgarantien", um ihre Machtpositionen auszubauen
-- die französischen "Schutzabkommen" für Maroniten existieren ja bereits
-- es kommt zur Förderung weiterer missionarischer und kultureller Aktivitäten von protestantischer und orthodoxer Seite (S.410).

Es existieren in Europa vier geistig-imperiale Strömungen, auf Palästina einzuwirken:

-- England: Interesse einer "restoration of the Jews" im "chiliastischen" Sinn: nach der Rückführung der Juden ins "Heilige Land" und deren Bekehrung zum Christentum werde ein 1000-jähriges Friedensreich anbrechen

-- Katholiken und deutsche Protestanten: vertreten den "friedlichen Kreuzzug" mit "anderen Mitteln": schrittweise "Wiedergewinnung" des "Heiligen Landes" durch religiöse, kulturelle und missionarische Einflussnahme und Kontrolle

-- Europäische Regierungen: streben alle nach einer Kolonisation, gönnen sich aber gegenseitig keine Kolonialisierung, so dass Palästina nie militärisch besetzt wird

-- ab 1880-er Jahre: Zionismus gewisser jüdischer Organisationen Europas (S.411).

Syrien/Libanon: Gründung christlicher Schulen
(S.388) [unter französischen und englischen Patronaten?]

1841
Palästina: Ägyptischer Rückzug - Reformanstrengungen in kleinen Schritten ohne Strukturwandel -
Die Macht der Herrschaft der lokalen Machthaber und der mächtigen Familien wird wieder hergestellt.
Ab 1841 kommt es zu einer verstärkten "Weltmarktintegration", aber zu keinem nennenswerten Strukturwandel (S.409).

Palästina: England und Preussen eröffnen ein protestantisches Bistum in Jerusalem ohne Gläubige
Gleichzeitig eröffnen England und Preussen in Palästina ein protestantisches Bistum in Jerusalem, ohne dass es in Palästina Protestanten gäbe. Das Bistum ist gegen die französische Schutzherrschaft der Katholiken und die russische Schutzherrschaft der orthodoxen Christen gerichtet.

Englands Politik will sogar eine jüdische Schutzherrschaft in Palästina errichten, obwohl noch kaum Juden in Palästina leben (S.410).

Preussen will eine protestantische Schutzherrschaft errichten, ohne dass Protestanten in Palästina siedeln.
Ergo müssen England und Preussen Juden und Protestanten nach Palästina locken, oder Katholiken oder orthodoxe Christen zum Protestantismus oder Judentum bekehren, um ihr Ziel zu erreichen. Der preussische Plan aber sieht vor, Juden zum Protestantismus zu bekehren, um so das protestantische Bistum zum Leben zu erwecken. In der Folge lassen sich orthodoxe Christen zum Protestantismus bekehren. Die wenigen Juden Palästinas aber bleiben bei ihrem Glauben (S.410).

ab 1841
Syrien: Provinz Sidon: Verlegung des Gouverneurssitzes von Akkon nach Beirut
(S.377)

1842
Libanon: Absetzen des letzten Emirs, Einsetzen eines osmanischen Gouverneurs
weckt in Europa Widerstand wegen "Interessen", v.a. in Frankreich
Kompromissvorschlag des österreichischen Staatskanzlers Metternich: Teilung des Libanon in ein maronitisches und ein drusisches Fürstentum. Die Betroffenen werden dabei nicht gefragt (S.385).

1842 ca.
Konstantinopel: Verkündung eines neuen Strafgesetzbuches
mit nochmaliger Betonung der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz (S.384)
aber mit der Scharia als Basis (!) (S.385).

ab 1842
Europa-Palästina: Reaktion der französischen und orthodoxen russischen Präsenzen auf das  protestantische Bistum in Jerusalem: Pläne zur eigenen Verstärkung der Gemeinden, um sie vor anderen Missionen zu "schützen" (S.410-411).

1843
Frankreich-Palästina: Wiederbelebung des Patriarchats in Jerusalem, um "Position zu beziehen"
Wiederbelebung des verwaisten Lateinischen katholischen Patriarchats in Jerusalem durch Frankreich. Einzug eines französischen Konsuls in Jerusalem, um "Position zu beziehen" (S.411).

1.1.1843
Teilung des Libanon entlang der Strasse von Beirut nach Damaskus
im Norden des Libanongebirges verwaltet ein maronitischer Bezirksgouverneur/qa’ im-magam, im Süden ein drusischer. Beide Bezirksgouverneure sollen dem osmanischen Gouverneur in Sidon unterstehen.
Die Strasse von Beirut nach Damaskus soll die Grenze und auch eine Konfessionsgrenze sein (S.385).

Die Teilung scheitert sofort, denn
-- auch im "maronitischen Bezirk" leben Drusen
-- auch im "drusischen Bezirk" leben Maroniten, und zwar mehr als doppelt so viele wie Drusen (S.385).

Die Reibereien um die Staatsform im Libanon gehen weiter, es etabliert sich ein institutionalisierter Antagonismus (S.385) mit "Schutzmacht"-Einflüssen und Anti-Europa-Stimmungen (S.386).

ab 1843 ca.
Ägypten: Zulassen von privatem Bodenbesitz
Muhammad ‘Ali muss privaten Bodenbesitz zulassen. Die bis jetzt bestehenden Grossgrundbesitzer werden im Nachhinein legalisiert, neue kommen hinzu. Der Druck zu einer Öffnung des Landes für den europäisch beherrschten Weltmarkt wächst (S.374).

1845
Libanon: Bürgerkrieg zwischen Maroniten und Drusen um die Staatsform
(S.385)

Konstantinopel: Verluste auf dem Balkan - Gewinne im Vorderen Orient - europäische Einkreisung
Mit der Etablierung der direkten Herrschaften in Mesopotamien, Libanon und am Roten Meer hat man die territorialen Verluste in Europa auf dem Balkan und am Schwarzen Meer kompensiert.

Aber das europäische Vordringen ins Rote Meer und in den Persischen Golf wird immer penetranter. Das Osmanische Reich wird eingekreist, auch weil lange Verwaltungsreformen blockiert werden (S.386).

Ende 1845
Libanon: Neuregelung des Verwaltungssystems
mit gleicher Verteilung der administrativen Aufgaben unter Drusen und Maroniten. Aber die Reibereien gehen weiter (S.385).

1847
Frankreich-Palästina: französisch-lateinischer Patriarch in Jerusalem, um "Position zu beziehen"
Einzug eines französischen Lateinischen Patriarchen in Jerusalem, um "Position zu beziehen". Der französisch-lateinische Patriarch beansprucht das Protektorat über alle Katholiken in Palästina.
In der Folge reagieren Spanien, Italien, Österreich und Deutschland gegen Frankreich, die ihre Katholiken in Palästina selber "schützen" möchten (S.411).

ab 1848
Ägypten: Scharia bleibt tabu
Vizekönig Ismail vermeidet bei Neuerungen die Erwähnung der Scharia, um keine Diskussion darüber aufkommen zu lassen (S.388).

Ägypten: Tod von Muhammad ‘Ali
Die Hoffnung auf Selbstbehauptung im Land wird aber nicht aufgegeben. Seine Nachfolger wollen die Selbstbehauptung durch Öffnung für Europa erreichen (S.387).

1850
Konstantinopel: Verkündung eines ersten Handelsgesetzbuches
-- Einrichten eines ersten Handelsgerichts
-- ist die erste staatliche Gerichtsbarkeit neben derjenigen des Kadi (S.385).

ab 1850 ca.-1876
Ägypten und Konstantinopel: Fortschrittseuphorie
wirtschaftliche und kulturelle "Durchdringung" des arabisch-islamischen Raumes und Fortschrittseuphorie und Reformimpetus (S.366).

ab 1850
Ägypten: Immer stärkeres Grossgrundbesitzertum der Machtelite der Königsfamilie
(S.395)

ab Mitte 19. Jh.
Vorderer Orient: Intellektuelle Auseinandersetzung mit der "europäischen Penetration"

-- die Verwaltungen, Rechtssysteme und Erziehungssysteme werden zum Teil "europäisiert", was eine intellektuelle Auseinandersetzung zur Folge hat, wie es mit dem Islam weitergehen soll

-- viele Intellektuelle und religiöse Gelehrt üben passiven Widerstand aus, was den Wandel aber nicht aufhält

-- die technischen Neuerungen überrumpeln den ganzen asiatischen Kontinent. Die muslimischen Intellektuellen suchen nach einem "Rückhalt im Eigenen" und nach islamischen Normen für eine "Erneuerung" und Stärkung gegen das expandierende Europa (S.387), denn die Scharia soll "unantastbar" bleiben (S.388), [was natürlich kaum zu schaffen ist].

ab Mitte 19. Jh.
Libanon: Intellektuellendiskussion unter syrisch-libanesischen Christen
die eine neue christliche Schule besucht haben (S.388).


Beginn der Verschuldung des Osmanischen Reichs wegen Kriegen gegen Russland - Bankengründungen im Vorderen Orient und Suezkanalplanung - Dampfschiffinvasion - Wettlauf um "Schutzrechte" in Palästina - 2.Reformedikt Konstantinopels, Friede von Paris mit Russland - Christenmassaker in Nablus - Orthodoxe in Palästina - Maronitenmassaker, Christenmassaker in Damaskus - "Jungosmanen" und Reformpresse - Landspekulation in Ägypten wegen Suezkanal - "Neuordnung" im Libanon - Staatsanleihen Ägyptens - Osmanische Neuordnung der Provinzverwaltungen - Busse für Streit um Suezkanal gegen Ägypten - Pseudoparlament in Ägypten - osmanisches Nationalitätengesetz - Einweihung des Suezkanals 1869

Zusammenfassung
Der Weltkrieg zwischen Christen und Muslimen kommt in der Zeit zwischen 1853 und 1869 voll zum Ausbruch. Während das Osmanische Reich nur durch europäische Unterstützung gegen Russland am Leben erhalten werden kann und die europäischen Mächte ihre Bankhäuser im Vorderen Orient platzieren, plant der neue Vizekönig Sa ‘id in Ägypten mit seinem französischen "Freund" Lesseps den Suezkanal. Der Sultan in Konstantinopel muss das 2.Reformedikt, das von Europäern diktiert wird, unterschreiben, damit zwischen seinem Reich und Russland ein Friede zustandekommt, das das Osmanische Reich am Leben lässt. Der Mob aber reagiert gegen all die Bevormundung mit Christenmassakern.

Die osmanische Regierung reagiert mit Strafgerichten und unmittelbarer Machtausübung und weiteren Reformen, während die europäischen Regierungen und Kirchen aus ihren Engagements in Palästina "Besitzrechte" ableiten und sich im Osmanischen Reich eine Reformpresse etabliert.

Ägyptens Entwicklung ist von einer völligen Durchmischung gekennzeichnet. Kairo wird zum Schmelztigel eines neuen multikulturellen Zusammenlebens und zum Intellektuellentreffpunkt für verfolgte Muslime. Das Vizekönigreich wird aber nun auch Opfer des gnadenlosen Kapitalismus. Während des Baus des Suezkanals blüht nicht nur der Baumwollboom, sondern auch die Landspekulation. Die englische Dampfschifffahrt in Mesopotamien kündigt bereits an, was Ägypten auch noch erwarten sollte, ohne dass es von den Fortschrittseuphorikern gesehen würde. Napoleon III. verfügt eine Busse von 3,3 Mio. £ wegen einer Auseinandersetzung um Kanalbauarbeiter.

Aber auch wegen Ereignisse höherer Gewalt kommt es zu den ersten ägyptischen Auslandsanleihen, u.a. für die kostenintensiven Folgeinvestitionen für den Kanal. Die Europäer steigern sich in eine Kolonisierungs- propaganda für Palästina, wo auch erste fromme Juden wohnen, die aber keinesfalls einen Staat Israel gegen die Araber begründen wollen. Gesetzesrevisionen sollen die "Europäisierung" in Damaskus vorantreiben. Dabei gründet Ägypten ein Parlament, das nur den Interessen des Vizekönigs dienen darf. Ein Nationalitätengesetz rundet das Bild des in Verschuldung getriebenen und von Fortschrittsgläubigen und Traditionalisten zerrissenen Osmanischen Reiches ab.

In Mesopotamien findet ausser Versklavung der Bauern keine "Europäisierung" statt. Mit der Eröffnung des Suezkanals 1869 kommt Ägyptens Erwachen, ohne dass die Muslime ein Rezept gegen die wachsende Verschuldung hätten. Im Gegenteil: Mit dem Suezkanal wird der K.O. der wirtschaftlichen Existenz des Vorderen Orient Wirklichkeit.

Chronologie (Fortsetzung)

1853
England-"Piratenküste" (heute:Vereinigte Arabische Emirate): Abkommen "Perpetual Truce"
zur Sicherung von britischem Einfluss. Das Gebiet wird fortan in Europa als "Trucial Coast" verzeichnet (S.422).

1853-1856
Konstantinopel: Krimkrieg gegen Russland:
Das Osmanische Reich kann nur dank militärischer, finanzieller und politischer Unterstützung durch die europäischen Militärmächte überleben (S.403).

ab 1853
Konstantinopel: Dreigestirn der Reformer: Resid Pascha-Fu’ ad Pascha-’Ali Pascha
(S.406)

ab 1854
Konstantinopel: dauernde finanzielle Belastung wegen Verteidigung des osmanischen Reichs
(S.406-407), vor allem gegen Russland (S.407).

1854-1877
Konstantinopel: Aufnahme von 16 Auslandsanleihen
Die Europäer werden mit den natürlichen Ressourcen des osmanischen Reichs zu den Anleihen verführt (S.407).

1854-1856
Konstantinopel: Aufnahme von drei Auslandsanleihen wegen Kriegen mit Russland
(S.407)

1854-1863
Ägypten: Vizekönig Sa ‘id - Fortschrittserklärung - weiter Diskriminierung in der Armee
Beginn der wirtschaftlichen und kulturellen "Durchdringung" Ägyptens.
Sa ‘id schafft den Europäern bereitwillig die Voraussetzungen für die "Penetration" mit dem Ziel, Ägypten zu "zivilisieren" und zu "europäisieren" (S.391).

Vizekönig Sa ‘id versucht, die einheimischen Grossgrundbesitzer und Kaufleute bis zu einem gewissen Grad an die turko-tscherkessische Machtelite zu koppeln, um sie besser kontrollieren zu können. Sa ‘id lässt einen Aufstieg in der Armee für Einheimische bis zum Offizier zu, weiter aber nicht (S.397).

ab Mitte 1850-er Jahre
Vorderer Orient: Einführen europäischer Neuerungen
Infrastruktur, Wirtschaftsentwicklung, Bankengründungen und Revolutionierung des Geldwesens (S.390).

1855 ca.
Ägypten/Suezkanal: Planung eines neuen Suezkanals unter Vizekönig Sa ‘id
mittels der "engen Freundschaft" mit dem französischen Planer und Unternehmer Ferdinand de Lesseps: Gründung einer Suezkanalgesellschaft "Compagnie Universelle du Canal Maritime de Suez". Geplant ist die 100-prozentige Kapitalisierung in Europa (S.392).

Lesseps kann aber seine Aktien in Europa nicht verkaufen. Es gelingt ihm mit psychologisch gelenkten" Betrugsmanövern" und "offizieller französischer Unterstützung" 44 Prozent der Anteile der Gesellschaft dem Vizekönig Sa ‘id aufzubürden. Somit sind 3,5 Mio. £ ungedeckt, weil die ägyptische Staatskasse das Geld nicht hat (S.392).

Lesseps rät Sa ‘id in der Folge zu einer "Schatzanweisung", einer kurzfristigen staatlichen Schuldenaufnahme, eine "Dette Flottante" (S.392).

ab 1855
Mesopotamien: Erste englische Dampfschiffe auf dem Tigris zwischen Basra und Bagdad
->> "Eingliederung" in den Weltmarkt (S.409).

[Dies ist der Beginn der ökonomischen Untergrabung der islamischen Welt. Die islamischen Länder aber wollen es noch nicht merken].

1856
England-Konstantinopel-Palästina: 56 Protestanten in Palästina unter "englischem Schutz"
Der Sultan muss die wenigen Protestanten in Palästina als offizielle religiöse Gemeinschaft/Millet anerkennen. England sichert sich erste kleine Schutzherrschaften in Palästina (S.410).

ab 1856
Europa-Palästina: Wettlauf um "Schutzrechte"
Steigerung des Wettlaufs um "Schutzrechte" der verschiedenen christlichen Kirchen in Palästina zwischen Frankreich, Russland, England und Preussen (S.411).

Vorderer Orient: Entwicklung des Handels und der Landwirtschaft - keine eigene "Industrielle Revolution"
-- schnelles Anwachsen des britischen Handels
-- Anschnellen der osmanischen Agrarexporte nach England
->> Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzfläche und europäische Penetration der türkischen Landwirtschaft
->> Zurückdrängen von Nomaden (S.408).

-- plus: wachsende ökonomische Abhängigkeit und Aussenbestimmung der osmanischen Landwirtschaft
-- plus: eine eigene industrielle Entwicklung wird bei der osmanischen Verwaltung "diskutiert", wird aber wegen der dauernden militärischen Probleme aufgrund der finanziell prekären Lage nicht realisiert (Die Kriege gegen Russland und auf dem Balkan verhindern eine osmanische Industrialisierung) (S.408).

