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Norbert G. Pressburg: Good bye Mohammed - Mohammed gab es nie

8. Die "Goldenen Zeiten" des Islam - verklärte Blicke in eine nicht existente Vergangenheit

8d. Ab 750: Arabisch-christliche Abbasiden mit wissenschaftlicher Blüte - Arabisch-christliche oder arabisch-humanistische Gelehrte

8d. Arabisch-christliche oder arabisch-humanistische Gelehrte -- Die Akten des Privatlehrers al-Kindi -- Akten des Privatlehrers al-Kindi: Erdphysik und indische Zahlen (arabische Ziffern) -- Akten des Privatlehrers al-Kindi: Ebbe und Flut, Sterne und Bäume -- Der Gelehrte Hunain ibn Ishak - entscheidende Fälschungen bei Übersetzungen -- Die Übersetzungen und Fälschungen von Übersetzer Hunain ibn Ishak: Aus "Götter" werden "Gott", "Engel", "Heilige" - und arabische Neuschöpfungen -- Thabit ibn Kurra (geb. 834): Philosoph gegen den neumodischen Gott -- Religiöse Vielfalt ist Standard -- Ibn Kurra wird Regierungsberater und Astronom -- Arzt Muhamad ibn Zakarija ar-Razi (geb. 865 in Rajj/Teheran) - Übersetzungen - Religion ist Unruhestiftung -- Ar-Razi mit Medizin - die grosse Übersetzung "Liber Continens" von 1486 in Brescia -- Ar-Razi mit Philosophie: Atomare Materie, Gott, Weltseele, Raum, Zeit - Propheten Moses, Jesus und Mohammed werden als Unruhestifter abgelehnt -- Al-Farabi: Philosoph in Aleppo - Religion ist eine Erfindung - der ideale Staat etc. -- Ibn al-Haitham: Staudammprojekt am Nil scheitert - Übersetzungen - Physik - Optik und Astronomie mit Experimenten - Bücherverbrennung durch Muslime -- Abu Ali ibn Sina - Wissenschaftler in Buchara - vom Turk-Stamm der Qara-Khaniden verfolgt - Minister mit Militärtraktat - neu Schriften im Gefängnis -- Avicenna: Tod an Petersiliensamen und Opium 1037 - Leben eines Mediziners -- Al-Biruni aus Kath beim Aralsee - Leben eines Astronoms und Philosophen -- Ibn Ruschd - verfolgter Philosoph in Sevilla und Córdoba durch die Einführung der Mohammed-Justiz

präsentiert von Michael Palomino (2015)

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8d. Ab 750: Arabisch-christliche Abbasiden mit wissenschaftlicher Blüte - Arabisch-christliche oder arabisch-humanistische Gelehrte

Die meisten der arabischen Gelehrten waren auch Ärzte, entweder im Haupt- oder im Nebenberuf [S.163].

Um 750  war die Macht der Marwaniden zu Ende gegangen. Ihre Nachfolger, die "Abbasiden", errichteten ihre Residenzen weiter im Osten, vornehmlich in Bagdad und Samarra [[nördlich von Bagdad]]. Unter der Regentschaft einiger ihrer Herrscher erlebten die Wissenschaften eine wahre Blüte. Hier wurde der Grundstock zur weithin geteilten Meinung gelegt, das islamische Mittelalter sei dem europäischen weit überlegen gewesen: Das sind die "Goldenen Zeiten" der islamischen Wissenschaften.


Die Akten des Privatlehrers al-Kindi

Jakub ibn Ishak al-Kindi wurde um 800 in der Kulturstadt Kufa in Mesopotamien geboren [s.157]. Al-Kindi hat mehr als 200 Schriften hinterlassen. Er scheint bisweilen konfus und unfertig, aber im Zentrum steht bei ihm die Propagierung des selbständigen Denkens. Er selber titulierte sich mit dem Fremdwort "Philosoph" und unterstrich unablässig die Wichtigkeit der Erkenntnis der Wahrheit, gleichgültig, woher diese stamme. Er markierte den Anfang einer Reihe arabischer Philosophen. Sein Denken ist der koranischen Lehre diametral entgegengesetzt [S.158].

[Akten des Privatlehrers al-Kindi: Erdphysik und indische Zahlen (arabische Ziffern)]
Es war die Regierungszeit des wissbegierigen und aufgeklärten Herrschers al-Mamun in Bagdad. Über den Bildungsweg al-Kindis wissen wir [S.157] nicht näher Bescheid, aber er wurde zum Privatlehrer eines Neffen Mamuns, des späteren Herrschers Mutasim, bestellt. Einige seiner Unterrichtsmaterialien sind uns überliefert. Etwa eine Erörterung darüber, warum die Erde als Kugel frei im Raum schweben könne. Ein weiteres Traktat behandelt das Rechnen mit "indischen Zahlen". Dies ist genau jenes Zahlensystem, das wir als "arabische Ziffern" bezeichnen. Es stammt in der Tat aus Indien und gelangte über die arabische Vermittlung nach Europa.

[Akten des Privatlehrers al-Kindi: Ebbe und Flut, Sterne und Bäume]
Ebbe und Flut versuchte al-Kindi durch die Reibungswärme des Mondes beim Umlauf zu erklären. An anderer Stelle versuchte er, eine logische Brücke zu koranischen Aussagen zu schlagen, etwa der, wonach sich Sterne und Bäume anbetend vor Gott niederwürfen. Er sieht dahinter das Prinzip der absoluten Gesetzmässigkeit - wenngleich er den Gestirnen Gesichts- und Gehörsinn zuschreibt. Seine Schrift über "Ursache und Wirkung" widmete er Mamun. Damit stellt er sich in schroffen Gegensatz zu einem der Hauptsätze der koranischen Lehrmeinung, die Kausalität strikt ablehnt und dafür den Willen Gottes postuliert.