18.2.1856
Konstantinopel: 2.Reformedikt/hatt-i hümayun: Gleichberechtigung und Infrastruktur - Reformertrio Resid Pascha, Fu’ ad Pascha und ‘Ali Pascha
Das Reformedikt ist Voraussetzung für den Friedensvertrag zwischen dem Osmanischen Reich und Russland, der in Paris aufgesetzt wird. Ohne Reformedikt würde das Osmanische Reich vor Russland in die Knie gehen, weil die europäischen Mächte den Schutz verweigern würden. Das Edikt (S.404)

-- betont v.a. die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz (S.384)

ausserdem Ankündigungen:
-- Bankengründungen, um das Kapital für Investitionen zu
konzentrieren
-- Strassen- und Kanalbau zur Verwendung von Produkten (nicht erwähnt: und auch für schnelle militärische Bewegungen)

-- Landwirtschaftsentwicklung (S.390)
-- kommt unter starkem Druck der Botschafter Englands, Frankreichs und Österreichs zustande:
-- detaillierte Aussagen über die Position der Nicht-Muslime im Osmanischen Reich

-- Fortschreibung der Absichtserklärung von 1839 über Steuer-, verwaltungs- und Militärreformen
-- Ankündigung der Erlaubnis des Immobilienerwerbs für Europäer im Osmanischen Reich
-- Umsetzen europäischen Wissens und Kapital für die Entwicklung des Landes (S.404).

In der Folge sind die ökonomischen Aktivitäten der Europäer im gesamten Osmanischen Reich erheblich erleichtert
und die osmanischen "Reformer" stehen voll hinter dem Reformedikt, v.a. die drei "Reformer" Resid Pascha, Fu’ ad Pascha und ‘Ali Pascha (S.404).

30.3.1856
Konstantinopel-Russland: Friede in Paris
-- ist für das Osmanische Reich "wohlwollend" formuliert
-- das Reformedikt vom 18.2. 1856 ist erwähnt und es wird ihm ein "hoher Wert" zugeschrieben
-- Konstantinopel soll ab jetzt am europäischen Gleichgewicht beteiligt sein: "la Sublime Porte admise à participer aux avantages du droit public et du concert européens" (S.404).

->> das Osmanische Reich ist in die "europäische Völkerrechtsgemeinschaft" aufgenommen, was nur "zivilisierten" Staaten vorbehalten ist
->> obwohl noch gar keine Reformen im Osmanischen Reich vollzogen sind! (S.404)

1856
Nablus: Christenmassaker und Pogrom gegen die Gleichberechtigung und europäische Durchdringung
(S.412)

1856-1876
Konstantinopel: Aufnahme von 12 Anleihen zur Schliessung von "Büdgetlücken" - Rechtsreformen
auch zur Finanzierung von Militäraktionen in den arabischen Provinzen und auf dem Balkan.
Die osmanische Staatskasse ist praktisch immer leer wegen der Militärausgaben.
Die natürlichen Ressourcen, die vor den europäischen Gläubigern immer wieder angepriesen werden, werden nie erschlossen und kommen nie als Gegenleistung zur Geltung (S.407).

Nur in der Gesetzgebung können die Reformer in Konstantinopel die Anpassung an moderne Gesetzesnormen vollziehen. In tiefgehenden Rechts- und Verwaltungsreformen kommt es zur Anpassung im
-- Bodenrecht
-- Strafrecht
-- Handels- und Steuerrecht nach französischem Vorbild
-- Provinzverwaltungsrecht nach französischem Vorbild
-- Zivilrecht (S.404).

ab 1856
Konstantinopel: Entmachtung der Lokalherren - Entwicklung der Gewaltenteilung - Schulreformen - fehlende infrastrukturelle Entwicklung im Osmanischen Reich
Konstantinopel muss Feldzüge mit der osmanischen Armee durchführen, um in den Provinzen definitiv die Macht der ländlichen Lokalherren zu brechen (S.404-405).

Ausserdem:
-- Etablieren einer hierarchischen und zentralistischen Verwaltung zur "effektiveren Nutzung der fiskalischen und militärischen Ressourcen"
-- schrittweise Trennung der Regierungsgewalt in Exekutive, Legislative und Judikative
-- Gründung eines gegliederten, säkularisierten Schulsystems
-- dabei fehlt es an einer durchgreifenden Politik zur infrastrukturellen und wirtschaftlichen Entwicklung der Provinzen (S.405).

Insgesamt kommt es zu einem Dualismus in der osmanischen Gesellschaft, v.a. im Rechts- und Schulwesen zwischen Fortschrittlichen und Traditionalisten (S.405).

1858
Konstantinopel: Neues Landgesetz zur Vermessung und Schätzung des Bodens: "mise en valeur"
um kommunitäre Besitz- und Bewirtschaftungsformen "aufzubrechen" und eine individuelle fiskalische Besteuerung und regionale Verantwortlichkeit festzulegen. Die Schätzung ist die Voraussetzung zum Handel mit Land (S.405):
-- Legalisierung des Privaterwerbs von Boden
-- Erlauben des privatwirtschaftlichen Managements auf landwirtschaftlichen Gütern (S.395).

Konstantinopel: Tod des Reformers Resid Pascha
(S.406)

Hedschas/Dschidda: Christenmassaker und Pogrom
gegen die Gleichberechtigung und europäische Durchdringung (S.412, 414).

Russland-Palästina: Installierung eines russischen Bischof, Konsul und Patriarch in Jerusalem, um "Position zu beziehen"
Einzug eines russischen Bischofs und Konsuls in Jerusalem. Noch im selben Jahr verlegt er orthodoxe russische Patriarch von Konstantinopel seinen Sitz nach Jerusalem, um den orthodox-arabischen Christen Unterstützung zu geben und sie vor weiteren Missionen zum Katholizismus und zum Protestantismus zu "schützen" (S.411).

ab Ende 1850-er Jahre bis Anfang 1860-er Jahre
Palästina: Osmanische Feldzüge in Palästina zur lückenlosen Unterwerfung
der Lokalherren in Untergaliläa und im zentralen palästinensischen Bergland (S.409).

1859
Ägypten/Suezkanal: Baubeginn am Suezkanal
der von ägyptischen Arbeitern gegraben wird (S.392).

1860
Libanon: Mehrere Massaker der Drusen an Maroniten
Bürgerkrieg zwischen Maroniten, die unter französischem "Schutz" stehen, und Drusen. Aufbäumen der Drusen gegen die maronitische Expansion nach Süden und die zunehmende Bevölkerung der Maroniten. Mehrere Massaker und Pogrome gegen Maroniten (S.412).

Die osmanischen Verwaltungs- und Militärbehörden schreiten nicht ein. Gemäss verschiedenen Angaben kommt es zu 15’000 Ermordeten und fast 100’000 vertriebenen Christen. Das System der Qa’ immaqamate bricht zusammen. Die Massaker sind auch eine Rache für die gesamten osmanischen Reformen der "Gleichberechtigung der Nicht-Muslime" (S.412).

Juli 1860
Damaskus: Christenmassaker
1 Woche lang Christenmassaker und Pogrome gegen die Gleichberechtigung und europäische
Durchdringung unmittelbar nach dem Pogrom in Libanon mit 100en ermordeter Christen (S.414).

Es ist der Höhepunkt der bewaffneten durch die europäische "Schutzpolitik" provozierten Auseinandersetzungen zwischen Muslimen, Christen und Juden (S.381). Es kommt zu Überfällen, Mord und Brandschatzung durch den muslimischen aufgehetzten Mob wegen dauernder Schwächung traditioneller machtausübender Familien durch die europäische Penetration. Frankreich reagiert mit einem Expeditionskorps, das in Beirut eintrifft und Damaskus besetzen soll (S.414).

Aug 1860
Konstantinopel-Damaskus: Osmanisches Strafgericht gegen die Anführer der Christenpogrome
-- der geplante französische Feldzug von Beirut nach Damaskus ist nicht mehr notwendig
-- Konstantinopel benutzt die Gelegenheit, in Damaskus eine direkte osmanische Kontrolle einzusetzen, um die Fortschrittspolitik zu forcieren (S.414).

Der osmanische Aussenminister Fu’ ad Pascha lässt in Damaskus ca. 170 Personen als Rädelsführer hinrichten und führende Notabeln exilieren (S.415)
plus: Zwangsverpflichtungen syrischer Männer in die osmanische Armee
plus: Verhängung einer Kollektivstrafe gegen die muslimische Bevölkerung von Damaskus von 20 Mio. Piastern (S.415).

ab 1860
Damaskus: Äusserliche Beruhigung der Lage durch Aufschwung - Rekrutierungen
-- Frustration in der syrischen Bevölkerung und "Beruhigung" der Lage zwischen Christen und Muslimen durch ökonomischen Aufschwung.
-- die Propaganda gegen die Christen flaut ab
-- Zulassen einer verstärkten europäischen Penetration (S.414)
-- Effektivierung der Steuererhebung und Rekrutierung für die osmanische Armee (S.416).

1860-1900
Syrien: "Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung"
-- v.a. Getreideexport, begehrt: der harte Hauran-Weizen (heutiges Süd-Syrien/Nord-Jordanien)
-- billige englische Textilimporte bedrängen die einheimische Textilproduktion (S.408).

ab 1860 ca.
Konstantinopel: Dualismus im Recht und Schulwesen des Osmanischen Reiches
-- neues Recht und neue Gerichtshöfe stehen neben der Scharia
-- neues staatliches Schulwesen steht neben den Medresen (S.405).

Entwicklung des Grossgrundbesitzes
-- Entwicklung einer Grossgrundbesitzerschicht durch das Zulassen des Handels mit Land
-- vor allem die sozio-politischen und ökonomisch dominierenden Gruppen verstehen es, sich neue Besitztitel zu verschaffen (S.405).

ab 1860
Libanon: Seidenproduktion für Frankreich
Produktion und Export von Rohseide wird die dominierende wirtschaftliche Tätigkeit, die zum grössten Teil mit französischen Investitionen zustande kommt. Der Export steigert sich stetig, v.a. nach Frankreich in die Seidenindustrie von Lyon (S.408).

Palästina: Produktion und Export - Grossgrundbesitz - kaum Investitionen
-- Export von Getreide, Sesam, Olivenöl, Seife, Orangen. Export über den Haupthafen Jaffa
-- auch in Palästina kommt es zur Bildung eines Grossgrundbesitzertums durch freien Landhandel
-- direkte Investitionen in die Infrastruktur werden kaum getätigt, so dass ein Ausbau des Hafens von Jaffa nicht möglich ist (S.408).

ab 1860-er Jahre
Konstantinopel: Reformgedanken der "Jungosmanen" / Yeni Osmanlilar am Sultanhof
mit der Forderung, dass die Reformen auch das politische System erfassen müssten und die Funktion des Sultans überdacht werden müsse, denn
-- Europas Fortschritte sind nicht nur die technischen und wissenschaftlichen Errungenschaften
-- Europas Fortschritt ist auch auf den konstitutionellen und repräsentativen Regierungsformen begründet (S.406).

ab 1860 ca.
Europa-Palästina: Stimmung in Europa: "Besitzrechte" (!) - Konstantinopels Gegenstrategie
Aus den vielfältigen "religiös-kulturellen Tätigkeiten" leiten die europäischen Mächte eine Art "Besitzrecht" auf Palästina ab. Das Land wird aber nie europäisch besetzt, weil es als "gemeinsames europäisches Erbe" betrachtet wird.
Gleichzeitig versucht Konstantinopel, Palästina fester an sich zu binden, um gegen die europäischen Einflüsse, die aufsplitternd wirken, vorzugehen (S.412).

Ägypten: Der "Europäisierungsprozess" gerät ausser Kontrolle: Entwicklung der Küstenstädte, Bourgeoisie - Dualismus mit Rassismus zwischen "Europäisierten" und "Zurückgebliebenen"
-- einheimische Händler und Handwerkerfamilien sind zu schwach gegen die europäischen Taktiken
-- die Baumwollproduktion wird forciert (S.391).

Es bildet sich eine breite und einflussreichen Handels- und Finanzbourgeoisie, vor allem am Meer in Hafenstädten ansässig, bestehend vor allem aus Europäern, Levantinern und Angehörigen lokaler Minderheiten, zum Teil Protegés europäischer Staaten. In der Folge wird Alexandria Rivalin Kairos und die einheimischen ägyptischen Kaufleute in Kairo verlieren an Einfluss (S.398).

plus: Anwachsen der Grossbesitzerschicht, die nun aus drei Schichten besteht:
-- aus der herrschenden Dynastie
-- aus Angehörigen der turko-tscherkessischen Machtelite
-- aus Angehörigen mächtiger einheimischer ägyptischer Familien (S.398).

Ein Teil der Machtelite betrachtet sich als europäisiert, haben eventuell eine Ausbildung oder zumindest einen Aufenthalt im "modernen" Europa gemacht, aber

-- reflektieren die europäischen Zustände nicht auf die ägyptischen Verhältnisse
-- streben blind den europäischen "Errungenschaften" nach

-- schaffen in Handel, Produktion, Infrastruktur, Rechtsordnung und im politisch-administrativen Bereich Institutionen, die dem Grundziel der "Europäisierung" eher gegen das eigene Volk dienen (S.398).

Ägypten: Beginnender Baumwollboom - Bodenpreise steigen - Grossgrundbesitzertum und Bauernverarmung
Der Wert des Bodens schnellt infolge des Baumwollbooms in die Höhe durch allseits mögliche Spekulation: "land grabbing" (S.396).

Ägypten stellt fast die ganze Landwirtschaft auf Baumwolle um. Entstehen von Baumwollmonokulturen.
Gleichzeitig kommen Scharen von Europäern nach Ägypten und hoffen auf schnelles Geld mit der Möglichkeit der Kapitalinvestition zur Kapitalakkumulation (S.391).

Auswirkungen:
-- Ägypten wird für Europäer zu einem neuen "Eldorado" (S.393)

-- Ismail und seine Familie besitzen allein ein Fünftel des gesamten bebauten Bodens in Ägypten  als Privateigentum

-- die Grossgrundbesitzer zahlen kaum Grundsteuern oder entrichten gar keine
-- die Steuerlast auf die Bauern wird immer drückender (S.396).

->> ein grosser Teil der ländlichen Bevölkerung wird landlos und rechtlos (S.396).

Ägypten/Suezkanal: Spekulationen durch den Bau des Suezkanals
Die dünne besitzende Schicht hofft vor allem auf Spekulationsgewinne
-- durch den Bau des Suezkanals
-- durch Infrastrukturprojekte
-- Investitionen in die Staatsschuld
-- Finanzierung des Aussenhandels durch Export von Baumwolle und Import von Maschinen, Investitionsgüter und Textilien
-- direkte Investitionen im Agrarsektor (S.392).

ab Beginn 1860-er Jahre
Vorderer Orient: Gründung eines neuen Pressewesens: Reformpresse
durch die Absolventen der christlichen Schulen in Libanon und Syrien (S.388)
-- vor allem in Beirut, Kairo und Konstantinopel
-- fordern den Wandel
-- grundlegende Reformen
-- eine Regeneration des Orients durch "Europäisierung" und Patriotismus
-- Abschaffung der Scharia, Gleichstellung von Muslimen und Nicht-Muslimen
-- als Basis der muslimischen Identität soll die säkularisierte arabische Kultur dienen und nicht mehr die veraltete Scharia (S.389).

In der Folge entstehen im ganzen Vorderen Orient dualistische Strukturen, grosse Gruppen, wo die Scharia keine Rolle mehr spielt, und traditionelle Gebiete, die am Scharia-Recht festhalten (S.389).

1861
Konstantinopel-Libanon: Der Libanon wird prosperierende "christliche Insel"
Konstantinopel richtet in Libanon nach und nach eine direkte Verwaltung ein aufgrund der europäischen Interessen (S.412) im Libanongebirge (S.377). Das Kollektivprotektorat der europäischen Grossmächte und das "wachsame" Frankreich gibt dem Libanon bis 1914 die "ruhigste Phase seiner neueren Geschichte". Die Staatsstruktur:

-- Festhalten am Prinzip des administrativen Konfessionalismus

-- unmittelbare Unterstellung des Libanongebirges als reichsunmittelbarer, autonomer Bezirk des Osmanischen Reiches: Gabal Lubnan/Mont Liban

-- die Küstenstädte Tripolis, Beirut und Sidon bleiben von mächtigen Notabelfamilien beherrscht

-- der osmanische Gouverneur für den Libanon wird von Konstantinopel und den europäischen Mächten gemeinsam eingesetzt: muss ein katholischer Christ sein, darf aber nicht aus dem Libanon selber kommen

-- der Gouverneur des Libanon bekommt einen "Verwaltungsrat" mit der Vertretung aller religiöser
Gemeinschaften zur Seite gestellt: 4 Maroniten, 3 Drusen, 2 Griechisch-Orthodoxe, 1 Griechisch-Kathole, 1 Sunnit, 1 Schiit: 7 Christen stehen 5 Nicht-Christen gegenüber (S.414)

-- die Maroniten dominieren, und der Libanon entwickelt sich zu einer "stabilen und prosperierenden christlichen Insel im muslimischen Meer" (S.414).

1861
Mesopotamien: Gründung der englischen "Euphrates and Tigris Steam Navigation Company"
(S.409)

1862
Ägypten/Suezkanal: Die Ägypter graben sich ihr eigenes Grab - fehlende Baumwollarbeiter
Es graben "Monat für Monat" 25’000 ägyptische Arbeitskräfte am Suezkanal. Gleichzeitig fehlen Ismail die Arbeiter auf den Baumwollfeldern. Er will der Suezkanalgesellschaft die Landkonzession annullieren. Im Streit zwischen Vizekönig Ismail und der Kanalgesellschaft wird Napoleon III. als Schlichter an (S.392).

[Die ägyptische Elite will nicht merken, dass die islamische Welt allen Zwischenhandel verlieren wird, wenn der Suezkanal erst einmal gebaut ist. Die Technikeuphorie scheint ungebremst].

1862-1873
Ägypten: langfristige Staatsanleihen und Staatsverschuldung
-- Aufnahme von 5 Staatsanleihen zur Deckung der "Dette Flottante"
-- Aufnahme von 3 Staatsanleihen für produktive Investitionszwecke (S.393).

1863-1879
Ägypten: Tod von Vizekönig Sa ‘id - Nachfolger: Vizekönig Ismail - Fortschrittserklärung
(S.390-391); Erklärung gegenüber den europäischen Konsuln:
-- die ökonomische Basis des Fortschritts wird die Agrarproduktion sein
-- alle Ressourcen des Landes werden an der Modernisierung der Landwirtschaft arbeiten müssen
-- er werden einen Freihandel etablieren, der allen Klassen des Landes Wohlstand bringen werde

->> die wirtschaftliche und kulturelle "Durchdringung" Ägyptens wird fortgeführt (S.391).

Ägypten: Ismails politische Linie:
-- de-fact-Unabhängigkeit von Konstantinopel
-- Ägypten soll ein politischer Machtfaktor im östlichen Mittelmeerraum und ein wichtiger Partner Europas werden
-- Ägypten soll den europäischen Ländern ebenbürtig werden mittels "Öffnung" (S.398).

1863-1865
"USA": amerikanischer Bürgerkrieg um die Sklaverei der Südstaaten - Ausfall der Baumwolllieferung
Die Baumwolllieferungen der Südstaaten an England fallen aus, und Ägypten wird als Lieferant gefördert. "King Cotton" fängt an, die ägyptische Landwirtschaft vollends zu beherrschen (S.391).

1864
Konstantinopel: Neuordnung der Provinzverwaltungen

auf der Basis des vilayet-Gesetzes/Provinzgesetzes nach französischem Vorbild (S.404).

Syrien: Vereinigung der Provinzen Damaskus, Tripolis und Sidon zur "Grossprovinz Syrien"
(S.377)

Ägypten/Suezkanal: Schiedsspruch von Napoleon III.: Schuldspruch gegen Vizekönig Ismail
Napoleon III. verfügt über Vizekönig Ismail eine Zahlung von 3,3 Mio.£ "Entschädigung" an die Kanalgesellschaft (S.392), obwohl bald Baumaschinen die Grabungsarbeiten übernehmen sollen (S.392).

1864-1865
Konstantinopel-Palästina: Jaffa und Jerusalem werden ans osmanische Telegraphennetz angeschlossen
um die christlichen "Schutzherrschaften" nicht zu mächtig werden zu lassen (S.412).

1864-1866
Ägypten: Aufnahme von 3 Staatsanleihen für "Katastrophen" und "unvorhergesehenen Geldbedarf"
-- Erneuerung des Viehbestandes nach verheerenden Seuchen
-- Geldbeschaffung für den Schiedsspruch Napoleons
-- Hilfe für verschuldete ländliche Grundbesitzer nach dem plötzlichen Ende des Baumwollbooms
-- Aufbringen von Bestechungsgeldern für Konstantinopel, um die Autonomie Ägyptens innerhalb des osmanischen Reichs zu halten (S.393).

ab 1864
Konstantinopel/Palästina: Provinzverwaltungsgesetz - direkte osmanische Verwaltung - wirtschaftliche Entwicklung
Einführen einer direkten osmanischen Verwaltung in Palästina mit zwangsweiser Eingliederung der Lokalherren (S.409).

Zusätzlich:

-- Ausdehnung der landwirtschaftlichen Produktion in die Ebenen Palästinas
-- die ehemaligen Lokalherren werden Grossgrundbesitzer und Steuerpächter und können ökonomische Positionen erringen (S.409)

-- die einheimischen mächtigen Notabelnfamilien Jerusalems und die neue Handels- und Finanzbourgeoisie konkurrieren mit den Lokalherren um die Macht

-- bekanntester Grossgrundbesitzer ist Niqula Sursuq aus Beirut
-- gleichzeitig kommt es zu einem massiven Bevölkerungswachstum von um 1860 350’000 auf um 1880 470’000 Einwohner (S.410).

1865
"USA": Ende des Bürgerkriegs und Wiederaufnahme der Baumwollieferungen
->> abruptes Ende des Baumwollbooms in Ägypten (S.393).

1865 ca.-1869 ca.
Osmanischer Balkan: Gouverneur Midhat Pascha
etabliert auf dem Balkan eine "Musterverwaltung" im Geist des europäischen Fortschritts (S.415).

ab 1865
Osmanisches Reich: Investitionsanreize für ausländisches Kapital - Verarmung
Mit dem ausländischen Kapital werden nur Aktionen im ausländischen Interesse getätigt, kaum für die Bevölkerung (S.408).

Ägypten: Investitionen aus Europa zu "ruinösen Bedingungen" - die Investitionen
(S.402); das Geld wird nicht verschwendet, wie von der Geschichtsschreibung oft behauptet wird, sondern die Investitionen sind sehr kostenintensiv, vor allem die Folgeinvestitionen für den Suezkanal:
-- Bewässerungskanäle
-- Brücken, Leuchttürme
-- Docks von Suez
-- Eisenbahnen
-- Telegraphen
-- Hafen und Wasserversorgung von Alexandria
-- Zuckerfabriken (S.403)
plus: Beteuerung der Bauern mit Verarmung als Folge (S.403).

[Die ägyptische Elite investiert somit in ihr eigenes Grab und in den Untergang der ganzen muslimischen Welt].

ab 1865
Ägypten: Entwicklung eines gemischten Kulturlebens - Kairo als Gegenpol zu Konstantinopel
Es kommt zu einem blühenden Kulturleben "alla Franca" in Kairo und Alexandrien und auch zu einer arabisch-islamischen kulturellen Renaissance auf den Grundlagen noch von Muhammad ‘Ali:
-- Expansion des Bildungswesens
-- Presseentwicklung
--die gemischte Kulturentwicklung zieht Intellektuelle aus dem ganzen Orient an, darunter viele Libanesen und Syrer, die der osmanischen Zensur entfliehen (S.403).

ab Mitte der 1860-er Jahre
Europa-Palästina: europäische Kolonisierungspropaganda - erste jüdische Einwohner
Viele Seiten in Europa propagieren die Kolonisierung Palästinas. Es entstehen viele Projekte und Versuche, die meist misslingen. Nur die Projekte der schwäbischen Templer und die jüdische Kolonisation haben Erfolg.
Projekt der Schwäbischen Templer:

-- ist eine pietistische Glaubensgruppe aus Württemberg
-- hat die "Sammlung des Volkes Gottes" in Jerusalem zum Ziel, wobei die Templergruppe das "Volk Gottes" sei (S.411)

-- Verkündung des Rechts der Templer auf den Besitz des "heiligen Landes" (S.412).

Um 1865 leben in Palästina ca. 24’000 Juden, v.a. in den vier jüdischen "heiligen Stätten" Jerusalem, Hebron, Bafad und Tiberias (S.430).

1865/1866
Ägypten: Aufnahme einer produktiven Staatsanleihe u.a. zur Landwirtschaftsentwicklung auf den königlichen Gütern
(S.393)

1866-1871
Syrien/Damaskus: Gouverneur Rasid Pascha. Damaskus wird zu einem Subzentrum osmanischer Fortschrittspolitik
-- Einrichtung der Provinzverwaltungsräte und Stadträte
-- Infrastruktur: Strassen, Telegraph, Eisenbahn
-- Aufbau eines staatlichen Schulsystems
-- Ausweitung der landwirtschaftlichen Produktion (bei Sklavenlöhnen?)
-- Zurückdrängen der Beduinen durch Siedlungsausweitung (S.415).

1866
Ägypten: Aufnahme einer produktiven Staatsanleihe u.a. zum Ausbau des Eisenbahnnetzes
(S.393)

ab 1866
Ägypten: Einführen einer "beratenden Delegiertenkammer" - das Pseudoparlament
Vizekönig Ismail versucht, die einheimischen mächtigen Familien durch Einführen einer "Beratenden Delegiertenkammer" aus einheimischen Provinznotabeln und Kaufleuten enger an die turko-tscherkessischen Machteliten zu koppeln. Diese Kammer darf aber nur so weit aktiv sein, wie es Ismail nützt und ist deswegen eher Kosmetik, um gegenüber Europa gut dazustehen und sich vom altmodischen Sultan in Konstantinopel abzukoppeln (S.397).

Das "Parlament" soll der "Europäisierung" dienen und dem Volk ein demokratisches Vorbild sein, ist aber keine unabhängige, sondern nur eine "beratende" Institution. Es wählt den "Ministerpräsidenten" unter den loyalen Gefolgsleuten Ismails, der sogar seine Ministerämter behalten darf, die er vorher ausgeübt hat (S.398.

1867
Konstantinopel-Kairo: Der Sultan verleiht Vizekönig Ismail von Ägypten den Titel Khediv
(S.393)

Ägypten: Aufnahme einer produktiven Staatsanleihe u.a. zum Aufkauf von Gütern eines exilierten Prinzen
(S.393)

Mesopotamien: Gründung der osmanischen "Oman-Ottoman-Line"
(S.409)

bis 1868
Ägypten: Auslandverschuldung ist "nicht besorgniserregend" - sorgloses Europa
Frankreichs und Englands Spekulanten aber erkennen nicht, dass die "Europäisierung" in der weiter laufenden Art und Weise Ägypten in den Ruin treibt (S.393).

1868
Ägypten: Höchste Staatsanleihe - Staatsanleihenverbot aus Konstantinopel
Staatsanleihe von 11,88 Mio. £, realisiert werden aber nur 60,5 Prozent: 7,19 Mio. £. Ziel der Anleihe ist die Unifizierung und Konvertierung aller bisherigen Anleihen und Schatzanweisungen. In der Folge verbietet der Sultan Ägypten weitere Anleihen (S.393).

1868-1873
Deutschland-Palästina: Templer-Siedlungen in Palästina
Die Schwäbischen Templer gründen als schwäbisches "Gottesvolk" vier Siedlungen in Palästina, nur wenig Nachzug (S.412).

1868-1912
Japan: Meiji-Ära: Versuch der Selbstbehauptung gegenüber Europas Dampfschiffinvasion
(S.367)

1869
Konstantinopel: Tod des Reformers Fu’ ad Pascha
(S.406)

Konstantinopel: Nationalitätengesetz
Erlass über ein Gesetz zur osmanischen Nationalität im Zuge des Beginns des "Osmanismus"-Propaganda, um das Reich "zusammenzuhalten" (S.421).

1869-1872
Mesopotamien: Antritt von Gouverneur Midhat Pascha, mit dem Auftrag aus Konstantinopel, Mesopotamien zu "modernisieren"
Es ist aber nur eine "bescheidene" Realisierung möglich:
-- Demontage weiterer lokalherrschaftlicher Strukturen u.a. der kurdischen Herrschaften im Norden und im Süden in den "heiligen Schiitenstätten" Kerbela und Nadschaf, die in die fortschrittlichen Verwaltungsstrukturen "integriert" werden
-- Fortschritte in der "Sesshaftmachung" von Beduinen (S.415).

1869
Ägypten/Suezkanal: Einweihung - Schuldenberg Ägyptens: 21,5 Mio. £
Der Schuldenberg Ägyptens beträgt mitlerweile 21,5 Mio. englische Pfund (S.392).

[Das Grab Suezkanal hat auch noch Schulden hinterlassen].


Suezkanal vernichtet Zwischenhandel und Karawanenhandel - osmanische Herrschaftsausdehnung in Mesopotamien erfolglos - Missionsschulen in Libanon - osmanische Balkanreformen - Ägyptens Profiteure der "Europäisierung", Armut in Ägypten und Syrien - osmanisches Provinzgesetz - Balkannationalismus nach deutschem Sieg - osmanische Besetzung von Qatar und Jemen - "Dette Flottante" in Ägypten 1873 - osmanischer Staatsbankrott - ägyptischer Staatsbankrott - russisch-türkischer Krieg

Zusammenfassung
Die Eröffnung des Suezkanals in der blinden "Europaeuphorie" der ägyptischen Oberschichten ruft den wirtschaftlichen Niedergang des ganzen Vorderen Orients hervor. Englische Schiffe ersetzen den muslimischen Zwischenhandel und die beduinischen Wüstenkarawanen. Ägyptische Oberschichten profitieren und schwelgen im Luxus, und deswegen wird gegen die "Europäisierung" auch weiter nichts unternommen. Osmanische Herrschaftsversuche in Mesopotamien bleiben erfolglos.

In Ägypten kann die Landwirtschaft ausgeweitet werden, während in Libanon "christliche" Organisationen missionarische Schulen einrichten. Die osmanische Regierung in Konstantinopel versucht währenddessen, die Herrschaft mit Reformen aufrechtzuerhalten: auf dem Balkan, mit einem Provinzgesetz nach französischem Vorbild, und mit einem Bürgerlichen Gesetzbuch "Megelle", dessen Basis aber nach wie vor die alte Scharia bildet. Nach dem Tod des letzten Reformers kommen aber gleich Kräfte gegen die eigenen Reformen auf. Währenddessen schlittern Ägypten, das 1873 eine "Dette Flottante" aufgehalst bekommt, und das Osmanische Reich 1875/1876 gemeinsam weiter in den Staatsbankrott.

Russland kann dem Osmanischen Reich jedoch nichts anhaben, da es von europäischen Mächten "am Leben" erhalten wird. Das Osmanische Reich wird zum "Fass ohne Boden", soll aber als Prellbock zum Schutz der englischen "Interessen" in Ägypten "gehalten" werden. In Ägypten vermeiden die europäischen Mächte durch die Gründung einer "Caisse de la Dette Publique" und einer europäische Zwangsverwaltung eine Bankrotterklärung. Mit einer Verfassung und einem ersten Parlament macht das Osmanische Reich zum ersten Mal das demokratisch- parlamentarische Experiment.

Chronologie (Fortsetzung)

1869
Ägypten: Versuch der Machtbeteiligung der Notabeln
Vizekönig Ismail besetzt fast alle Provinzgouverneursposten mit Provinznotabeln, um ein besseres Verhältnis zu ihnen herzustellen und sie besser kontrollieren zu können. Die turko-tscherkessischen Eliten sind verdrängt, lassen sich das aber nicht gefallen (S.397).

ab 1869
Suezkanal: Direkte Schiffsverbindung zwischen Europa und Basra/Bagdad mit Direkthandel zwischen England und Basra durch den Suezkanal - die schweren Folgen

-- England ersetzt in Mesopotamien Indien als wichtigsten Handelspartner und kassiert selbst die Margen. Mesopotamien exportiert v.a. Datteln, Wolle und Getreide

-- Verbesserung des Bewässerungssystems und Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Es kommt zu einem Boom im Export (S.409) [aufgrund sklavenähnlichen Anstellungsverhältnissen in der Landwirtschaft?]

-- die Eröffnung des Suezkanals hat den Niedergang des Zwischenhandels in Syrien und Libanon zur Folge

-- England und Ägypten haben mit dem Bau des Kanals gemeinsam die Existenz des ganzen Vorderen Orients zerstört und verdammen die ganze Region zur peripheren handelspolitischen
Existenz

-- die Handelskarawanen und deren Handel verfällt ebenfalls, da sie durch englische Handelsschiffe zwischen Libanon und Basra ersetzt werden

-- jahrhundertealte, wenn nicht jahrtausendealte gesellschaftliche Strukturen des Vorderen Orient werden vernichtet (S.470).

[-- der Suezkanal hat später auch den Import billiger japanischer Ware in Nahost zur Folge!]

1870
Süd-Mesopotamien: weitere Reformen - Konstantinopel plant die Macht bis zum Golf
-- erster Versuch von Rekrutierungen für die osmanische Armee
-- Vorbereitungen zur Ausdehnung der osmanischen Herrschaft im Nadschd und an der Küste des Persischen Golfes gegen die Wahhabiten und gegen England (S.415).

Der Anspruch auf die Gebiete des Nadschd und an den Küsten des Persischen Golfs bleiben aber nur nomineller Natur (S.416).

Ägypten: Vervierfachung der Anbaufläche und des Baumwollexports gegenüber 1850
(S.391)

1870?
Beirut: Gründung einer protestantischen missionarischen Schule "Syrian Protestant College"
(S.426)

1870/1871
Deutsch-französischer Krieg: Der Finanzmarkt Frankreichs fällt für Ägypten und für Vizekönig Ismail als Privatmann aus
-- es sind keine weiteren Staatsanleihen oder Kredite für Ägypten möglich
-- Ismail versucht, eine Staatsanleihe in Ägypten selbst zu lancieren, jedoch ohne grossen Erfolg (S.393).

1870-1876
Konstantinopel: Ausarbeitung eines neuen "Bürgerlichen Gesetzbuchs": "Megelle"
das aber weiter die Scharia als Grundlage haben soll (S.404).