Seine Denkansätze basieren auf Aristoteles und Ptolemäus, durchsetzt mit altorientalischen Traditionen; besonders nahe scheint er den altbabylonischen Sternanbetern gestanden zu haben. [S.158]


Der Gelehrte Hunain ibn Ishak - entscheidende Fälschungen bei Übersetzungen

Hunain ibn Ishak war das, was man heute einen wissenschaftlichen Herausgeber und Verleger nennen würde. Er starb im Jahre 873 und vererbte der Nachwelt einen bedeutenden Nachlass antiker Autoren. Er war ein grosser, arabischer Wissenschaftler, aber kein muslimischer. [...]

Hunain ibn Ishak (808-873) stammte aus al-Hira im südlichen Mesopotamien. Sein Vater war Apotheker, der Sohn wollte Arzt werden und gelangte so nach Bagdad. Er besuchte die Vorlesungen eines gewissen Juhana ibn Masawahai, wie Hunain ebenfalls syrischer Christ und Leibarzt des Kalifen. Lehrmaterial waren wie üblich die griechischen Autoren, ganz besonders der berühmte Mediziner Galen aus Pergamon. Aus irgendeinem Grunde (er war angeblich zu vorlaut) wurde Hunain von seinem Lehrer der Vorlesungen verwiesen, eine Wanderschaft durch verschiedene [S.158] Städte folgte, darunter wahrscheinlich auch Byzanz. Nach sechs Jahren nach Bagdad zurückgekehrt, begann er, wissenschaftliche Standardwerke aus der Antike ins Arabische oder in die von seinem jeweiligen Auftraggeber gewünschte Sprache zu übersetzen. Er beherrschte meisterhaft antike und alle gängigen regionalen Sprachen. Aufgrund seiner medizinischen Ausbildung hatte er die allerbesten Voraussetzungen für fachspezifische Übersetzungen, sein Spektrum umfasste jedoch die gesamten damaligen Wissenschaften. Eine seiner Arbeiten liess er einmal ohne Namensnennung seinem ehemaligen Lehrer Ibn Masawahai zukomme.

"Der das produziert hat, muss vom Heiligen Geist unterstützt worden sein!", soll dieser zutiefst beeindruckt ausgerufen haben.

[Die Übersetzungen und Fälschungen von Übersetzer Hunain ibn Ishak: Aus "Götter" werden "Gott", "Engel", "Heilige" - und arabische Neuschöpfungen]
Hunain wurde ein derart beschäftigter Mann, dass er bald seinen Sohn und seinen Neffen als Übersetzer der Standardtexte anlernte. Er selber kümmerte sich um die wissenschaftliche Hauptarbeit. Diese begann mit dem Auffinden alter Handschriften. Es waren zahlreiche unvollständig erhaltene Werke erhältlich, als Bruchstücke in verschiedenen Sprachen oder von verschiedenen Kopisten. Hatte Hunain ein bestimmtes Material beisammen, machte er sich ans Vergleichen. Ihm war natürlich bestens bekannt, dass Handschriften immer Fehler enthielten: Verschreibungen, Fehlübersetzungen, Fälschungen. Basierend auf dem Vergleich fertigte er dann die bestmöglichen Übersetzungen an, von denen er einen Katalog erstellte (der erst 1918 gefunden wurde). Er pflegte die Eigenart, die alten Götter, wenn sie in einem Text auftauchten, in den Einen Gott, in Engel oder Heilige umzubenennen.

Im Gegensatz zu anderen begnügte er sich nicht mit den griechischen Fachausdrücken, sondern schuf arabische Wörter dafür. Er versäumte es auch nicht, in Samarkand, wo die Technik der chinesischen Papierherstellung bekannt war, extraschweres Papier zu ordern. Seine Arbeiten wurden inzwischen mit Silber aufgewogen. [...]


Thabit ibn Kurra (geb. 834): Philosoph gegen den neumodischen Gott

[Religiöse Vielfalt ist Standard]
"Wer hat die Häfen und die Kanäle angelegt, wer hat die geheimen Wissenschaften kundgetan? Wem hat sich die Gottheit offenbart, wem hat sie [S.159] die Orakel gegeben und zukünftige Dinge gelehrt, wenn nicht den Weisen unter den Heiden? Sie haben all das studiert, sie haben die Heilung der Seelen erläutert und ihre Erlösung kundgetan, sie haben auch die Heilung des Körpers erforscht, und sie haben die Welt mit der Weisheit, der wichtigsten Tugend, erfüllt."
Der das schrieb, war selber Heide: Der Sabier [85]
[85] Sabier: Anhänger eines babylonisch-chaldäischen Sternenkults
Thabit ibn Kurra, 834 in Harran, in der heutigen Osttürkei, geboren. Und er war überzeugter Heide. Als er mit Anhängern der gerade aufkommenden neuen Religion diskutierte und diese die Allmacht Gottes in den Mittelpunkt stellten, fragte er zurück:
"Kann euer Gott auch bewirken, dass fünf mal fünf nicht fünfundzwanzig ist?"
Für ihn hatte der neumodische Gott bestenfalls Allmacht über die Geschöpfe, aber nicht über die Schöpfung selber. Er war selber ein Geschöpf. Ihr Glaube hatte den alten babylonischen Sternenkult als Wurzel, modifiziert durch den Einfluss griechisch-antiker Denkweise. Als Propheten verehrten die Sabier weise Männer der Vergangenheit, darunter auch griechische Philosophen [86]
[86] Man sieht, noch im 9. Jahrhundert bestand eine Vielfalt an Religionen im Reiche der sogenannten Kalifen. Der Islam war keineswegs schon die etablierte, dominierende Religion.
Ein überliefertes Motto lautete: "Plato sagte: Wer sich selbst erkennt, wird göttlich." [87]
[87] Inschrift am Türklopfer eines sabischen Hauses in Harran (nach al-Masudi).