1870-er Jahre
Konstantinopel: bekanntester Reformer: Midhat Pascha
profiliert sich v.a. in der Donauprovinz, in Bagdad, Damaskus und Konstantinopel: mit "tanzimat"-Politik/ "Reformpolitik" (S.404).

ab 1870
Konstantinopel: Neue Auslandsanleihen dienen nur noch dem Hinausschieben des Staatsbankrotts
(S.407)

ab 1870 ca.
Ägypten: Profit durch Kollaboration - kaum Kritik an der "Europäisierung" - beginnende Wohlstandsschere
-- kritische Stimmen zur "Öffnung" nach Europa werden kaum artikuliert, weil die Oberschicht davon hauptsächlich profitiert.
-- Ministerpräsident Nubar Pascha ist sogar bereit, Ägypten zu einem "Anhängsel Europas" zu machen
-- Ägypten als europäisches Protektorat ist für ihn eine positive Vorstellung
-- Ägypten sei noch nicht genug europäisiert (!), deswegen die Krise, so Nubar Pascha (S.398).

plus:
-- das europäische "Konsularische Corps" übt grösseren Einfluss auf Ismail aus als die "Delegiertenkammer"
-- die Elite Ägyptens kollaboriert ebenfalls
-- die einheimischen Grossgrundbesitzer kollaborieren ebenfalls, weil sie von den Verbindungen nach Europa profitieren (S.399).

->> Es gibt keinen Geist des Widerstandes in den Machteliten des Landes gegen die europäischen Machenschaften. Im Gegenteil: Die Machenschaften der europäischen Bankiers und die "Handelsbeziehungen" werden als positiv erachtet

->> die Delegierten protestieren nicht gegen die ruinöse Finanzpolitik Ismails und gegen die "Europäisierung"
->> die Delegierten protestieren nicht gegen die Rechtlosigkeit der Ägypter
->> die Delegierten Ägyptens sind nicht fähig, die Ägypter selbst in die Entscheidungsprozesse mit einzubeziehen (S.399).

1870-er Jahre
Ägypten: Entstehen eines ländlichen Proletariats: Besitzlos gewordene Bauern werden Tagelöhner
(S.396)

Ägypten: Produktion ausserhalb der Landwirtschaft: Luxusgüter
-- Ägyptens Produktion beschränkt sich auf den Grundbedarf der Unter- und Mittelschicht
-- es kommt aber auch zu wachsendem Import von Billig-Textilien aus England
-- die Oberschicht und die Ausländer befriedigen ihren Bedarf meist mit Importgütern aus Europa
-- Exportprodukte ausser Baumwolle bleiben nur Zuckerrohranbau in Mittel- und Oberägypten und die Zigarettenindustrie, die von griechischen Unternehmen in Ägypten aufgebaut wird (S.396)

->> In der Bevölkerung beginnt die allgemeine Unzufriedenheit über die Verarmung und die Importschwemme aus Europa zu wachsen (S.396)

plus: Der Khediv/Vizekönig verliert die Kontrolle über den Aussenhandel, der immer mehr in europäischen Händen und in Händen von Levantinern und sonstigen Minderheiten in Alexandria abläuft (S.397).

ab 1870 ca.
Ägypten: Die Machteliten beschwören regelmässig den "Fortschritt" und die "Zivilisation"
Die "Öffnung" Ägyptens wird immer positiv dargestellt und die sozialen Folgen der Verarmungder Bauern verdrängt (S.397).

ab 1870-er Jahre
Syrien: Entwicklung der Grossgrundbesitzerschicht
Die Grossgrundbesitzer kaufen sich in die neuen administrativen Gremien ein und werden Provinzräte und Stadträte. Es bildet sich in der Folge in Damaskus eine Gruppe von Grossgrundbesitzerfamilien, die hohe Verwaltungsämter besitzen und von Konstantinopel - als Schutz des Reichs eingesetzt - das Land zu dominieren beginnen. Die Frustration bei der durchschnittlichen muslimischen Bevölkerung wächst (S.415).

1871
Osmanisches Reich/Konstantionpel: Gesetz über die vilayet-Provinzverwaltungen

von 1864 nach französischem Vorbild (S.404).

Konstantinopel: Tod von ‘Ali Pascha - Bewegung gegen Reformen
(S.405). Nach dem Tod des des letzten Reformers des "Dreigestirns" Resid-Fu’ ad-’Ali (S.405-406) startet der Sultanpalast eine Bewegung gegen die europäischen Reformen: Herausstreichen der sozio-religiösen Funktion des Sultans als Kalif und Fürst aller Gläubigen (S.406).

Ägypten: Angehörige der turko-tscherkessischen Verwaltungskader kehren auf ihre Gouverneursposten zurück
(S.397), [wie genau, ob mit Erpressung oder anderen Methoden, wird nicht gesagt].

1871-1879
Ägypten: Wirken des Gelehrten Gamal ad-din al-Afgani
predigt einen revolutionären Panislamismus gegen das immer aggressiver werdende Europa. Einflussreichster Schüler wird Muhammad ‘Abduh (S.389).

These Afganis:
Der Orient könne seine Stärke nur durch einen richtig verstandenen und richtig praktizierten Islam zeigen, in den die europäischen Neuerungen integriert werden könnten (S.389).

ab 1871 ca.
Balkan: Erwachen nationalistischer Bestrebungen gegen das osmanische Imperium
(S.421)

1872
Qatar wird formell Bestandteil des Osmanischen Reiches
(S.422)

Jemen: Osmanische Besetzung
(S.422)

1873
Ägypten: "Dette Flottante": 26 Mio. £ - "Konsolidierungsversuch" mit neuer Anleihe: 20 Mio. £
Die "Dette Flottante" Ägyptens beläuft sich inzwischen auf mindestens 26 Mio. £. Vizekönig Ismail will die "Dette Flottante" "konsolidieren" und startet eine Anleihe von 32 Mio. £, wovon rund 20 Mio. £ auch realisiert werden (S.393).

ab 1873
Ägypten: Staatsanleihe: von 20 Mio. £ werden 10 Mio. £ veruntreut
Mehr als die Hälfte der 20 Mio. £ der letzten Anleihe werden nicht für die vorgesehenen Zwecke ausgegeben (S.393). Die Gesamtschuld Ägyptens beläuft sich seit 1862 auf 68,5 Mio. £, realisiert sind aber nur 47,5 Mio. £ bzw. 69,3 Prozent. Vizekönig Ismail muss "andere Wege" finden, Geld für sein Land aufzutreiben:

-- Ismail beginnt, seine Suezkanalaktien zu verkaufen
-- Ismail startet eine innerägyptische Zwangsanleihe, um das nötige Geld beim eigenen Volk herauszupressen
-- Ismail kann dadurch den Staatsbankrott aber nur hinauszögern, nicht verhindern (S.394).

1874
Syrien: Südpalästina wird Konstantinopel direkt unterstellt mit Jerusalem als Hauptstadt
(S.377); Süd-Palästina wird zum reichsunmittelbaren Distrikt erhoben. Konstantinopel übernimmt die direkte Kontrolle und betont die besondere Bedeutung von Jerusalem für die Muslime (S.412).

1875
Konstantinopel: Ankündigung des Staatsbankrotts
Verhandlungen mit den europäischen Gläubigern.
Einnahmen: 18 Mio. £
Ausgaben: 17 Mio. £, davon allein 15 Mio. £ für den Schuldendienst.
Die osmanische Regierung suspendiert weitgehend den Schuldendienst und tritt mit den europäischen Gläubigern in Verhandlungen (S.407).

2.Hälfte der 1870-er Jahre
Syrien/Libanon: Bildung einer Geheimgesellschaft christlicher Intellektueller
in Beirut für eine Autonomie und Einheit von Libanon und Syrien gegenüber Konstantinopel. Auch Muslime stossen zu der separatistischen Gruppe (S.425).

1875
Ägypten/Suezkanal: Verkauf der ägyptischen Suezkanalaktien für 4 Mio. £
an die englische Regierung. Somit reduzieren sich die ägyptischen Schulden auf 17,5 Mio. £ (S.392).

ab Mitte 1870-er Jahre
Vorderer Orient: Die europäischen Mächte werden aggressiver - vollendete Spaltung der muslimischen Gemeinschaft
-- die europäischen Militärmächte beginnen mit militärischen Bedrohungen gegenüber muslimischen Ländern auch am östlichen Mittelmeer

-- zusätzlich beginnt der Dualismus zwischen Scharia- und Fortschrittsgesellschaft die muslimische Gesellschaft grundlegend zu spalten. Philosophische Werke dazu von Afgani und ‘Abduh (S.389).

1875-1876
Osmanisches Reich/Konstantinopel erklärt den Staatsbankrott
Absetzung von Sultan ‘Abdüla ‘aziz - Nachfolger Murad V.
Die Reformgruppe unterMurad V. ergreift die Macht: Staatsbankrott, Verwicklung in Balkankriege und die Bedrohung durch Russland auf dem Balkan haben die unbedingte Aktivität der  Reformgruppe unter Führung von Midhat Pascha den Sultan ‘Abdüla ‘aziz zur Folge. Absetzung von Sultan ‘Abdüla ‘aziz (S.406).

Anfang 1876
Ägypten: Versuch eines "gnetlemen’s agreement"
Vizekönig Ismail versucht eine Annäherung an englische Financiers mit dem Ziel eines "gentlemen’s agreement" mit den Gläubigern der Banken, ohne die französische und englische Regierung zu beteiligen (S.394).

1876
Konstantinopel: Gesetzesrevisionen - Verkündung eines neuen "Bürgerlichen Gesetzbuchs": "Megelle"
das weiter die Scharia als Grundlage hat (S.404).

[Für die türkische Gesellschaft kommt es somit kaum zu Verbesserungen oder Liberalisierungen].

Konstantinopel: Landgesetz für Ausländer
erlaubt Ausländern Immobilienbesitz im Osmanischen Reich (S.405).

Konstantinopel: Übergangssultan Murad V. - Nachfolger Sultan ‘Abdülhamid II.
mit den Versprechen:
-- Schaffen einer Verfassung
-- Einberufung eines Parlaments (S.406).

Das Parlament hat aber keine gesetzgebenden Befugnisse und keine Möglichkeit zur effektiven Kontrolle der Exekutive. Es ist mehr ein Forum der Kritik und der Diskussion, mehr nicht (S.406).

Konstantinopel: Verfassungsverkündung
(S.403)

Ägypten: Kaum noch Staatseinnahmen
-- Staatseinnahmen: 7,6 Mio. £
-- Schuldendienste und Tribut an Konstantinopel: 6,4 Mio. £ (S.394).

Mai 1876
Ägypten-Frankreich-England: Gründung der "Caisse de la Dette Publique"
-- Festsetzung einer unifizierten "Dette Générale" von 91 Mio. £ bei 7 Prozent Zins, rückzahlbar in 65 Jahren
-- vor allem englische Gläubiger sind aber nicht zufrieden und erzwingen weitere Verhandlungen (S.394).

Nov 1876
Ägypten-Frankreich-England: Neue Vereinbarung der "Caisse de la Dette Publique": Zwangsschuldenverwaltung "Dual Control"
Finanzverhandlungen für die Umschuldung in Kairo, dieses Mal mit Unterstützung durch die französischen und britischen politischen Repräsentanten. Die Europäer wollen unbedingt verhindern, dass sich Ägypten als zahlungsunfähig erklärt, wie das der Sultan von Konstantinopel bereits getan hat. Die "Caisse de la Dette Publique" erhält je einen französischen und einen englischen "Generalkontrolleur" zur Beaufsichtigung der Finanzverwaltung (S.394).

Ägypten wird einer Zwangsschuldenverwaltung unterworfen: "Dual Control". Eine Erklärung der Zahlungsunfähigkeit ist verhindert. Die französische und englische Seite erklären Ägypten als voll zahlungsfähig. Schuld am Schuldenberg sei die schlechte Verwaltung (S.394).

1876
Ägypten: Justizreform: Einrichtung von "Gemischten Gerichtshöfen"
zuständig für alle "Ausländerfälle" (S.395).

1876-1879
Ägypten: Vizekönig Ismail benutzt die "Beratende Delegiertenkammer" für finanzielle und
politische Manöver

-- in dieser Zeit haben die Repräsentanten der mächtigen ägyptischen Familien keine Chance, in den Kreis der inneren Macht vordringen zu können

-- auch der Aufstieg in die Armeespitze oberhalb der Offiziersränge bleibt ihnen durch die turko-tscherkessischen Eliten versperrt

-- Machtelite Ägyptens bleiben Turko-Tscherkessen, Armenier, Europäer und einzelne einheimische Notabeln (S.397).

[nicht erwähnt:
Die Königsfamilie von Muhammad ‘Ali und die Söhne und Nachkommen wie auch Ismail sind Albaner!]

->> Die ägyptische Bevölkerung ist immer mehr zu einem Aufstand gegen diese Regierung bereit (S.397).

bis 1877
Konstantinopel: Vom Nominalbetrag der 16 Auslandsanleihen von 244 Mio. £ werden nur 128 Mio. £ / 52 Prozent realisiert
(S.407)

1877-1878
Russisch-türkischer Krieg
(S.406)
-- Syrien: Einzug von 100’000-150’000 syrischen Männern für den Krieg gegen Russland (S.416)
-- Konstantinopel: Aufnahme einer Auslandsanleihe wegen Krieg mit Russland (S.407).

März-Juni 1877
Konstantinopel: Erste Sitzungsperiode des neuen osmanischen Parlaments, der Sultan akzeptiert sie widerwillig
(S.406)

Dez. 1877-Feb. 1878
Konstantinopel: 2. Sitzungsperiode des neuen osmanischen Parlaments
(S.406)


Separatistengruppen in Syrien - Modernisierungen in Syrien - Parlamentsauf- lösung in Konstantinopel und Zensurherrschaft - britische Besetzung von Zypern - "europäische Regierung" in Ägypten - keine Gewinnbeteiligung am Suezkanal bis 1938 und ‘Urabi-Widerstand - europäische "Liquidationsgesetze" für Ägypten - "Blüte" der Hafenstädte der Levante - osmanische Infrastruktur zur "Festigung  des Reiches" - Syrien und Mesopotamien retardieren - Schuldenverwaltung in Konstantinopel - ‘Urabi-Aufstand in Ägypten - französische Besetzung Tunesiens, englische Besetzung Ägyptens

Zusammenfassung
Nach der Gründung intellektueller Geheimgesellschaften im Libanon kommt es auch in Syrien zu Separatistengruppen. Gleichzeitig führt der osmanische Gouverneur Reformen in Syrien durch. Die Reformkräfte im Parlament von Konstantinopel nehmen die Demokratie zu ernst, so dass Sultan Abdülhamid II. das Parlament kurzerhand auflöst. Wahrheit ist nicht seine Stärke. Gleichzeitig besetzt England die Insel Zypern, und 1000e von Syrern und Palästinensern müssen im Krieg gegen Russland sterben.

Zur Behebung des Staatsdefizits in Ägypten wird eine "europäische Regierung" mit je einem französischen und englischen Minister eingerichtet. Es kommt zu erstem aktiven Widerstand. Die Gewinne des Suezkanals bleiben dem ägyptischen Staatshaushalt bis 1938 vollständig vorenthalten, und als Vizekönig Ismail gegen die "europäische Regierung" und die Einschränkungen seiner Machtbefugnisse protestiert, wird er kurzerhand abgesetzt und "Liquidationsgesetze" für Ägypten entworfen.

In Arabien setzt sich währenddessen die Dynastie von Al Rasid gegen die Saudis durch, und im Libanon blüht die Seidenindustrie. Die Landstädte des Vorderen Orient, vor allem in Mesopotamien und Syrien, beginnen ob des fehlenden Zwischenhandels und der sterbenden Wüstenkarawanen zu retardieren. Die Küstenstädte werden zu neuen Zentren der Ökonomie.

Konstantinopels Sultan Abdülhamid II., der weiter mit Zensur regiert, versucht mit osmanischer Propaganda und Infrastrukturmassnahmen wie Eisenbahnen und Telegraphenleitungen eine "Festigung des Reichs", das geistig wie ökonomisch mehr und mehr stirbt. Schliesslich kommt das ganze Reich unter europäische Schuldenverwaltung und wird de facto ein europäisches Protektorat.

In Ägypten profiliert sich derweil der ‘Urabi-Offiziersaufstand mit einer Gegenregierung. Die europäischen Gläubiger kommen in Panik. Da Frankreich 1882 Tunesien besetzt, bleibt für England Ägypten übrig. Mit gezielter Desinformation durch englische Händler in den Küstenstädten und durch den Zerfall des ‘Urabi-Aufstands in Anbetracht der englischen Übermacht lässt die englische Regierung die Besetzung zu, obwohl der Suezkanal nie gefährdet war. Das Osmanische Reich hat innert vier Jahren zwei grosse Provinzen und Zypern verloren, während die Europäer weiter ihre Gewinne maximieren. Das Trugbild der "Europäisierung" kommt nun voll und ganz zum Vorschein.

Chronologie (Fortsetzung)

1877-1878
Syrien: Bildung von Separatistengruppen gegen das Osmanische Reich
-- die Gelegenheit ist günstig, da das Reich praktisch bankrott ist [und im Krieg mit Russland steht]
-- Bildung einer Unabhängigkeitsgruppe mit syrischen und libanesischen einheimischen Notabeln, die die Machtübernahme für den Fall des Zerfalls des Reichs vorbeireiten (S.425)
-- die meisten Notabelnfamilien bleiben aber "Osmanisten" und schicken ihre Söhne mit Vorliebe nach Konstantinopel zur Ausbildung (S. 426).

1878-1880
Syrien: Damaskus: Gouverneur Midhat Pascha: Modernisierung, weitere Europäisierung
(S.415)

Feb 1878
Konstantinopel: Eklat im Parlament und Auflösung des Parlaments
Das Parlament fordert die Untersuchung über drei Minister, die vor dem Parlament Rede und Antwort stehen sollen. Sultan Abdülhamid II. reagiert aggressiv gegen das Parlament, löst das Parlament auf und herrscht autokratisch weiter über mehr als 20 Jahre. Liberalismus und  Konstitutionalismus sind verboten. Auf anderen Gebieten gehen die Reformen aber weiter (S.406).

[Somit bleibt das Osmanische Reich ein Flickenteppich von Teilreformen].

1878
Zypern britisch besetzt

(S.407)

Palästina: hat gemäss verschiedener Berichte 10’000 Kriegstote aus dem russisch-türkischen Krieg zu beklagen
Der "Fortschritt" zeigt seine "Schattenseite" [wobei sonst der halbe Vordere Orient russisch geworden wäre] (S.416).

Ägypten: Staatsdefizit - Ägypten soll nicht mehr "Afrika" sein
Staatseinnahmen: 7,5 Mio. £
Schuldendienste und Tribut an Konstantinopel: 7,8 Mio. £ (S.394).

Im selben Jahr verkündet Vizekönig Ismail, Ägypten sei nicht mehr Afrika:
-- Ägypten läge nicht mehr in Afrika
-- Ägypten sei zur Zeit ein Teil Europas (S.391).

März 1878
Ägypten: Einsetzen einer "Commission Supérieure d’Enquête"
-- soll unter europäischer Regie administrative Missstände aufdecken
-- soll Vorschläge zur Beseitigung der "Missstände" machen (S.394).

August 1878
Ägypten: Zwischenbericht der "Commission Supérieure d’Enquête"
-- empfiehlt Sofortmassnahmen
-- verlangt die Bildung einer ägyptischen Regierung mit europäischer Beteiligung (S.394).

Ende Aug. 1878
Ägypten: "Europäische Regierung" - Beginn des aktiven Widerstands
Bildung einer neuen Regierung mit einem Engländer als Finanzminister

plus: einem Franzosen als Minister für öffentliche Arbeiten

->> in Ägypten wird diese Regierung die "europäische Regierung" genannt
->> weitgehende Entmachtung von Vizekönig Ismail (S.394).

Nach der Installierung der "Europäischen Regierung" kündigt die Machtelite Ägyptens die Kollaboration auf, denn die Verbindungen sind nun massiv gestört (S.399) und die Machtpositionen der herrschenden Schichten irreparabel erschüttert (S.400).

bis 1879
Ägypten: Investitionen sind höher als der Ertrag der Anleihen
Die Summe der Investitionen für Infrastruktur und Suezkanal sind höher als der Realertrag der Auslandsanleihen Ismails. Dabei wird Ägypten am Gewinn des Suezkanals bis 1938 nicht beteiligt (S.403).

Ende 1870-er Jahre/ Anfang 1880-er Jahre
Vorderer Orient: Die europäische Interessen- und Expansionspolitik wird noch entschiedener und unmittelbarer verfolgt
(S.417)

Frühjahr 1879/März 1879 ca.
Ägypten: Ismail protestiert gegen seine Entmachtung
->> England und Frankreich appellieren an den Sultan in Konstantinopel, Ismail als Vizekönig abzusetzen (S.394).

Juni 1879
Ägypten: Absetzung Ismails - Nachfolger: Sohn Tawfiq
Frankreich und England erzwingen in Ägypten Ismails Absetzung und Exilierung durch den Sultan und die Ernennung von Sohn Tawfiq zum neuen Vizekönig von Ägypten. Auch der "europafeindliche" Machtapparat Ismails wird entlassen (S.394).

Ismail schmäht über seinen Sohn, dieser habe "ni tête, ni coeur, ni courage" ["weder Kopf, noch Herz, noch Mut"] (S.400).

ab 1879
Ägypten: Totale Erschütterung in Ägyptens Machtelite durch die Absetzung Ismails
Der Wille zu einem Aufstand wird immer stärker (S.400).

1879-1880
Ägypten: Verfügung der Armeeabschaffung - Entlassungen von Ministern - passiver und aktiver Widerstand - europäisierte Verwaltung
-- Entlassungen von Ministern durch englischen und französischen Einfluss

-- die europäische Regierung unter Khediv Tawfiq ergreift Sparmassnahmen bei der ägyptischen Armee, weil die Europäer eine ägyptische Armee für überflüssig halten

-- die Machtelite leistet gegen Englands und Frankreichs Vorgehen aktiven und passiven Widerstand

-- in der Folge hagelt es Entlassungen: Die Posten werden alle durch Europäer und durch eine neue Machtelite von einheimischen Technokraten und Intellektuellen ersetzt, denen der Vizekönig Tawfiq vorstehen soll (S.400).

spätes 19. Jh./1880 ca.
Arabien: Dynastie der Al Rasid aus Gabal Sammar stürzt die Al Sa ‘ud und unterstellt sich dem Osmanischen Reich als Vasall
(S.452)

Juli 1880
Ägypten: England und Frankreich entwerfen für Ägypten ein "Liquidationsgesetz"
und erzwingen die Unterschrift des Vizekönigs Tawfiq: Festsetzen einer Staatsschuld von 98,4 Mio. £ (1873 waren es noch 68,5 Mio. £
->> der Liquidationsvertrag ist eine verschleierte europäische Kolonialherrschaft
->> es bildet sich Widerstand im Volk gegen diese Regierung, die sich diesen Liquidationsvertrag
aufzwingen lässt (S.395).

Anfang 1880-er Jahre
Libanongebirge: ca. 100 Seidenspinnereien
(S.417)

ab 1880
Vorderer Orient: Verstärkte Wohlstandsschere und Massenverarmung

-- der Lebensstandard der Bevölkerung des Vorderen Orient hebt sich trotz der von den Europäern organisierten ansteigenden Exporten nicht, sondern es verstärken sich die sozialen Ungerechtigkeiten

-- Nutzniesser des Exportbooms ist der Fiskus/die Staatsbürokratie und die neue Oberschicht er Grossgrundbesitzer sowie die Handels- und Finanzbourgeoisie (die Bauern, Tagelöhner und Arbeiter auf den Feldern schuften für die englischen Verwalter für Hungerlöhne). Elektrizität erleben nur die wenigsten

-- die Ausrichtung des Vorderen Orients bringt eine höhere Bedeutung für die Hafenstädte und die "Blüte" der Zentren wie Alexandrien, Haifa und Beirut durch den Aufstieg der einheimischen Zwischenhändler

-- dementsprechend wird die Wirtschaft auch immer mehr von externen Faktoren und Einflüssen bestimmt wie Kriege in anderen Regionen, europäisches Kapital, Weltmarkt oder politischem Druck (S.420).

ab 1880 ca.
Konstantinopel: weiterhin Parlamentsverbot und Zensur
Sultan ‘Abdülhamid blockt alle Bestrebungen der politischen Partizipation des Volkes ab:
-- kein Parlament
-- strenge Pressezensur (S.423).

In der Folge entsteht eine bedeutsame osmanische Exilpresse und Exilliteratur in Europa und in Kairo. Sultan ‘Abdülhamid torpediert mit seinen Verboten seine eigenen Bemühungen, das osmanische Reich zusammenzuhalten (S.423).

Osmanisches Reich: aufkommende Existenzfrage
Im Osmanischen Reich kommt verbreitet die Frage auf, wie der osmanische Staat noch "gerettet" werden könne, besonders in staatlichen Schulen, in der Beamtenschaft und unter den Offizieren (S.423).

Konstantinopel: Sultan ‘Abdülhamids Infrastrukturreformen
-- weiterer Ausbau des staatlichen Schulwesens
-- weitere Zentralisierung der Verwaltung zur Effizienzsteigerung

-- Bemühungen mit Propaganda, das Reich "zusammenzuhalten", mit drei verschiedenen Propagandarichtungen: Osmanismus, Panislamismus und Panturkismus, letzterer nur gegen die russische Politik gerichtet

-- Ausbau der Infrastruktur zur "Festigung des Reichs" bzw. zur besseren "Anbindung" und Kontrolle
-- Ausbau des Telegraphennetzes
-- Planung von drei Bahnlinien:
-- Verbindung Sofia-Konstantinopel/"rumelische Bahn
-- Bagdad-Bahn durch Anatolien und Mesopotamien, geplant bis Kuwait
-- Hedschas-Bahn von Damaskus nah Medina, geplant bis Jemen (S.421).

ab 1880-er Jahre
Syrien: Vorübergehender Aufschwung durch neue Textilproduktion

-- Vergrösserung der landwirtschaftlichen Nutzfläche, Entstehen grosser Latifundien/Grossgrundbesitz [Sklavenlöhne?]

-- Getreideproduktion bleibt dominierend

-- neue Textilproduktion von besonders billigen Baumwoll- und Wollstoffen sowie Baumwoll- und Seidenproduktion für die einheimische Oberschicht/Luxusproduktion, z.T. ebenbürtig mit Europa (S.418)

-- die einheimische Textilproduktion kann neue lokale Märkte erschliessen und so das Überleben gegen die britische Billigware sichern (S.409).

Mesopotamien gerät unter immer stärkeren Einfluss Englands
Britische Gesellschaften dominieren die Schifffahrt
-- auf dem Tigris
-- an der Küste der arabischen Halbinsel
-- nach Indien und Europa (S.418).

Basra exportiert Datteln, Getreide, Wolle, Häute und Pferde [Sklavenlöhne für die einheimischen Bauern?],
aber:
-- die Infrastruktur in Mesopotamien bleibt relativ unterentwickelt
-- Ansätze zu einer industriellen Produktion gibt es praktisch nicht, sowie kaum Wasser- und Elektrizitätsversorgung (S.418).

Mitte 1881
Konstantinopel: Verhandlungen mit den europäischen Gläubigern
Das Osmanische Reich soll nach Auffassung der europäischen Regierungen nicht besetzt werden, wie das bei Tunesien oder Ägypten der Fall ist. Deswegen fehlt den Gläubigern die Unterstützung der europäischen Regierungen.

Die Gläubiger müssen im Gegensatz zu Tunesien und Ägypten beträchtliche Abstriche am investierten Kapital machen (S.407).

Sommer/Herbst 1881
Ägypten/Urabi-Aufstand: "Ägypten den Ägyptern"
Formierung einer politisch heterogenen Koalition, die unter dem Schlagwort "Ägypten den Ägyptern" zum Aufstand aufruft

bestehend aus
-- einheimischen Offizieren unter Sprecher Offizier Urabi, die gegen die Sparmassnahmen im Armeebereich protestieren und immer noch keine militärische Spitzenpositionen besetzen können, die weiter den Turko-Tscherkessen vorbehalten sind (S.400)

-- einheimische Grossgrundbesitzer und Kaufleute, denen die Machtbeteiligung bisher verweigert wird

-- einheimische Intellektuelle verschiedener Provinzen

-- muslimische Reformer wie Muhammad ‘Abduh, konservative religiöse Gelehrte und christliche Journalisten syrischer Herkunft, die Erziehungskonzepte, Emanzipationskonzepte, Neuinterpretation islamischer Normen und die Verteidigung Ägyptens in einem "defensiven Dschihad" vorschlagen

-- einheimische Technokraten (S.401)
-- gegen die europäische Kontrolle
-- gegen die europäische Expansion in Ägypten
-- gegen die Machtmonopole der nichtägyptischen Machtelite

-- mit dem Ziel, das Machtvakuum des entlassenen Ismail auszufüllen, das die europäischen Leute nicht ausfüllen können (S.400)

-- mit Forderungen von politischen und sozialen Reformen
-- mit der Forderung der Entlastung für die Bauern (S.401)
-- gegen die Bevormundung durch Europa
-- gegen das Machtmonopol der turko-tscherkessischen Machtelite (S.396).

Herbst 1881
Ägypten/Urabi-Bewegung: Offizier Urabi wird Repräsentant der Gesamtkoalition der Aufstandsbewegung, verkörpert das autochthone/alteingesessene Ägypten
(S.400)

Sep 1881
Ägypten/Urabi-Bewegung will ein ägyptisches Parlament
Einheimische Grossgrundbesitzer und Kaufleute bringen in der Urabi-Bewegung eine Petitionen ein zur Einberufung eines alternativen Parlaments, das dieselben Rechte wie europäische Parlamente haben soll. Die Ausformulierung der Rechte wird aber vermieden (S.401).

20.12.1881
Konstantinopel: Muharrem-Dekret zur Finanzregelung mit Europa - internationale Schuldenverwaltung "Administration de la Dette Publique Ottomane" ADPO
-- das Anleihenkapital wird von 244 auf 124 Mio. gesenkt und der Zins auf 1 Prozent des reduzierten Kapitals festgesetzt, so dass sich die Zinszahlungen von 14 auf 2 Mio. £ jährlich reduzieren

-- in Konstantinopel wird eine europäische Schuldenverwaltung installiert: ADPO mit grossen Einflussrechten auf die Finanz- und Wirtschaftspolitik des Osmanischen Reichs mit grossen Hoffnungen auf weiter "Europäisierung" (S.407).

Die "Administration de la Dette Publique Ottomane"/ADPO hat gewichtiges Mitspracherecht in der osmanischen Politik (S.406).

Ende 1881
Ägypten/Urabi-Bewegung: Konstituierung eines alternativen Parlaments als "Gegenparlament" zur "europäischen Regierung"
(S.401)

ab 1881
Osmanisches Reich: Europäisch bestimmte Wirtschaftsstruktur: Rohstoffausbeutung, Grossgrundbesitz, Monopolvermarktung
Die Aussenorientierung der Wirtschaft/Exportwirtschaft wird noch mehr gestärkt:
-- die europäischen Mächte beginnen, die Bodenschätze im osmanischen Reich auszubeuten: v.a. Kohle und Erze in Anatolien

-- Produktionssteigerung im Agrarsektor
-- weitere Entwicklung des Grossgrundbesitzertums
-- Bau eines Eisenbahnnetzes für die von Europa aufgebauten Industrien im osmanischen Reich
-- ein Teil der Produktion und des Exports werden direkt von der ADPO-Schuldenkommission kontrolliert

-- wichtige staatliche Einnahmequellen muss der Sultan an die ADPO-Schuldenkommission verpfänden, z.B.
oo Salzmonopol
oo Tabakmonopol
oo Seidenzehnt (S.417).

Die Industrieproduktion beschränkt sich auf Nahrungsmittelverarbeitung und Textilherstellung für den lokalen Markt (S.417).

1881/1883
Ägypten: Justizreform: Reform der sogenannten "Einheimischen Gerichte"
(S.395)

ab Jan 1882
Ägypten/Urabi-Bewegung: Tätigkeit des "Gegenparlaments", Repräsentierung der neuen politischen Elite des Landes
-- Ziel: Ablösung Ägyptens von den europäischen Regierungen
-- zum ersten Mal hat eine ägyptische Regierung ein Programm, das sich auf die Bevölkerung Ägyptens bezieht mit Bezug zur kulturellen Identität der eigenen Gesellschaft (S.401).

Feb 1882
Ägypten/Urabi-Aufstand: Bildung der neuen Gegenregierung
-- anerkennt alle finanziellen Verpflichtungen gegenüber den europäischen Gläubigern an
-- kündigt an dass sie jedes weitere administrative und ökonomische Vordringen der Europäer verhindern wolle (S.402).

->> Die europäischen Vertreter brechen in Panik aus, weil sie behaupten, die Kontrolle sei finanziell und wirtschaftlich nicht mehr gegeben und die Anleihen seien in Gefahr (S.402).

Frühjahr 1882/März 1882 ca.
Ägypten-Frankreich: Wechsel in Frankreichs Aussenpolitik: Tunesien hat Priorität - Engländer in Ägypten treiben zu einer englischen Besetzung Ägyptens
Der neue französische Ministerpräsident Freycinet vollzieht einen radikalen Wechsel in der Aussenpolitik:
und wendet sich von der Penetration Ägyptens ab, denn zuerst muss die Besetzung Tunesiens "verdaut" werden (S.402).

In der Folge schüren englische Financiers und englische Händler in Ägypten die Stimmung in London mit unwahren Meldungen und führen mit Manipulationen unregelmässige Zustände in Ägypten herbei, um eine englische Intervention "unvermeidlich" zu machen (S.402).

Frühjahr 1882/März 1882 ca.
Ägypten/Urabi-Bewegung: gegen die europäische Expansion in der Wirtschaft
Einheimische Grossgrundbesitzer und Kaufleute machen sich im "Gegenparlament" zu Sprechern der Bevölkerung gegen die administrative und ökonomischen Expansion der Europäer in Ägypten (S.401)

plus: Sie machen sich zu Vertretern der lokalen Interessen der Provinzen (S.401).

Mai 1882
Ägypten/Urabi-Bewegung: Englands Vorbereitungen zur Invasion gegen die Urabi-Bewegung - der Widerstand zerbricht
-- die Allianz der verschiedenen Interessengruppen der Urabi-Bewegung zerbricht (S.401) an der militärischen Macht Englands, die sich zur Invasion vorbereitet

-- viele Fraktionen der Urabi-Bewegung wechseln auf die Seite der Engländer und verraten die Interessen des Volkes

Zustände, die die englische Besetzung Ägyptens begünstigen - bürgerkriegsähnliche Zustände

oo die Mehrheit der Angehörigen der alten herrschenden Schicht und der Kollaborationsregime sind befriedigt

oo ein Grossteil der prominenten Mitglieder der Delegiertenkammer sindGrossgrundbesitzer und Kaufleute

oo ein grosser Teil der "Gebildeten" und hohe Amtsträger haben in Europa studiert mit Gedankengut der europäischen Bildungselite

oo nicht-ägyptische Journalisten in Ägypten (S.402).