[Ibn Kurra wird Regierungsberater und Astronom]
Auf der Durchreise durch die Stadt Harran wurde eine hochgestellte Persönlichkeit auf den gebildeten Sabier aufmerksam und nahm ihn mit nach Bagdad. Dort schrieb Thabit für diese in den Wissenschaften dilettierende Person unter ihrem Namen Abhandlungen und wurde auch so etwas wie freier Mitarbeiter für astronomische Fragen in Hunains Literaturbetrieb. Später wurde er in den Kreis der Hofastronomen aufgenommen und Vertrauter und enger Freund des Herrschers al-Mutatid.

Ausnahmslos waren alle bedeutenden Wissenschaftler und Philosophen zumindest zeitweise bei Hof beschäftigt. Eine Karriere war anders zu dieser Zeit nicht möglich. Thabit beherrschte das Griechische perfekt, beschäftigte sich mit Philosophie, Mathematik und Medizin. Unter [S.160] anderem hinterliess er uns ein Buch über die Fragen, die ein Arzt dem Kranken stellen solle. Er war der Meinung, dass hinter dem Namen "Hippokrates" in Wirklichkeit vier Autoren stecken mussten. Als Sabier lag aber seine Stärke auf dem Gebiet der Astronomie. Unter anderem hatte es ihm die geringfügig unterschiedliche Länge der Jahre angetan. Ausgehend vom ptolemäischen System, nahm er eine geringe Bewegung der Fixsternsphäre an, die sogenannte Trepidation, die auch noch bei Kopernikus Eingang fand. Thabit kommt in Wolfram von Eschenbachs "Parzival" als Thebit vor. Er starb 901.


Arzt Muhamad ibn Zakarija ar-Razi (geb. 865 in Rajj/Teheran) - Übersetzungen - Religion ist Unruhestiftung

[Ar-Razi mit Medizin - die grosse Übersetzung "Liber Continens" von 1486 in Brescia]
Es gibt auch von einer medizinischen Kapazität zu berichten, die ihre Laufbahn als Lautenspieler begonnen hatte: Muhamad ibn Zakarija ar-Razi, 865 in Rajj, dem heutigen Teheran, geboren. Von seiner Biografie wissen wir recht wenig, ausser dass er Krankenhäuser in Bagdad und Rajj leitete und mit dem dortigen Emir al-Mansur ibn Ishak gut befreundet war. Dafür ist seine fachliche Hinterlassenschaft umso grösser, ar-Razi war der grösste Kliniker der arabischen Welt und als "Rhazes" in Europa wohlbekannt.

Eine medizinische Enzyklopädie widmete er seinem Mäzen Mansur. Die lateinische Übersetzung des in Europa sehr populären Kapitels 9 hiess "Liber Nonus Almansurus". Es enthielt eine Heilmittelanleitung, zugeordnet den einzelnen Krankheiten von Kopf bis Fuss, und war sogar in einigen europäischen Volkssprachen erhältlich.

Eine weitere in Europa sehr berühmte Abhandlung befasste sich mit Masern und Pocken, die sogar noch in England im 18. Jh. gedruckt wurde [88].
[88] Ar-Razi: Über die Pocken und Masern; Deutscher Nachdruck und Übersetzung von K. Opitz; Leipzig 1911
Bei seinem Tode im Jahre 925 hinterliess ar-Razi eine gewaltige Menge griechischer Exzerpte zu klinischen Fällen, die er durch eigene Beobachtungen und Erfahrungen ergänzt hatte. Diese Hinterlassenschaft wurde von Schülern systematisiert und kam 1486 in Brescia unter dem Titel "Liber Continens" zum Druck, zwei riesige Folianten füllend.

Wie jeder berühmte Arzt seiner Zeit verfügte Rhazes auch über ein grosses philosophisches Wissen, denn aus der Philosophie leitete sich zu [S.161] einem guten Teil die medizinische Theorie ab. Die griechischen Philosophen sowie Hippokrates [89] und Galen [90] waren ihm bestens vertraut.
[89] Hippokrates von Kos, Arzt, ca. 460-370 v.Chr.
[90] Römischer Arzt, 129-216 n.Chr.; zusammen mit Hippokrates der bedeutendste Arzt der Antike.
Rhazes bewies ein grosses Mass an selbständigem Denken, aber Neuerungen brachte er niemals vor, ohne dem grossen Galen Respekt zu zollen:
"In der Tat, es ist mir schmerzlich gewesen, mich gegen den aufzulehnen, der von allen Menschen mich am meisten mit Wohltaten überhäuft hat und mir der hilfreichste war, durch den ich mich habe führen lassen, dem ich gefolgt bin Schritt für Schritt. Aber die Medizin ist eine Philosophie, die keinen Stillstand duldet." [91]

[91] Im Gegensatz dazu bedachte Avicenna (persischer Arzt und Gelehrter - https://de.wikipedia.org/wiki/Avicenna) Galen bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Schmähungen.
Während Galen der Meinung war, dass die Seele von der Verfassung des Körpers abhängig sei, sagte Rhazes, dass die körperliche Verfassung von der Seele bestimmt werde. Die praktische Konsequenz davon war, dass er den Ärzten empfahl, den Patienten stets Mut zu machen, auch wenn sie sich ihrer Sache selber nicht sicher seien.

[Ar-Razi mit Philosophie: Atomare Materie, Gott, Weltseele, Raum, Zeit - Propheten Moses, Jesus und Mohammed werden als Unruhestifter abgelehnt]
Auch in der Philosophie ging ar-Razi eigene Wege. In Anlehnung an Demokrit nahm er eine atomare Materie an (Erde, Feuer, Luft und Wasser). Daneben stellte er Gott, die Weltseele, den absoluten Raum und die absolute Zeit, er sah den Kosmos also mehrdimensional. Der Schöpfer der Bibel und des Korans ist nur beigeordnet und nicht wirklich allmächtig. Propheten erkannte Rhazes als notwendige Mittler der Substanz Gottes und der Menschen an, jedoch nicht "die drei Betrüger Moses, Jesus und Mohammed" [92],
[92] Es handelt sich um einen viel diskutierten Ausspruch. Wenn er auch möglicherweise nicht von ar-Raiz selber stammte, so hat er ihn doch vertreten und populär gemacht.
die nur Zwietracht gesät hätten. Sein "Imam" (er benutzt diesen Ausdruck wörtlich) ist Sokrates.

Spricht so ein Muslim, als der ar-Razi wie selbstverständlich vereinnahmt wird?

Rhazes starb im Jahr 925, in seinen letzten Lebensjahren war er erblindet [S.162].


Al-Farabi: Philosoph in Aleppo - Religion ist eine Erfindung - der ideale Staat etc.

Al-Farabi war "nur" Wissenschaftler, hauptsächlich Interpret von Aristoteles und anderen griechischen Philosophen, denen er seine eigene Variante hinzufügte. Die Medizin grenzte er bewusst von der Philosophie ab, weil es ihr Zweck sei, eine praktische Veränderung im Körper hervorzurufen, sie dabei aber nichts mit der Wahrheitsfindung zu tun habe.

"Al-Farabi" heisst nichts anderes als "Der aus Farab", einer Stadt im heutigen Kasachstan, wo er im Jahr 870 geboren wurde. Farabi war wohl ethnischer Kasache. Er soll zeitlebens, sein Äusseres missachtend, in einem schäbigen Kaftan kasachischer Art herumgelaufen sein. Von seiner Jugend wissen wir wenig. Nur, dass er sich schon in jungen Jahren auf den Weg nach dem persischen Harran und dann weiter nach Bagdad machte, wo sich christliche Lehrer seiner annahmen. Die meiste Zeit verbrachte er hier, in seinem letzten Lebensabschnitt ging er nach Aleppo in Syrien an den Hof des Emirs Saif al-Daula. Er begab sich kurz nach Kairo und starb bald nach seiner Rückkehr nach Syrien im Jahr 950. Der islamische Klerus nahm demonstrativ nicht an seiner Beisetzung teil.

Das hatte seine guten Gründe: denn Farabi lehrte vieles, was den Imamen nicht gefallen konnte, obwohl er sich stets um einen Ausgleich zwischen Philosophie und Religion bemühte. In der Hauptsache aber entwickelte er seinen Aristoteles fort.l Er stellte die Welt als zusammenhängende Einheit dar: Ihr Ursprung ist zwar Gott, aber nicht als Schöpfer, wie Koran und Bibel ihn sehen, sondern als nicht personifizierte Quelle des Seins. Sie ist die Quelle ausfliessender Bewegung, der sogenannten Emanation, der die niederen Stufen ihre Existenz verdanken. Die unterste Stufe der Hierarchie bildet die Materie, in die der Mensch verstrickt ist. In die höheren Welten kann dieser nur durch Denken, mystische Versenkung oder den Tod gelangen. Die vornehmste Aufgabe des Menschen ist es, durch Begreifen der Welt und des Universums mit dem universalen Intellekt eins zu werden. Dieses Glück ist aber nur für wenige erreichbar - für den Rest ist die Religion gemacht [93].
[93] Ähnlich formulierte es Ibn Ruschd mit seinen "beiden Wahrheiten".
Farabi betrachtete somit die Religion als künstliches Produkt, aber als eine Notwendigkeit für den Grossteil der Menschen [S.163].

In dieser Denkweise entwirft er einen idealen Staat. Ähnlich Plato fordert er einen philosophischen König, dem aber ein Prophet zur Seite stehen soll, um dem mit wenig Vernunft ausgestatteten Staatsvolk Anweisungen zu geben.

Seine Philosophie ist antireligiös, trotzdem sieht er für die alltägliche Praxis Geistliche vor, die auf die ungebildete Masse einwirken sollen.

Al-Farabi stand nicht wie andere im Rampenlicht, sondern verbrachte seine Zeit mit Vorliebe im Garten beim Wasserteich.