->> die Okkupation wird von grossen Teilen der alternativen ägyptischen Repräsentanten befürwortet!

->> vom Aufstand und vom "Gegenparlament" bleiben nur die einheimischen Offiziere und die muslimischen Reformer der mittleren und unteren Ränge und konservative Religionsgelehrte der mittleren und unteren Ränge im Kampf für ein ägyptisch regiertes Ägypten übrig

->> Ausbruch bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen (S.402).

Sommer 1882
Ägypten: Bürgerkriegsähnliche Zustände - Handel am Suezkanal bleibt unberührt
Höhepunkt der bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen. Die Schifffahrt im Suezkanal geht ungehindert weiter und die Zinsen und Tilgungsraten an Europa werden pünktlich abbezahlt (S.402).

Sept 1882
Ägypten: Besetzung durch britische Truppen - muslimische Geschichtsschreibung behauptet den Suezkanal als Grund
Die muslimische Propaganda behauptet, England habe Ägypten wegen dem Suezkanal besetzen lassen, um für "Ruhe und Ordnung" zu sorgen. Dies ist eine Lüge, denn der Handelsverkehr im Kanal war nie bedroht gewesen (S.402).

Die britische Besetzung Ägyptens
-- ist ein doppeltes Fiasko für die Ägypter und bewirkt Neuorientierung
-- fördert Nachdenken und Nationalgedanken (S.366).


Exportverdoppelung in Palästina - erste jüdische Alija - osmanisches Siedlungs- verbot für Juden in Palästina und Kultverbot - Dualismus im osmanischen Reich und Zensur gegen Separatisten - osmanisches Oppositionszentrum Paris und Kairo - englische Baumwollmonokulturen in Ägypten und Ausbeutung - eigenständiger Hedschas - Zionismusidee in Europa - "Orient-Express" ab 1888 für einen sterbenden Staat - Seidenproduktion im Libanongebirge, Emigrations- welle - Nationalbewegungen, Zionismuskongress 1897 und zweite jüdische Alija nach Westeuropa, "USA" und Israel - englische Protektorate in Arabien

Zusammenfassung
Palästina weist neben einem Bevölkerungswachstum auch eine Exportverdoppelung auf. Eine erste jüdische Einwanderungswelle im Zuge der Vertreibungen in Russland bringt das Osmanische Reich dazu, jüdische Einwanderung nach Palästina und jüdische Gesetze im ganzen Osmanischen Reich zu verbieten. Gleichzeitig spaltet sich die Bevölkerung im gesamten Osmanischen Reich zwischen Fortschritt und muslimischer Tradition. Die Zensur herrscht weiter.

Die libanesischen und syrischen Separatisten haben keine Chance. Zentrum der Osmanischen Opposition wird Paris, von wo aus später auch eine Zeitung "La jeune Turquie" vertrieben wird. Ägypten aber leidet mehr und mehr unter der Baumwollmonokultur. Englands Ökonomen wissen, mit Zöllen auch hier noch Profit herauszuschlagen. Dabei fehlt dem Land mehr und mehr das Getreide zur Selbstversorgung. Kairo wird gleichzeitig scheinheiliger toleranter Zufluchtsort für muslimische Intellektuelle.

Mit der Zionismusidee in Europa beginnt ein neuer Wettlauf um Palästina, das nun auch mit "christlichen" und jüdischen Geldern unterstützt wird.

Ab 1888 fährt der "Orient-Express" als Werbung für einen bereits im Koma liegenden osmanischen Staat. Im Libanon kommt trotz dauernder Steigerung der Seidenproduktion eine Emigrationswelle in Gang, und Nationalismen sind im Osmanischen Reich trotz Zensur nicht mehr zu verhindern, wie Revolten im Jemen und sogar ein maronitisch-christlicher Nationalismus im Libanon aufzeigen. Da nützt auch das osmanische Prestigeobjekt der Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem nichts mehr.

Mit dem Zionistenkongress 1897 wird die ganze Welt über den Willen eines Teils der europäischen Juden konfrontiert, das biblische Israel wieder herzustellen. Muslime warnen bereits jetzt öffentlich vor der Konfrontation.

Gleichzeitig beginnt England, das sich weiter die Taschen mit Profiten aus dem Suezkanal, dem Indienhandel, den Schürfrechten in der Türkei und den Baumwollmonokulturen in Ägypten vollstopft, sich an den Ufern der Arabischen Halbinsel Protektorate zu sichern, die die arabischen Stämme zum Teil sogar dankbar annehmen, um dann selbst ausgebeutet zu werden.

Chronologie (Fortsetzung)

Anfang 1880-er Jahre/ 1882 ca.
Palästina: Bevölkerungswachstum - Exportverdoppelung
-- rasantes Bevölkerungswachstum unter der direkten osmanischen Verwaltung von 350’000 um 1860 auf 470’000 Anfang der 1880-er Jahre (S.410)
-- Palästina kann seit 1856 eine Exportverdoppelung aufweisen (S.408).

[1880-1882
Schwere antijüdische Progrome in Russland]

1882-1903
Russland-Osteuropa-Palästina: Erste jüdische Einwanderungswelle/ Erste "Alija"
aus Osteuropa und Russland als Folge von russischen und osteuropäischen Pogromen und Unterdrückung (S.430).

1882-1914
Konstantinopel-Judentum: Siedlungsverbot für Juden in Palästina und Zwang zur osmanischen Staatsbürgerschaft und Gesetzesbefolgung
Beantragte Visa von Juden aus Russland werden von Konstantinopels Sultan-Regierung mit Bedingungen zur Einwanderung beantwortet:
-- Juden dürfen sich nicht in Palästina ansiedeln
-- Juden müssen osmanische Staatsbürger werden
-- Juden müssen die osmanischen Gesetze beachten und dürfen kein Territorium mit eigenem Gesetz begründen (S.431).

1882-1897
Palästina: Gründung von 18 jüdischen Siedlungen
mit rund 5000 Einwohnern trotz Siedlungsverbot, eine marginale Zahl (S.430).

ab 1882
Palästina: Jüdische Geschichtsschreibung gegen Palästinenser
Die jüdische Geschichtsschreibung behauptet, die jüdische Kolonisation habe erst wirtschaftliches Leben nach Palästina gebracht, was nicht den Tatsachen entspricht (S.409).

Osmanisches Reich/Konstantinopel: Territoriale Verluste an Europa - Europa bestimmt die Wirtschaft
-- Verlust von Zypern, Tunesien und Ägypten innerhalb von 4 Jahren (S.407)
-- die finanzielle und wirtschaftliche Abhängigkeit von Europa ist vollkommen
-- in Recht und Bildung ist die Gesellschaft im Dualismus gespalten

-- es folgt ein Aufschwung in Anatolien und in den arabischen Provinzen, der aber auf die europäischen Interessen ausgerichtet ist (S.408).

Syrien/Libanon: Zensur unter Sultan ‘Abdühlhamid gegen Separatisten
unterdrückt die separatistischen oppositionellen Gruppen von 1877/1878, die die Eigenstaatlichkeit gegenüber Konstantinopel fordern (S.426).

ab 1882
Ägypten: bleibt formell Bestandteil des osmanischen Reiches - GB deformiert Ägyptens Landwirtschaft
Die Briten stellen
-- den Befehlshaber der ägyptischen Armee
-- den Generalkonsul: 1883-1907: Lord Cromer
-- britische "Berater" der ägyptischen Minister
(S.418)

De facto wird Ägypten aber von England regiert, ohne grundlegende Veränderung der ökonomischen Strukturen. Änderungen:
-- spezifische Ausrichtung der ägyptischen Wirtschaft auf englische "Bedürfnisse"
-- der Trend zum Grossgrundbesitz verstärkt sich
-- europäische Landgesellschaften beteiligen sich in Ägypten an der Agrarproduktion
-- die Baumwollmonokulturen werden noch mehr forciert
-- Ausbau der Bewässerungssysteme [für die Monokulturen...] (S.419)

-- 1882 macht der Export von Baumwolle und Baumwollsamen 75 Prozent des Exportwertes aus
-- in der Folge forciert die englische Regierung die Baumwollmonokulturen und machen Ägypten zu einem Land, das sich nicht mehr selber ernähren kann und Weizen importieren muss (S.419).

Ägypten: Ansätze zur industriellen Produktion stagnieren oder verkümmern

-- denn die englischen Industrie- und Bankenvertreter haben kein Interesse, die verarbeitende Industrie in Ägypten, die überwiegend in europäischen oder levantinischen Händen liegt, zu fördern oder sie mit Schutzzöllen gegenüber der englischen Produktion zu schützen

-- denn Ägyptens Politik wird so gesteuert, dass 30 Prozent der Importe auf meist englische Textilien fallen, die aus verarbeiteter, in Ägypten gepflückter Baumwolle bestehen, bei einem Importzoll von 8 Prozent, der wieder in englischen Taschen fliesst (S.419).

Hedschas: keine osmanische Machtausübung
Keine osmanische Steuereintreibung oder Armeerekrutierung möglich. Der Emir kontrolliert die Heiligtümer und die Wallfahrt sowie das soziale und ökonomische Leben der heiligen Stätten und des Hafens Dschidda (S.423).

ab 1882 ca.
Konstantinopel/Paris: Oppositionszeitung "La Jeune Turquie"
Osmanische Oppositionelle geben in Paris die Zeitung "La Jeune Turquie" heraus. Der Begriff "Jungtürken" wird zur Bezeichnung der gesamten Opposition gegen Sultan ‘Abdülhamid (S.423).

[Das grosse Problem der Massenverarmung vermag die Opposition in Paris aber vermutlich auch nicht zu lösen].

ab 1883
Ägypten als Kolonie: Wirtschaftliche Ausbeutung - gleichzeitig Ort einer  arabisch-islamischen kulturellen Misch-Renaissance

-- Ägypten wird als englische Kolonie behandelt
-- die "Gleichheit" zu Europa rückt in weite Ferne, das Anhängsel wird Realität

-- das blühende Kulturleben in Kairo und Alexandrien wird unter der englischen Besatzung nicht gehindert, sondern kann sich weiterentwickeln

-- Kairo und Alexandria werden zum Zufluchtsort für Intellektuelle, die "zu neuen Ufern aufbrechen oder der osmanischen Zensur entfliehen wollten" (S.403)

[dabei ersetzen die nach Kairo geflüchteten "Intellektuellen" eine Abhängigkeit einfach durch eine andere Abhängigkeit...]

ab 1885 ca.
Europa-Palästina/Zionismus: Entstehung der zionistischen Idee in Europa
in gewissen jüdischen Gemeinden. Die jüdischen Gemeinden in Afrika und im Vorderen Orient werden jedoch nicht in die Bewegung miteinbezogen, nicht einmal konsultiert, denn

-- der Zionismus ist eine Antwort auf die dauernde Judenverfolgung in Russland und Osteuropa
-- der Zionismus ist ein Mittel, die jüdische Identität gegen Assimilationsbestrebungen in Europa zu bewahren und betont die "jüdische Frage" als "nationale Frage" (S.429).

[nicht erwähnt: Viele grosse jüdische Gemeinden in Westeuropa lehnen den Zionismus als nicht realisierbares Projekt ab].

ab 1885
Palästina: Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzfläche
-- Expansion von Olivenkulturen im Bergland
-- Expansion der Zitrusplantagen in der Küstenebene (S.418).

Jüdische und "christliche" Faktoren in Palästina
-- wachsende europäische und jüdische Einwanderung, die die Importstruktur verändert
-- steigende Handelsbilanzdefizite werden durch Zahlungen aus Europa für die "christlichen Institutionen" und jüdischen Siedlungen ausgeglichen, sowie durch Pilger und den Tourismus (S.418).

1888
Osmanisches Reich: Eröffnung des Orient-Express von Konstantinopel nach Wien bis Berlin oder Paris-London
-- gleichzeitig werden die Nationalbewegungen auf dem Balkan immer stärker

-- Konstantinopel wendet sich vom Balkan mehr und mehr ab und wendet sich den arabischen Provinzen zu, um die Propaganda des "Osmanismus" und "Panislamismus" mehr verfolgen zu können

-- in der Folge erscheint das osmanische Reich immer mehr als ein "islamischer Staat" und der Sultan als Sultan-Kalif, mit der Planung der Hedschas-Bahn als "Krönung"

-- jeder Abfall von balkanisch-christlichen Gebieten ist der Regierung in Konstantinopel ab jetzt förderlich! (S.421)

Libanon: Beirut wird Hauptstadt
der syrischen Küstenprovinz Beirut, das Libanongebirge/Mont Liban bleibt weiter eine eigene, autonome Provinz (S.418).

1889
Konstantinopel-Paris: Gründung oppositioneller Studentenzirkel
in Verbindung mit osmanischen Oppositionellen der Zeitung "La Jeune Turquie" in Paris (S.423).

1890-er Jahre
Libanongebirge: bleibt Seidenproduzent - Emigrationswelle
-- 50 Prozent der Kulturflächen sind Maulbeerbaumpflanzungen für die Seidenraupenproduktion
-- ca. 50 % des Exports über Beirut ist Rohseide
-- jede 2.Familie verdient ihren Unterhalt im Seidensektor (S.417).

Beginn einer Emigrationswelle, v.a. der Christen (Maroniten), Gründung libanesischer "Handelskolonien" in Übersee und Verdiensttransfer ins Heimatland (S.417).

ab 1890 ca.
Vorderer Orient: Entwicklung neuer sozio-politischer Perspektiven durch Nationalismus
(S.420); Erwachen nationaler Bestrebungen wie türkischem, arabischem und ägyptischem Nationalismus, die aber auch mit anderen Bestregungen und Bewegungen konkurrieren müssen (S.421).

ab 1890-er Jahre
Jemen: häufige und lang andauernde Revolten gegen die osmanische Herrschaft
(S.422)

1892
Palästina: Inbetriebnahme der Eisenbahn Jaffa-Jerusalem
(S.408)

England-Arabien: Protektoratsverträge mit 7 Scheichtümern
(S.422)

spätes 19. Jh./ frühes 20. Jh./ab 1895 ca.
Libanon/Mont Liban: Entstehen eines christlichen Maroniten-Nationalismus, von Frankreich unterstützt
-- französische kirchliche und politische Kräfte unterstützen den Maroniten-Nationalismus
-- Franzosen und Maroniten planen einen unabhängigen Maronitenstaat Libanon mit enger Anlehnung an Frankreich (S.428).

Gleichzeitig entstehen auch in Ägypten nationale Unabhängigkeitshoffnungen
-- aus Liebe zum "Land am Nil"
-- aus dem Widerstand gegen die britische Besatzung
-- für einen eigenen Weg zwischen islamischer und demokratischer Ordnung (S.428).

bis 1897
Palästina: Gründung von 18 jüdischen Siedlungen
mit rund 5000 Einwohnern trotz Siedlungsverbot, eine marginale Zahl (S.430).

[nicht erwähnt:
-- die jüdischen Einwanderer werden nur in Wüstenbereichen geduldet
-- die jüdischen Einwanderer sind gezwungen, die Wüste fruchtbar zu machen].

1897
Basel-Palästina/Zionismus: Zionistenkongress unter Theodor Herzl in Basel - Konstantinopel sagt weiter Nein zu einem jüdischen Palästina
Der Zionistenkongress unter Theodor Herzl postuliert eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für alle Juden der Welt in Palästina ohne Einbezug der afrikanischen und asiatischen jüdischen Gemeinden (S.429).

Herzl
-- strebt einen jüdischen Heimatstaat Israel in Palästina an, der von einer der europäischen Grossmächte protegiert werden soll

-- macht dafür Propaganda in ganz Europa und erhält immer wieder Absagen, weil Konstantinopel sich gegen die jüdische Einwanderung wendet und die Bündnisse der europäischen Mächte mit dem Osmanischen Reich gegen Russland für die europäischen Mächte wichtiger sind als die jüdische Existenz auf der Welt

-- Konstantinopel lehnt ein Israel aber auch wegen neuer Nationalitätenprobleme und wegen des zu erwartenden Widerstands der arabischen Bevölkerung in Palästina ab

-- ausserdem besteht die Gefahr eines jüdischen Staates im Osmanischen Reich und die Gefahr ausländischer Einmischung [durch Juden aus dem Ausland] (S.430).

[nicht erwähnt:
Rassismus gegen Muslime und Goldhoffnung in "Der Judenstaat" von Herzl
-- Herzl bezeichnet die arabische Welt als "Barbarei"
-- Herzl behauptet, die Gründung Israels sei ein "Prellbock" gegen die Ausbreitung des Islam in Europa
-- Herzl behauptet, Israel wird mit der Funktion als "Prellbock" Europa einen Dienst erweisen
-- Herzl behauptet, in Palästina könnte Gold gefunden werden, so dass in Palästina eine Entwicklung wie in Südafrika möglich sei
-- Herzl behauptet, die arabische Bevölkerung kann man einfach vertreiben].

[Verbreitung des Buchs von Herzl: "Der Judenstaat"
-- das Buch ist in Europa unter den Eliten scheinbar wenig verbreitet
-- das Buch ist aber unter den Muslimen scheinbar sehr verbreitet, und entsprechend ist die Gegenwehr gegen das imperialistische Israel-Programm von Herzl, sonst würde die muslimische Gegenwehr nicht ab 1898 bereits massiv einsetzen].