Ibn al-Haitham: Staudammprojekt am Nil scheitert - Übersetzungen - Physik - Optik und Astronomie mit Experimenten - Bücherverbrennung durch Muslime

965 war das Geburtsjahr eines gewissen Ibn al-Haitham, der in Europa unter dem Namen "Alhazen" bekannt werden sollte. Er stammte aus Basra und schlug zunächst eine Beamtenlaufbahn ein. Diese gab er jedoch bald auf und widmete sich wissenschaftlichen Studien in Bagdad und Persien. Eines Tages wurde der Gegenkalif in Kairo auf ihn aufmerksam, und als Alhazen die Möglichkeit äusserte, man könne den Nil aufstauen und so die Felder über das ganze Jahr bewässern, wurde er nach Ägypten berufen und mit dem Projekt betraut. Mit grosser Mannschaft und Gerät zog er den Nil aufwärts, um das Staudammprojekt anzugehen. Aber sehr bald, schon angesichts der gewaltigen altägyptischen Bauwerke entlang des Flusses, beschlichen ihn Zweifel. Wenn diese Leute, die jene Bauwerke geschaffen hatten, keinen Damm bauen konnten, wie sollte das ihm gelingen? In Assuan, dort, wo heute der Damm steht, fand er die geeignete Stelle, aber er musste bald einsehen, dass dieses Projekt nicht durchführbar war. Unverrichteter Dinge kehrte er nach Kairo zurück und konnte froh sein, angesichts dieser Pleite mit dem Leben davongekommen zu sein.

Er wandte sich darauf dem für viele Wissenschaftler der Zeit typischen Broterwerb zu: Er übersetzte antike Schriften. Über die Jahre stellte er eine Ausgabe des kompletten Euklid, des "Almagest" des Ptolemäus sowie Schriften weiterer griechischer Autoren fertig. Das machte ihn mit der Zeit finanziell so unabhängig, dass er sich seinem Lieblingsgebiet zuwenden konnte: der Physik, und ganz speziell der Optik [94].¡
[94] Sein Hauptwerk fand in lateinischer Sprache unter dem Titel "Thesaurus Opticus" in Europa weite Anerkennung [S.164].
Waren aber die meisten antiken und arabischen Physiker reine Theoretiker, so verlegte sich Alhazen auf Experimente, ein Novum zu dieser Zeit. Er goss die erste Linse aus Glas, die er interessanterweise zwar für Experimente benutzte, anscheinend nie aber für praktische Zwecke, etwa als Vergrösserungsglas oder Fernrohr. Im Widerspruch zu Euklid stellte er fest, dass die Lichtstrahlen von einem Objekt ins Auge gelangen und nicht ein Sehstrahl aus dem Auge die Umgebung abtastet. Anhand eines Hohlspiegels aus Metall stellte er sich ein bestimmtes mathematisches Problem, das noch heute als "Alhazensches Problem" bekannt ist und das er zwar selber umständlich löste, für das aber erst Huygens Mitte des 17. Jahrhunderts eine elegante Lösung fand. Auch grundlegende Gesetze der Perspektive infolge des sich gradlinig ausbreitenden Lichts gehen auf Alhazen zurück.

Seine Arbeit mit Lichtstrahlen führte ihn konsequenterweise auch auf das Gebiet der Astronomie. Er betrachtete die Sternenwelten ganz nüchtern als begreif- und berechenbare physikalische Einheiten. Er berechnete aufgrund der Strahlenbrechung die Dicke der Atmosphäre fälschlicherweise auf fünf Meilen, weil er von einer scharfen Grenze und nicht von einer allmählichen Verdünnung der Luft ausgegangen war. Die Würdigung einer Arbeit lässt sich mit Alexander von Humboldt ausdrücken, der die Araber als die eigentlichen Gründer der Physik bezeichnete. Ibn al-Haitham alias Alhazen war ihr bedeutendster Vertreter auf diesem Gebiet, obwohl nur Teile seines Gesamtwerkes erhalten sind, denn bald schon wurden seine Schriften als gegen den Koran gerichtet verbrannt.


Abu Ali ibn Sina - Wissenschaftler in Buchara - vom Turk-Stamm der Qara-Khaniden verfolgt - Minister mit Militärtraktat - neu Schriften im Gefängnis

Abu Ali ibn Sina wurde unter dem Namen "Avicenna" eine der berühmtesten arabischen Persönlichkeiten in Europa. Im Orient ist er heute noch populär; Iran, Usbekistan, Tadschikistan und Turkmenistan wetteifern um die Ehre, ihn als einen der Ihrigen eingemeinden zu dürfen.

Es gibt immer noch viele Rätsel in Avicennas Biografie. Das erste ist das Jahr seiner Geburt. Man weiss, dass Avicenna im Jahr 1037 starb. Über sein Alter gibt es vier verschiedene Angaben, wobei nicht einmal sicher ist, ob von Mond- oder Sonnenjahren die Rede ist - das macht acht Daten zur Auswahl. Die nach Lüling wahrscheinlichste Altersangabe ist 58 Jahre, das heisst, Avicenna wurde im Jahr 979 geboren. Seine Familie stammte [S.165] aus der buddhistischen Hochburg Balch [95]
[95] Das Baktrien hellenistischer Zeit. Balch umfasste Teile des heutigen Afghanistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Usbekistan. Die Provinz war zu Lebzeiten Avicennas die buddhistische Hochburg im Osten des Persischen Reiches. In Bamiyan liess im Jahre 2001 die Taliban-Regierung zwei monumentale Buddha-Statuen aus jener Zeit sprengen.
im heutigen Afghanistan, zog aber in die samnidische Residenz Kharmitan in die Nähe von Buchara (Usbekistan), wo Avicenna geboren wurde. Sein Vater war hochgestellter Beamter am Hof der buddhistischen Samniden [96].
[96] Der Name leitet sich ab von der Stammresidenz Saman / Suman. Daher stammt "Sumaniyya", die damalige Bezeichnung für Buddhismus.
Die Herkunft aus einem gut situierten Elternhaus gewährleistete die beste damalige Bildung. Die "Eisagoge" von Porphyrios und andere klassische Schriften gehörten zur Grundausbildung, er studierte natürlich auch Mathematik, Geometrie, Physik und Medizin. Letztere nannte er keine schwere Wissenschaft. Er war ein ungeheuer fleissiger Arbeiter, der zumindest nach eigenem Bekunden ganze Nächte durchstudierte.

Mit 22 Jahren war es vorbei mit dem Frieden. Der gerade erst islamisierte Turk-Stamm der Qara-Khaniden vernichtete das Samnidenreich und deportierte die überlebenden Mitglieder des Herrscherhauses Avicenna ("da forderte mich die Not auf fortzuziehen") flüchtet nach Urgentsch, der Hauptstadt der Provinz Choresmien.

Indessen versuchte der Samanidenprinz al-Muntasir, in einem fünf Jahre währenden Kampf die Herrschaft wiederzugewinnen, scheiterte aber. Und Avicenna war sein Gefolgsmann. Die Türen, die ihm zuvor offengestanden hatten, schlossen sich aus politischen Gründen wieder.

"Da forderte mich die Not auf fortzuziehen": Avicenna verliess mit seinem langjährigen Lehrer und Gefährten Abu Sahl al-Masihi, dem hochberühmten Gelehrten und ehemaligen Leibarzt der Samniden, Urgentsch und seine lebenslange Wanderung von Residenz zu Residenz setzte sich fort.

"Da forderte mich die Not auf fortzuziehen". Die Formel wurde zum roten Faden in Avicennas Leben. Er war lebenslang politischer Flüchtling aus einer buddhistischen Welt, die unter islamischen Druck geriet.

Von Urgentsch zog Avicenna über Nisa, Abiward und weitere Stationen nach Gurgan am Kaspischen Meer, sein Lehrer und Begleiter überlebte [S.166] die Strapazen nicht. Unterwegs ordinierte Avicenna verschiedentlich unter falschem Namen, seine Hoffnung auf eine Anstellung bei Sheikh Kabus von Gurgan erfüllte sich nicht. So zog er ins persische Hamadan an den Hof von Schams-ad-Daula, von dem er einen Ministerposten erhielt. Eines Tages brachte ihn eine gegen ihn gerichtete Militärrevolte in arge Schwierigkeiten. Grund war sein wohl nicht sonderlich populäres ministerliches Traktat "Über die Verpflegung und den Sold des Heeres, der Militärsklaven und Soldaten und über die Grundsteuer der Ländereien". Er überstand auch dies mit knapper Not, aber sass wenig später vier Monate im Gefängnis, weil er mit dem feindlichen Emir von Isfahan eine Absprache getroffen haben soll. Die Zeit im Gefängnis nutzte er zum Verfassen diverser Schriften. Nach weiteren langen und detailreichen Verwicklungen setzte er sich schliesslich heimlich im Mönchsgewand nach Isfahan ab. Was die wirklichen politischen Hintergründe waren, darüber können wir nur spekulieren.


Avicenna: Tod an Petersiliensamen und Opium 1037 - Leben eines Mediziners

Avicenna gehörte gegen Ende seines Lebens zu den engsten Vertrauten des Emirs von Isfahan und begleitete ihn in dieser Eigenschaft und als Arzt auf dessen Kriegszüge. Auf einem solchen, im Jahre 1037, starb er [S.167] im Alter von 58 Jahren. Die Umstände seines Todes sind überliefert: Um sich nach der von ihm erwarteten Niederlage auf die Flucht vorzubereiten, wies er einen Begleitarzt an, eine stärkende Medizin zu mischen. Sie enthielt irrtümlich eine Überdosis von Petersiliensamen und Opium.

Avicenna führte ein sehr intensives Leben. Tagsüber war er mit seinen verschiedenen Brotberufen beschäftigt, abends folgten Vorlesungen und Niederschriften. Doch damit war der Tag noch nicht zu Ende, wie sein Schüler und Mitarbeiter al-Guzgani [97]
[97] Die erste Hälfte seiner Autobiografie stammt wohl von Avicenna selber, die zweite Hälfte von seinem Schüler und Begleiter al-Guzgani.
berichtet: "Waren wir damit fertig, erschienen Sänger aller Art, ein Weingelage mit allem, was dazugehört, wurde hergerichtet, und wir befassten uns damit."

Und: "Beim Meister waren alle Kräfte stark entwickelt, wobei unter den Kräften des begehrenden Seelenteils die sexuelle am stärksten und übermächtigsten war." Avicenna lebte, wie landesweit bekannt war, ein ausschweifendes Leben.