1897
Ägypten: Tod des Gelehrten Gamal ad-din al-Afgani
(S.389)

ab 1898 ca.
Russland-"USA"-Westeuropa-Palästina: jüdische Auswanderung - Zionismus in Palästina - arabische Warnungen und Gegenbewegungen

-- starke jüdische Auswanderung nach Westeuropa und in die "USA"

-- die jüdische Auswanderung aus Russland und Osteuropa nach den "USA" und Westeuropa ist deswegen so stark, weil Konstantinopel die Einwanderung nach Palästina mit Vorschriften verhindert, sonst wäre die jüdische Einwanderung nach Palästina viel grösser

-- viele Juden umgehen in der Folge die Nationalitäten- und Siedlungsvorschriften durch Bestechung von osmanischen Beamten und dank des Einflusses europäischer Mächte

-- gleichzeitig wendet sich die arabische Bevölkerung gegen die jüdische Einwanderung und gegen zionistische Landkäufe (S.431)

Beginn der arabischen Attacken auf jüdische Siedlungen

-- der arabische Widerstand etabliert sich aber v.a. unter den städtischen Handwerkern, Kaufleuten und Intellektuellen, weil die meisten Juden sich in den Städten niederlassen, und weil die arabischen Intellektuellen die [rassistischen] Ziele [der Vertreibung der Muslime] der Zionistischen  "Bewegung" verstehen

-- arabische städtische Gruppen warnen mit beschwörender Stimme vor Bürgerkrieg und blutigem Terror zwischen Arabern und Juden, wenn die Zionisten ihr Vorhaben nicht aufgeben, Palästina als ihre Heimat und "Heimstätte" zu betrachten (S.431).

1899
England-Kuwait: Protektoratsvertrag
mit Ziel der Verhinderung der deutsch-türkischen Bagdad-Bahn bis Kuwait (S.422).

Sudan: wird Kondominium Englands
(S.376)

ab 1899
Ägypten: Philosoph Muhammad ‘Abduh wird Mufti
Abduh führt den von Gamal ad-din al-Afgani entwickelten Gedanken der Integration der europäischen Technik und Philosophie in den Islam weiter:

-- man soll mit den Neuerungen leben
-- auch mit den Neuerungen kann man ein "frommer Muslim" sein
-- die Scharia soll verstandesgemäss der Zeit gemäss interpretiert werden (S.390).


"Arabische Bewegungen" - Importersatzsteuern in Ägypten - Assuan-Damm 1902 - Saudi-Staat in Arabien - Templer-Dörfer in Palästina - 2.Alija - Einsenbahn Haifa-Jordan - osmanische Unterwerfung der Saudis - Offiziere "Einheit und Fortschritt" - nationale Parteien in Ägypten - osmanische Verluste auf dem Balkan und Kretas - "jungtürkische Revolution" , Hedschas-Bahn 1908 - Vereitelter Gegenputsch des Sultans, Beginn der "Turkifizierung" 1909 und Gegenbewegung "Arabismus" - japanische Seidenindustrie ruiniert Libanon - Jemen de facto unabhängig, Italien in Libyen, Saudis in al-Hasa - türkische Militärdiktatur 1913 - Beduinen werden sesshaft - nationale Hoffnungen bei Kriegsausbruch 1914, Scherif Husayn verweigert den "heiligen Krieg"/Dschihad

Zusammenfassung
"Arabische Bewegungen" agieren weiter gegen die Sultanzensur, während Konstantinopel weiter mit Grossprojekten das im Koma liegende Grossreich feiert. Englands Besatzungsequipe in Ägypten kommt auf die Idee, für billig hergestellte ägyptische Produkte eine Importersatzsteuer zu verlangen. Der 1902 fertiggestellt erste Assuan-Damm, der danach noch zweimal erhöht wird, besiegelt Ägyptens Abschottung von seinen eigenen natürlichen Wurzeln. Das Land beginnt langsam aber sicher, ohne die regelmässigen Überschwemmungen zu versanden.

In Arabien wird die neue Saudi-Herrschaft von osmanischen Truppen unterworfen, und in Palästina feiern Protestanten ihre ersten Templer-Dörfer. Die zweite jüdische Auswanderung beginnt, während das Osmanische Reich die Eisenbahn von Haifa an den Jordan präsentiert, die später einen Anschluss nach Mekka bekommen soll.

Die osmanische Offiziersgruppe "Einheit und Fortschritt" mit Sitz in Saloniki plant den Staatsstreich bei nächster Gelegenheit. Die kommt 1908, als das Reich auf dem Balkan weitere Territorien und auch die Insel Kreta verliert. Sie vollziehen die "jungtürkische Revolution" mit Einberufung des Parlaments und Restituierung der Verfassung bei gleichzeitiger Einweihung der teuren Hedschas-Bahn. Die Offiziere wehren den Gegenputsch des Sultan ab und beginnen mit der "Turkifizierung" des Osmanischen Reiches, was weitläufigen "Arabismus" und Separatismus hervorruft. Im Libanon geht die Seidenindustrie an der japanischen Konkurrenz zugrunde, Jemen wird de facto unabhängig, Italien startet die Invasion in Libyen und die Saudis in al-Hasa. Das Reich zerfällt bei noch so grosser propagandistischer Gegenwehr. In Konstantinopel wird sogar eine "Osmanische Dezentralisationspartei" gegründet, während in Ägypten die zweite Erhöhung des Assuan-Damms gefeiert wird. Auch die 1913 ausgerufene jungtürkische Militärdiktatur nützt nichts mehr.

Die Beduinen Arabiens, die keine Karawanen mehr führen, werden sesshafte Dattelbauern. Die "Arabischen Bewegungen" nehmen weiter zu, während England jede Einmischung im Landesinnern verweigert. Bei Kriegsausbruch machen sich die arabischen Völker grosse Hoffnungen auf die Unabhängigkeit und hoffen auf osmanische Niederlagen. In diesem Sinn verweigert der Scherif des Hedschas, Husayn, auch den "heiligen Krieg"/Dschihad.

Chronologie (Fortsetzung)

ab Anfang 20. Jh.
"Arabische Bewegungen"
-- sind unabhängige Bestrebungen, die sich zum "Erbe der arabischen Kulturnation sowie zu einer arabischen Schicksalsgemeinschaft bekennen"
-- sind unabhängig von dynastischen, islamisch-republikanischen, föderativen oder nationalstaatlichen Zielen (S.435)

[nicht erwähnt:
Die "arabischen Bewegungen" sind auch gegen die Gründung eines rassistischen und imperialistischen Israel nach Herzl gerichtet, der die muslimische Welt als "Barbarei" bezeichnet, die man einfach vertreiben kann].

ab 1900 ca.
Ägypten: Baubeginn des Assuan-Damms
(S.419)

1900-1908
Bau der Hedschas-Bahn
das einzige osmanisch-muslimisch inspirierte, finanzierte und realisierte Projekt der osmanischen Infrastrukturarbeiten. Die Bahn soll die leidigen Karawanen ersetzen (S.421).

1.Jahrzehnt des 20. Jh./ 1900-1910
Libanongebirge: ca. 200 Seidenspinnereien
Verdoppelung seit Anfang der 1880-er Jahre (S.417).

1901
Ägypten: Importersatzsteuer für einheimische Industrien!
Den neuen einheimischen Baumwollspinnereien wird von der englischen Verwaltung eine 8 prozentige Importersatzsteuer auferlegt, um die einheimische Produktion gegenüber den englischen Importen am Absatz zu hindern (S.419).

An einheimischen Industrien entwickeln sich nur
-- die Baumwollentkornungs- und -verpackungsindustrie
-- die Zigarettenindustrie, die importierten Tabak zu Zigaretten verarbeitet und diese exportiert, mit vorwiegend ausländischen Arbeitern (S.419).

1902
Ägypten: Fertigstellung des Assuan-Damms
"1902 wurde der Assuan-Damm errichtet und 1907 und 1912 jeweils erhöht." (S.419)

Kuwait duldet "balance of power" und Abd al-’Aziz - Kuwait besetzt Riad - Russland projektiert eine Eisenbahn zum Golf
-- Kuwait duldet mit der Taktik einer regionalen "balance of power" die Betätigung von Abd al-’Aziz
-- Flucht von Abd al-’Aziz vor Al Rasid mit Truppen nach Riad, das er besetzt
-- in der Folge wird Abd al-’Aziz b. ‘Abd ar-Rahman al-Faysal Al Sa ‘ud von Osmanen-Hassern gefördert, z.B. von Russland, das eine Eisenbahnlinie zum Golf projektiert (S.451).

Arabien: Wahhabiten-Staat ohne Anerkennung von Konstantinopel und England
-- Ausrufen eines wahhabitischen Staates durch ‘Abd al-’Aziz b. Sa ‘ud mit Hauptstadt Riad/ar-Riyad (S.422)
-- ‘Abd al-’Aziz in Riad ist in den Augen der osmanischen Regierung ein Rebell und hat keinen politischen Spielraum
-- 'Abd al-'Aziz in Riad wird auch von englischer Seite abgelehnt, als er um eine Protektion gegen das Osmanische Reich nachsucht (S.452).

1902-1907
Deutschland-Palästina: Neue Templer-Dörfer
Die Schwäbischen Templer gründen eine 5. und 6. Siedlung in Palästina. Es kommen aber kaum Leute aus Europa nach. Die Glaubensgruppe hat maximal 2200 Anhängern (S.412).

1904
Osmanisches Reich: Alle Finanzen schlucken Armee und Schuldendienst
bei mehr als 1 Mio. Soldaten (S.417).

Konstantinopel-Riad: Osmanische Expedition gegen Riad: Wahhabiten schlagen die osmanischen Truppen
(S.452)

1904-1914
Palästina/Zionismus: 2.Einwanderungswelle/ Zweite "Alija"
-- ausgelöst durch erneute Pogrome in Osteuropa.
-- 2 Prozent bzw. 55’000 wandern nach Israel aus, 96 Prozent in die "USA" und nach Westeuropa, insgesamt 2’745’000 Juden (S.430).

1905
Palästina: Inbetriebnahme der Eisenbahn Haifa-Jordan
mit projektiertem Anschluss an die Hedschas-Bahn (S.408).

Osmanische Expedition gegen Riad: Wahhabiten müssen sich unterwerfen
‘Abd al-’Aziz wird Teil des Osmanischen Reiches als Bezirk "Südlicher Nadschd", sichert ihnen gleichzeitig Legalität, Überleben und hat so eine Vorbereitungszeit zur Wiederherstellung der Familienherrschaft der Sa ‘ud (S.452).

England ist an den Wahhabiten nicht interessiert, nur an den Küstenlinien Arabiens
und verweigert ‘Abd al-’Aziz weiter die Protektion (S.452).

ab 1906
Osmanisches Reich-Saloniki: Entstehen oppositioneller Zellen unter aktiven osmanischen Offizieren "Einheit und Fortschritt" in Saloniki
(S.424) "ittihad ve terraqqi" (S.423) mit Zentrale in Saloniki, vertritt rudimentäre imperiale Vorstellungen für einen parlamentarischen Zensurstaat mit den Schlagworten Vaterland - Verfassung - Kampf gegen innere und äussere Feinde (S.424).

1907
Ägypten/Assuan-Staudamm: Fertigstellung der ersten Erhöhung des Assuan-Damms
(S.419)
Ägypten: Grossgrundbesitz
-- 3/4 des Kulturbodens ist in Händen von 147’000 mittleren Grossgrundbesitzern
-- 1/4 des Kulturbodens ist unter 1’120’000 Bauernfamilien aufgeteilt (S.419).

Ägypten: Gründung zweier nationaler Parteien: "Nationalpartei" und "Volkspartei"
Gründung der "Nationalpartei"/al-hisb al-watani unter dem Rechtsanwalt und Journalisten Mustafa Kamil (1874-1908) mit Anhängern im städtischen Mittelstand, besonders unter Angehörigen der freien Berufe

-- mit Grundforderung des sofortigen britischen Abzugs auf Ägypten (S.428)
-- aber mit ambivalentem Verhalten zum Sultan und zum Islam (S.428-429)
denn Ägypten soll Mitglied einer islamischen Welt bleiben, obwohl ein bedeutender Teil in Ägypten koptische Christen sind (S.429).

Gründung der "Volkspartei"/hizb al-umma unter dem Grossgrundbesitzer und Intellektuellen Ahmad Lutfi as-Sayyid (1872-1963) mit der Zeitschrift al-Garida (S.428)

mit liberaler Ausrichtung:
-- fordert nationale Unabhängigkeit durch gemässigte politische Praxis
-- Trennung von Religion und Staat
-- Nationalismus soll von Religion abgekoppelt werden
-- die Partei propagiert einen liberalen säkularistischen Nationalismus (S.429).

Anfang 1908
Osmanische Reich-Saloniki: Revolten unter den oppositionellen Militäreinheiten "Einheit und Fortschritt"
Die Revolten breiten sich im ganzen osmanisch besetzten Balkan aus mit der ultimativen Forderung, eine Volksvertretung/Parlament in Konstantinopel zuzulassen (S.424).

1908
Balkan: österreichische Invasion - Unabhängigkeit Bulgariens - Verlust Kretas
-- Österreich annektiert Bosnien und die Herzegowina
-- Bulgarien erklärt sich unabhängig
-- Kreta fällt an Griechenland (S.424).

23.7.1908
Konstantinopel: "Jungtürkische Revolution" - Zulassung von Parlament und Verfassung - gespaltene Revolutionäre
Parlamentseinberufung durch Sultan ‘Abdülhamid unter dem Druck der oppositionellen Offiziersgruppen, Wiederinkraftsetzung der Verfassung.

Im ganzen osmanischen Reich bricht ein Freudentaumel los - "jungtürkische Revolution" - mit Hoffnungen, dass die Gegensätze zwischen Nationalisten und religiösen Gruppen in einem konstitutionellen, repräsentativen System überwunden werden könnten und es zu einer inneren Stärkung des Reichs kommt (S.424).

Gleichzeitig sind die Gruppen, die nun an die Macht kommen, gespalten:

-- Liberale: sind für Autonomierechte und Minderheitenrechte

-- Offiziere der Nationalisten unter der Bezeichnung "Komitee für Einheit und Fortschritt" mit Hauptquartier Saloniki: sehen nur den Zentralstaat, wollen Minderheiten durch Diskriminierung zur Anpassung zwingen

-- gleichzeitig wenden sich viele Gruppen gegen die Offiziersgruppe mit Zentrum in Saloniki:
oo der Sultan
oo konservative Muslime
oo traditionelle liberale Politiker (S.424).

In Damaskus wird die Herrschaft der Grossgrundbesitzer eingeschränkt (S.415).

1908
Hedschas unter Jungtürken: Emir Husayn b. ‘Ali
-- Jungtürken setzen Scherif Husayn b. ‘Ali als Emir von Mekka ein (S.423)
-- er ist vom familiären Charisma her ein Kandidat als Kalif in einem eventuell restituierten Kalifat (S.437).

Konstantinopel-Hedschas: Einweihung der Hedschas-Bahn - trotzdem Zerfall des Osmanenreichs
-- die Bahn postuliert auch den politischen Anspruch der Herrschaft über Damaskus und die arabische Halbinsel

-- die Bahn repräsentiert aber eine irreale Politik, denn de facto bricht das osmanische Reich geistig immer mehr auseinander (S.421)

-- die religiös-politischen Führer der Wahhabiten und die jemenitischen Imame der Zaididen können sich gegenüber der osmanischen Armee behaupten

-- England baut mit Protektoratsverträgen mit Stammesführern des südarabischen Hinterlandes die Kontrolle der arabischen Küste kontinuierlich aus (S.422).

1908-1909
Konstantinopel: Heterogene Jungtürkische Bewegung
Die Bewegung wird heterogen, hat zwei politisch-ideologische Hauptrichtungen:
-- osmanische Liberale: für eine konstitutionelle Monarchie und einen dezentralsierten föderativen Staat (S.423)
-- die osmanischen Liberalen lassen im Kampf gegen den Sultan ‘Abdülhamid europäische Unterstützung zu (S.423-424)
-- türkische Nationalisten: streben einen starken Zentralstaat an, wo die Minderheiten weiter keine politischen Rechte haben sollen, damit der osmanische Staat gegen die europäischen Expansionskräfte überlebt (S.423)
-- die türkischen Nationalisten verweigern den Kontakt zu Europa (S.423-424).

ab 1908
Palästina: Gründung von Zeitungen des arabischen Widerstands gegen die jüdische Einwanderung
-- al-Karmil in Haifa
-- Filastin in Jaffa

die den Widerstand gegen die zionistischen Bestrebungen als eine ihrer Hauptaufgabe ansehen. Ziel der Zeitungen ist die Unabhängigkeit eines arabischen Palästina (S.431).

1909
Konstantinopel: Jungtürken versuchen, Anstösse für eine selbstbestimmte Wirtschaftsentwicklung zu geben
können aber kaum etwas gegen die etablierten Machtstrukturen unternehmen (S.417).

April 1909
Konstantinopel: Gegenputsch von Sultan ‘Abdülhamid scheitert - Absetzung - neuer Sultan: Mehmed Reschad als Marionette der "nationalen Offiziere" in Saloniki - Diskriminierungen bringen Spaltungen
Versuchter Gegenputsch des Sultans gegen die parlamentarische Demokratie:
-- wird von Truppen der nationalen Offiziere "Komitee für Einheit und Fortschritt" in Saloniki niedergeschlagen
-- Sultan ‘Abdülhamid wird abgesetzt
-- Einsetzen des neuen Sultans Mehmed Reschad als Marionette der [rechtsextremen] Militärs in Saloniki (S.424).