Avicenna sah seine Berufung wohl in der Politik, seine Brotberufe waren Arzt, Richter und Gelehrter, in letzterer Funktion erstellte er sein philosophisches Werk. Geprägt war sein Leben vom Zusammenbruch des Samnidenreiches, der einherging mit dem Zusammenbruch der "Ostiranischen Renaissance" insgesamt. Avicennas Wurzeln sind zweifellos buddhistisch. Er selber sagt uns dazu direkt nichts und vermeidet sorgfältig Parteinahmen. Durch Religiosität irgendwelcher Art ist er nie aufgefallen und er führte ein bekannt unislamisches Leben. Dazu zählt, dass er auch die im Koran verbotenen Sektionen an Toten vorgenommen haben muss. Ständiges Ärgernis für die Orthodoxie war Avicennas Weigerung gewesen, die Notwendigkeit eines Propheten zur Vermittlung der Offenbarung anzuerkennen [98].
[98] Dazu gibt es eine nette Überlieferung aus dem 15. Jahrhundert, wonach sich in einer Erscheinung der Prophet Mohammed bei al-Magribi beschwert, Ibn Sina sei mit Gott ohne seine Vermittlung in Kontakt getreten.
(Dies genau ist ein Kernsatz der "Sumaniyya", des Buddhismus).

Avicenna hinterliess ein umfangreiches philosophisches und medizinisches Schriftmaterial, wiewohl die Bewertung seiner geisteswissenschaftlichen Arbeiten möglicherweise überzogen scheint. "Das Buch der [S.168] Heilung" oder der "Kanon", eine systematische Darstellung der Medizin, zählte zu den Standardwerken, die ihn im mittelalterlichen Europa berühmt machten. Dabei war er "hochfahrend", wir würden heute arrogant sagen, und kannte wenig Rücksicht. Über Rhazes schrieb Avicenna, er hatte doch besser bei der "Untersuchung von Hautkrankheiten, Urin und Stuhlgang" bleiben sollen. Es kann als sicher gelten, dass er Werke seines Weggefährten und Lehrers al-Masihi redigiert als seine herausgab.

Die Wissenschaft konstatiert einen grossen Sprung von Hippokrates zu Galen, aber einen noch grösseren von Galen zu Avicenna. Er dominierte 500 Jahre lang die Medizin des Orients und Europas, präzise bis Paracelsus 1530 eine neue Ära der Medizin einleitete.

Avicenna war ein grosser Geisteswissenschaftler und der grösste Arzt des Mittelalters. Ein Muslim war auch er nicht.


Al-Biruni aus Kath beim Aralsee - Leben eines Astronoms und Philosophen

Die heutige Forschung ist geneigt, in den nichtmedizinischen Wissenschaften einem weiteren Usbeken einen noch höheren Rang als Avicenna einzuräumen: al-Biruni. Er blieb in Europa relativ unbekannt, vielleicht auch, weil es lange Zeit keine Biografie von ihm gab. Er war Landsmann und Zeitgenosse des etwas jüngeren Avicenna. Die beiden haben sich auch getroffen, aber Freunde - was bei Avicenna offensichtlich nicht einfach war - wurden sie nie. Biruni wurde 976 in Kath südlich des Aralsees geboren und stammte aus bescheidensten Verhältnissen. Er verdankte seinen Aufstieg der lokalen Fürstenfamilie, die ihn aufnahm und die bestmögliche Erziehung angedeihen liess. Mit 16 Jahren führte er eine Bestimmung der geografischen Position seiner Heimatstadt durch und baute ebenfalls recht früh einen halbkugeligen Globus der nördlichen Hemisphäre [99].
[99] Das nächste Erdmodell sollte erst von dem Nürnberger Martin Behaim im Jahre 1492 angefertigt werden.

[Die bisher älteste bisher bekannte Globus-Weltkarte stammt von Piri Reis und stammt von einem Foto von Ausserirdischen].
Aus politischen Gründen musste Biruni seine Heimatstadt 995 verlassen, man darf annehmen, dass die Gründe dieselben waren, die Avicennas Flucht zugrundelagen. Ohne seine Geräte zog er nach Rajj, dem heutigen Teheran. Dort machte er die Bekanntschaft mit einem Astronomen, der gerade ein Instrument zur Messung der Sonnenhöhe baute. Für die im Jahre 997 errechnete Mondfinsternis verabredete [S.169] sich Biruni brieflich mit einem Astronomen in Bagdad, um das Ereignis simultan zu messen und so den Abstandswinkel der beiden Standpunkte zu ermitteln.

Dann zog er vorübergehend nach Gurgan am Kaspischen Meer, wo er mit Avicenna zusammentraf.

Biruni erhielt alsbald einen Ruf an den Hof von Urgentsch. Die Stadt wurde aber von einem feindlichen Fürsten erobert, der Biruni mit nach Ghazna im heutigen Afghanistan verschleppt haben soll. In Wirklichkeit war es wohl so, dass Biruni Teil einer Lösegeldzahlung war. Ghazna war eine hinduistische Hochburg und der Prinz Masud war sehr interessiert an den Wissenschaften [100].
[100] Vermutlich war Masud Hindu, was der Umstand, dass ihn die islamische Geschichtsschreibung als "Trunkenbold" diffamiert, fast zur Gewissheit werden lässt.
Al-Biruni hatte einen neuen Gönner gefunden. Er übereignete ihm den "Masudischen Kanon", die grösste astronomische Encyklopädie des Mittelalters. Er musste seinen Herrscher auch auf den zahlreichen Kriegszügen begleiten, die ihn bis nach Indien brachten. Daraus resultierte sein einzigartiges Buch, eine Kulturgeschichte Indiens: "Über die Prüfung dessen, was von Indien gesagt wird". Um die indische Mathematik und Astronomie  zu begreifen, lernte er Sanskrit und berichtete überhaupt sehr sensibel über die indische Kultur. Er tat sich damit umso leichter, als er wie auch Avicenna aus einem buddhistischen Umfeld stammte. Biruni war von seinem Vermögen her der Einzige, der zumindest zum Teil das übermächtige aristotelische System zu sprengen in der Lage war. Er war Astronom, Physiker, Geograf und Philosoph - aber Arzt war er ausnahmsweise nicht. Er starb 1048 während der Erörterung eines juristischen Problems. Muslim war er auch nicht.


Ibn Ruschd - verfolgter Philosoph in Sevilla und Córdoba durch die Einführung der Mohammed-Justiz

Wir begeben uns jetzt vom äussersten östlichen Ende der arabischen Reiche in den äussersten Westen, "al Gharb" [101]:
[101] Al Gharb: Der Westen; davon leitet sich der Name Algarve ab.
nach Andalusien. Dort wurde 1126 in Córdoba ibn Ruschd geboren, der an den europäischen Universitäten als "Averroes" zu Berühmtheit gelangte. In der arabischen Welt blieb er unbeachtet, erst sein Ruhm in Europa machte ihn in der [S.170] Neuzeit dort bekannt. Er erhielt die damals beste Bildung, die wir schon kennen: Philosophie, Mathematik, Astronomie, Heilkunde und als Angehöriger des Richterstandes war er notgedrungen auch Jurist.

1148 eroberte die Berberdynastie der Almohaden unter dem Kalifen Abu Jakub Jussuf [die Stadt] Córdoba. 1153 wurde Ibn Ruschd nach Marrakesch an die Residenz des Herrschers beordert, einem Treffen, dem er mit grosser Sorge entgegensah. Bei Hof wurde er von einem gewissen Ibn Tufail eingeführt, der in Europa auch kein Unbekannter ist: Er hatte den philosophischen Roman "Der Naturmensch" verfasst, in dem die Akteure auf eine einsame Insel im Ozean verschlagen werden und durch Beobachtungen und logische Schlüsse zur Erkenntnis der Welt gelangen [102].
[102] Ibn Tufail: Hajj ibn Jaqzan: Der Naturmensch; Köln 1983
In der Folge trat Ibn Ruschd Stellen als "Qadi" in Sevilla und Córdoba an, seine Hauptarbeit galt aber stets seinem philosophischen Werk. Besonders engagiert trat er gegen die Lehren des al-Ghazali an, weil sie seiner Meinung nach den Islam zerstörten. 1195 traf ihn das Verhängnis: Imame hatten das Volk gegen ihn, der ihnen schon lange ein Dorn im Auge war, aufgehetzt und zwangen den Herrscher zu einem förmlichen Verfahren gegen ihn. Das Tribunal verneinte die Rechtgläubigkeit Ibn Ruschds, seine Bücher wurden demonstrativ verbrannt und die Philosophie insgesamt per Edikt verboten. Er selber wurde aus Córdoba verbannt und bekam jegliche Lehrtätigkeit verboten. Drei Jahre später war er tot.

Es kommt nicht von ungefähr, dass von Ibn Ruschd fast nichts in Arabisch vorliegt: Die Tradierung erfolgte in hebräischer Übersetzung, und bisweilen hat Averroes selbst in arabischer Sprache mit hebräischen Buchstaben geschrieben. Eine Art Insidersprache, die zeigt, in welch intolerantem Umfeld er lebte.

Sein juristischer Ansatz gehörte bereits einer vergangenen Epoche an. Während der Qadi  Ibn Ruschd nach generellen juristischen Prinzipien suchte, setzte in Spanien die Rechtsprechung nach anwendbaren Präzedenzfällen aus dem Leben des Propheten ein. In den zunehmend orthodox-islamisch werdenden Reichen ging es zu Ende mit Jurisprudenz, der Philosophie und den Wissenschaften.

Nördlich des Mittelmeers hingegen wurden sein Aussagen hitzig [S.171] diskutiert. Thomas von Aquin verwandte grosse Mühe darauf, Averroes zu widerlegen Dieser hatte sich gegen den freien Willen ausgesprochen, der letztlich nur einer übergeordneten Notwendigkeit folge: Er hatte postuliert, dass der Intellekt aller Menschen nur ein einziger, gemeinsamer sei, dass es niemals einen ersten Menschen gegeben haben konnte und dass die Seele nicht im Höllenfeuer schmoren könne, weil sie mit dem Körper sterbe.

Auf der einen Seite wurde Averroes gefeiert, auf der anderen aber auch verspottet, etwa wegen seines Autoritätsglaubens. Zum einen verteidigte er den Koran, weil er nach seiner Meinung die rationale Forschung gebiete, zum anderen forderte er dessen Umdeutung, wenn Aussagen wissenschaftlichen Erkenntnissen widersprachen. Dies sei aber nur gebildeten Persönlichkeiten vorbehalten. Die Masse, die einer logischen Beweisführung nicht folgen könne, müsse bei den bildhaften Vergleichen der Offenbarung bleiben - nur die Philosophen könnten zum Kern vorstossen. Dies ist das System der "doppelten Wahrheiten" des Ibn Ruschd. Er sah sich selber wohl als Muslim. Seine Zeitgenossen sahen das jedoch ganz anders, und dies wurde ihm zum Verhängnis.

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