Fortan können die [rechtsextremen] nationalen Offiziere behaupten, sie hätten die "Demokratie" gerettet. Dadurch werden sie im ganzen Osmanischen Reich zu einem bestimmenden Machtfaktor (S.424).

Die Unterdrückung von Minderheiten im Osmanischen Reich nimmt seinen Lauf (S.424-425) und der Zusammenbruch des "Osmanismus" ist dadurch vorprogrammiert, denn dieser propagierte ein mulitikulturelles und multireligiöses Osmanisches Reich (S.425).

ab April 1909
Osmanisches Reich / "Turkismus": "Turkifizierung" unter dem "Komitee für Einheit und Fortschritt" - Nationalbewegungen und "Arabismus"
Der "Turkismus" äussert sich in:

-- Unterdrückung der Minderheiten

-- Einführen von Türkisch als Amtssprache in allen Verwaltungen und als Unterrichtssprache an den Schulen im ganzen Osmanischen Reich

-- der "Turkismus" provoziert in Syrien, Libanon, Ägypten und Mesopotamien einen "Arabismus", gleichzeitig aber auch Nationalbewegungen (S.245).

Syrien/Libanon/Ägypten: "Turkismus" mit Einführen der türkischen Sprache
-- an Schulen, Gerichten, und Verwaltung (S.427)
-- Damaskus wird zum "Arabismus"-Zentrum (S.426)
-- zur Rückgewinnung verlorener Positionen (S.427)
-- der "Arabismus" verbreitet sich unter Studenten, Offizieren und Journalisten (S.427).

1909
Osmanisches Reich / "Arabismus": Arabische Studenten gründen die "Jungarabische Gesellschaft" / al-gam ‘iyya al-’arabiyya al-fatat
-- mit geheimen Zellen in Beirut und Damaskus
-- für die Unabhängigkeit der Araber von den Türken
-- für den Bruch mit dem Osmanischen Reich (S.427).

Syrien/Libanon: Gründung "Literarischer Klubs" / al-muntada l-adabi
zur Verbreitung des arabischen Nationalgedankens (S.427).

Syrien/Konstantinopel: Gründung der arabisch-nationalistische "Qahtan-Gesellschaft" / al-gam ‘iyya al-qahtaniyya
durch syrische Offiziere in Konstantinopel, benannt nach dem "legendären Stammvater" der Araber: Qahtan (S.427).

ab 1909
Syrien/Libanon: "Arabismus" / arabische Nationalbewegung gegen den "Turkismus"
Neubildung von autonomistischen Gruppen, die die Unabhängigkeit für den Fall des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs vorbereiten mit verschiedenen arabischen Nationalismusströmungen:

-- Gedanke einer Wiederbelebung des arabischen Kalifats mit nur sehr selektiver Übernahme von "europäischen Errungenschaften" mit dem Islam als einheitsstiftendem Kulturfaktor und dem Ziel einer "arabischen Nation" [also ein fortschrittliches Wahhabitenreich]

-- Gruppen mit christlich syrisch-libanesischen Intellektuellen, Absolventen von Missionarsschulen wie dem Syrian Protestant College in Beirut: Vertreten der vollkommenen Europäisierung und Gleichberechtigung zwischen arabischen Muslimen und Christen ohne einen starken Islam als Kulturfaktor, so dass sie als "christliche Araber" in der islamischen Welt nicht mehr zweitrangig, sondern absolut gleichberechtigt sein würden. Dieses Staatsbild findet auch viele muslimische Anhänger, die in der Türkei und Ägypten grossen Druck auf die Islamisten machen (S.426).

Osmanisches Reich-Arabien: "Turkifizierung" - arabische Geheimgesellschaften
Die "Turkifizierung" ergibt Gegenwehr durch arabische Geheimgesellschaften al-fatat und al-’ahd in den türkisch besetzten arabischen Provinzen, die al-fatat mit Sitz in Konstantinopel (S.441).

ab 1910 ca.
Damaskus: Anhänger der Zentralisten und Föderalisten
Die Mehrheit der Notabelnfamilien befürwortet die militärisch-diskriminierenden "Komitees für Einheit und Fortschritt" (S.426) mit Glauben an ein gleichberechtigtes türkisch-arabisches Zusammenleben (S.426-427) im Zeichen eines liberalen, konstitutionellen Osmanismus (S.427).

Gleichzeitig entstehen eine Reihe geheimer und offener Vereinigungen für Unabhängigkeiten oder mindestens für ein dezentrales Osmanisches Reich (S.427).

1910 ca.
Ägypten: Diskussion um Säkularisierung und Verfassung: Jegliche Verbindung zu arabischen Traditionen werden abgelehnt und "Fortschritt" im westlichen Stil betont
(S.460)

ab 1910 ca.
Libanongebirge-Japan: Niedergang der libanesischen Seidenindustrie - Aufstieg Beiruts
wegen der billigen japanischen Konkurrenz (S.417). Die handelspolitische Bedeutung der Gebirgsregion nimmt rapide ab. Stattdessen entwickelt sich Beirut zum bedeutendsten regionalen Handels- und Finanzzentrum (S.418).

1911
Jemen: de-facto-Unabhängigkeit des Hochlandes
Jungtürken anerkennen die de-facto-Unabhängigkeit des zaiditischen Hochlandes unter Imam Yahya. Formell bleibt der Jemen aber Teil des osmanischen Reichs (S.422).

Libyen: Italienische Invasion
Die osmanische Herrschaft in Libyen bricht zusammen (S.424).

1912
Osmanisches Reich-Balkan: Balkankrieg
(S.424)

Arabien: Wahhabiten besetzen die Küstenprovinz al-Hasa am Persischen Golf
-- Ausnützung der osmanischen Schwäche durch den Balkankrieg
-- England verweigert den Wahhabiten immer noch Protektion, um Konstantinopel nicht zu brüskieren (S.452).

Jan 1912
Konstantinopel: Auflösung des Parlaments durch die "Jungtürken" und Ausschreibung von Neuwahlen
(S.245)

April 1912
Osmanisches Reich: Offen manipulierte Wahlen zugunsten des "Komitees für Einheit und Fortschritt"
Von 275 Abgeordneten sind noch 6 Oppositionelle im Parlament. Das "Komitee für Einheit und
Fortschritt" hat die Mehrheit für sich allein. Es entsteht Opposition innerhalb der Armee (S.245).

Juli 1912
Konstantinopel: Regierungswechsel gegen das "Komitee für Einheit und Fortschritt"
Die innermilitärische Opposition erzwingt einen Regierungwechsel, Dauerkampf mit dem mächtigen Militärkomitee in Saloniki, das eine militärische Invasion in Konstantinopel vorbereitet (S.245).

1912
Kairo: Gründung der "Osmanischen Dezentralisationspartei" / hizb al-la-markaziyya al-idariyya al-’utmani
Das Parteiprogramm ist verwandt mit dem Programm der liberalen "Osmanisten" in Konstantinopel
-- für administrative Dezentralisierung
-- für die Stärkung der arabischen Position in der Verwaltung (S.427).

Ägypten/Assuan-Staudamm: Fertigstellung der zweiten Erhöhung des Assuan-Damms
(S.419)

[nicht erwähnt: der Untergang einer beträchtlichen Flusslandschaft, Zwangsumsiedlungen, Heimatverlust etc.].

1913
Konstantinopel: Jungtürken erfolglos
Die Jungtürken versuchen erneut vergeblich die Zerschlagung der alten Machtstrukturen für eine selbstbestimmte Wirtschaftsentwicklung (S.417).

Jan 1913
Konstantinopel: Putsch und Militärdiktatur
Militärische Besetzung des Parlaments durch das "Komitee für Einheit und Fortschritt". Eroberung des Parlaments "mit der Waffe in der Hand". Gründung einer Militärdiktatur (S.245). Das Parlament wird wieder suspendiert (S.242).

Politik der Diktatur:
-- "Turkismus"
-- Weiterführung der Politik der Europäisierung
-- Öffnung der Schulen auch für Mädchen und Öffnung der Universitäten auch für Frauen (S.245).

1913
Osmanisches Reich-Paris: Gründung des "Arabischen Kongresses" in Paris von muslimischen und christlichen arabischen Studenten - illusionäre Hoffnungen auf Europa
-- für administrative Dezentralisierung im Osmanischen Reich
-- für eine Stärkung der arabischen Position in der Verwaltung
-- hegt die Hoffnung auf Unterstützung aus Europa für das arabische nationale Anliegen [ist eine Illusion].

Der "Arabische Kongress" umfasst jedoch nur eine "Handvoll" Leute (S.427).

Ägypten: Europäische Landgesellschaften besitzen über 10 Prozent des Kulturlandes
(S.419)

1913 ca.
Hedschas-England: Absprache gegen Konstantinopel abgelehnt
Als Gegenwehr gegen die "Turkifizierung" lässt Scherif Husayn b. ‘Ali über seinen Sohn ‘Abdallah bei England um Unterstützung für eine Loslösung aus dem Osmanischen Reich nachfragen. Englands Regierung winkt jedoch ab, weil man Konstantinopel nicht brüskieren wolle, um nicht die deutsche Orientpolitik zu forcieren (S.437).

Jan 1913
Arabien: Gründung der ersten Niederlassung der ihwan-Bewegung in al-Artawiyya
zwischen Riad und Kuwait in den dortigen Oasen und Dattelgebieten, gegen den dortigen kriegerischen Stamm der Mutayr, der daraufhin angeblich seine Kamele und Pferde auf dem Markt in Kuwait verkauft uns sich im fruchtbaren Tal von al-Artawiyya niederlässt. Die nun sesshaften Mutayr bekommen von ‘Abd al-’Aziz Waffen zur Verteidigung gestellt (S.453).

ab 1913
Arabien: Arabische Bewegung bei den Wahhabiten
unter ‘Abd al-’Aziz b. ‘Abd ar-Rahman al-Faysal Al Sa ‘ud, der die Arabische Bewegung zur eigenen Machterweiterung nutzt (S.451).

Irak: Arabische Bewegung mit führenden irakischen Offizieren
wie Nuri as-Sa’id, Ga ‘far al-’Askari, Yasin al-Hasimi und der Notabelnfamilien Sayyid Talib in Basra.
Gleichzeitig verbietet die englische Politik die Revolution gegen die Osmanen im Irak, um nicht eine Revolution der Muslime in Indien gegen die englische Herrschaft zu provozieren (S.447).

Hedschas: "Arabische Bewegung" gegen die "Turkifizierung"
unter Führung von Scherif Husayn b. ‘Ali, der für alle arabisch-muslimischen Länder die Führungsfigur darstellt (S.437).

bis 1914
Mesopotamien: Bewässerungsbauten - Exportboom zugunsten Englands
Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche durch Bewässerung um das 10-fache seit 1869 (S.409)

[mit sklavenähnlichen Anstellungsverhältnissen in der Landwirtschaft?]

Mesopotamien: Basra verdreifacht seine Exporte seit Anfang der 1880-er Jahre, die in englischer Hand liegen (S.418).

Palästina/Zionismus: 85’000 Juden in Palästina von 689’000 Personen Gesamtbevölkerung
Es existieren 47 jüdische Siedlungen mit ca. 12’000 Einwohnern, davon werden 14 Siedlungen von zionistischen Organisationen unterstützt. Die jüdische Bevölkerung beträgt insgesamt 85’000, 12,3 Prozent der Gesamtbevölkerung von 689’000 (S.430).

Ende Juli 1914
Vorderer Orient: Miteinbezug des Osmanischen Reiches in den Krieg Deutschlands und Österreichs - arabische, jüdisch-zionistische und englische Taktiken
Im ganzen Osmanischen Reich weckt der Krieg Hoffnungen auf Unabhängigkeiten, die aber von Frankreich und England torpediert werden:

-- die europäischen Grossmächte Frankreich und England planen die Aufteilung des Osmanischen Reiches nach einem Sieg schon vor Abschluss des Krieges

-- die arabischen Bewegungen hoffen auf Unabhängigkeit
-- die Ägypten hoffen auf den Abzug der britischen Okkupanten

-- die libanesischen Maroniten-Christen hoffen auf einen eigenen Staat Libanon, der von Frankreich protegiert wird

-- die Zionisten hoffen auf ein Bündnis mit den Siegern für die zionistischen Pläne (S.431).

1914
Syrien-Konstantinopel: Abspaltung der Geheimgruppe "Der Bund" / al-’ahd
von der arabisch-nationalen Qahtan-Gesellschaft mit unzufriedenen syrischen und mesopotamischen Offizieren. Ziel des "Bund" ist politische Autonomie der arabischen Provinzen und Gründung einer arabisch-türkischen Doppelmonarchie nach österreichisch-ungarischem Vorbild (S.427).

[Dabei ist die Doppelmonarchie seit langem im Zerfall begriffen und auch nicht mehr zeitgemäss].

Ägypten: Monokultur Baumwolle
Der Export von Baumwolle und Baumwollsamen macht 92 Prozent des Exportwertes aus, davon 50 Prozent nach England [Hungerlöhne? Sklavenlöhne für die Bauern?]. Durch die Baumwoll-Monokultur wird Ägypten zum Getreideimportland! (S.419)

Mitte 1914
Hedschas: Scherif Husayn verweigert den "heiligen Krieg" / Dschihad
Husayn verweigert die Anweisung Konstantinopels, einen "heiligen Krieg"/Dschihad gegen die christlichen Mächte auszurufen, denn er strebt nach wie vor eine britische Sicherheitsgarantie gegen das Osmanische Reich und gegen die "Turkifizierung" an.

England will aus dieser Konstellation grösstmöglichen Nutzen ziehen (S.441).

28.10. 1914
Türkei-Russland: Türkische Marine beschiesst russische Schwarzmeerhäfen
(S.438)

30.10.1914
Kriegseintritt des Osmanischen Reichs an der Seite von Deutschland und Österreich
(S.427)
-- die arabischen Staaten hoffen auf eine Niederlage des Osmanischen Reichs, so dass Unabhängigkeiten möglich sein werden (S.427-428)

-- die nationalistischen Muslimengruppen haben die Hoffnungen auf Unterstützung der Unabhängigkeiten durch Frankreich und England

-- die Muslimengruppen sehen gleichzeitig auch die Eroberungsstrategien Englands und Frankreichs (S.428).

[nicht erwähnt:
Die Nationalen Musime haben keine modernen Schusswaffen
Die arabischen Staaten des Osmanischen Reichs sind ab dem Kriegseintritt Konstantinopels dazu verdammt, entweder für ihre türkischen Besetzer zu kämpfen oder sich Frankreich und England auszuliefern, weil sie keine eigene moderne Schusswaffen besitzen].

31.10.1914
England: Sicherheitsgarantie für Hedschas
(S.441)

ab Okt 1914
Vorderer Orient: planmässige Revolutionsunterstützungen Englands und Deutschlands
-- ab Kriegseintritt des Osmanischen Reiches an deutscher Seite (S.437)

-- England kann den Hedschas gegen das Osmanische Reich unterstützen, erhofft sich durch die Revolutionen gegen das Osmanische Reich militärische Entlastung im Vorderen Orient (S.437-438)

-- die Entente [wie auch die Mittelmächte] unterstützen die Revolutionen in kolonialen Imperien als Kriegsmittel, da dann die militärischen Kräfte des Gegners an vielen Stellen gebunden werden

-- die Agenten der kriegsführenden Mächte werden zu den ersten Guerillaführern, am bekanntesten: der Brite Lawrence in Arabien und der Deutsche Wassmuss in Südiran

-- die "Arabischen Bewegungen" müssen alle militärisch-strategischen Kalküle der Entente und der Mittelmächte erkennen und abwehren, um nicht von ihnen manipuliert zu werden (S.438).

[nicht erwähnt:
Die Juden im Osmanischen Reich können nur auf das Schicksal hoffen].

2./5.11.1914
Kriegserklärungen Englands, Frankreichs und Russlands gegen das Osmanische Reich
(S.438)

Nov 1914 ca.
Krieg Englands im Nahen Osten
England unternimmt eine völkerrechtliche und diplomatische "Festigung" ihrer Position im Vorderen Orient:
-- Mesopotamien-England: Landung eines britischen Expeditionskorps in Südmesopotamien
-- Annexion Zyperns (S.438).

Dez 1914
England erklärt Ägypten und Kuwait zu Protektoraten
und plant, das Osmanische Reich mit der Strategie eines "quick kill" schnell auszuschalten, um den deutsch-türkischen Plan eines Vormarsches zum Suezkanal zu verhindern. Dadurch würde eine englisch-arabische Allianz überflüssig werden (S.438).

1914-1918
Europa-Osmanisches Reich: Absprachen über Verteilung von Land nach dem Sieg
Bereits während des Krieges werden Absprachen getroffen, wie die Staatenwelt nach dem Krieg aussehen soll (S.366).

1914-1918
Hedschas: Der Hedschas politisiert gegen Konstantinopel
Emir Husayn b. ‘Ali, der 1908 noch von den Jungtürken als Emir eingesetzt worden war, wendet sich nun gegen Konstantinopel und wird zur "Galionsfigur" der arabischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die türkischen Nationalisten (S.423).

ab 1914
Osmanisches Reich: arabische Aufstände gegen die jungtürkische Diktatur
(S.435)

Vorderer Orient: Hoffnungen der muslimischen "nationalen Bewegungen" - Widerspruch
Die muslimischen nationalen Bewegungen und eine Nationenbildung der "arabischen Nation" ist in sich ein Widerspruch zum Islam (S.433).


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