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Norbert G. Pressburg: Good bye Mohammed - Mohammed gab es nie

8. Die "Goldenen Zeiten" des Islam - verklärte Blicke in eine nicht existente Vergangenheit

8e. Al-Ghazali zerstört die Wissenschaftlichkeit: Er verbietet die unabhängige Philosophie, unterstellt alles dem Koran und definiert "Ketzer" - Übersetzer Chaldun - Zusammenfassung

8e. Al-Ghazali zerstört die Wissenschaftlichkeit: Er verbietet die unabhängige Philosophie, unterstellt alles dem Koran und definiert "Ketzer" - Übersetzer Chaldun -- Werke von Avicenna werden als von Ghazali ausgegeben -- "Hauptwerk von al-Ghazali: Die "Verteidigung" der wörtlichen "Korans" - und alle anderen Meinungen seien "todeswürdige Ketzerei" -- Al-Ghazali und seine Hetze gegen Frauen: Die rechtliche Diskriminierung durch die Männer wird als "Inferiorität" bezeichnet -- Al-Ghazali installiert den radikalen Islam

Zusammenfassung: Die arabischen Christen waren die aufgeklärten Forscher - und ein Muslim Al-Ghazali installierte den radikalen Islam -- Der Islam von heute behauptet, die arabischen Christen seien Muslime gewesen -- Omar Chayyam - ein Dichter, der ebenfalls kein Muslim war -- Khomeini empfahl Gorbatschow die Lektüre von Al-Farabi und Avicenna (!) -- Die arabisch-christlichen Wissenschaftler und ihre Leistung - Bücherverbrennungen unter dem Vatikan-Christen-Terror und unter dem Islam-Terror -- Griechisch-kulturelle Einflüsse überlebten in Mittelasien -- Der Islam vernichtete die arabisch-christliche Wissenschaft -- Historiker Ibn Chaldun 1377: Übersetzungen und Aufstieg Italiens mit der Renaissance


präsentiert von Michael Palomino (2015)

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8e. Al-Ghazali zerstört die Wissenschaftlichkeit: Er verbietet die unabhängige Philosophie, unterstellt alles dem Koran und definiert "Ketzer" - Übersetzer Chaldun

Mit Ibn Ruschd ist die Zeit der unabhängigen Denker der arabischen Geistesgeschichte zu Ende. Es bleibt also nur noch jene Person vorzustellen, die dieses Ende in Jahreszahlen fassen lässt: al-Ghazali, um 1058 in Tuz im östlichen Iran geboren, 1111 ebendort gestorben. Seine beiden Hauptwerke sind "Die Nichtigkeit der Philosophie" und "Das Wiedererstehen der religiösen Wissenschaften". In der islamischen Literatur wird Ghazali als grosser Philosoph gefeiert. In Wirklichkeit hatte er mit der Philosophie selber absolut nichts am Hut. Im Gegenteil, sein Lebenswerk war ihre Abschaffung.

Dies ist auch der Inhalt der "Nichtigkeit". Er stellt darin dar, warum die Philosophie keine Existenzberechtigung habe. Im krassen Gegensatz zu Aristoteles und allen seinen arabischen Vorgängern lehnt Ghazali das Kausalitätsprinzip ab, also das Prinzip von Ursache und Wirkung. Es gebe daher auch keine Logik und keine Naturgesetze, alles geschehe durch einen besonderen Willensakt Gottes. Ghazali führt als Beispiel an, dass es ein Irrtum sei zu glauben, man habe ein Stück Baumwolle zum Brennen [S.172] gebracht, indem man Feuer daruntergehalten habe. In Wirklichkeit habe Gott der Baumwolle den Befehl gegeben zu brennen. Analog dazu fielen die Blätter im Herbst nicht von allein vom Baum, sondern durch ausdrücklichen Befehl Gottes an jedes Blatt. Friedrich Dieterici, preussischer Gelehrte in orientalischen Sprachen und Philosophie kommentierte das anno 1903 so: "Das wäre, als ob jeder Brief mit dem Stempel der kaiserlichen Reichspost von Seiner Majestät persönlich ausgetragen werden müsste." [103]
[103] Friedrich Dieterici: Über den Zusammenhang der griechischen und arabischen Philosophie; München 2004
Weil es keine Naturgesetze gebe, sondern nur den Willen Gottes, postuliert Ghazali die Existenz von Wundern, die jeder Logik widersprechen dürfen. Dementsprechend sprach er dem Menschen den freien Willen ab, jeder einzelne Schritt des Menschen sei von Gott gelenkt. Das Problem, dass der Mensch ohne freien Willen auch unschuldig an seinen Sünden und Verbrechen sein müsste, löste er so, dass er Sünden mit dem Hinweis auf die Allmacht Gottes und der Nichtexistenz der Logik einfach ausnahm. Philosophie und Naturwissenschaften könnten nichts zur Wahrheit beitragen. Sie seien daher nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich, weil sie den Menschen von der Religion abbringen könnten. Er forderte deshalb die Todesstrafe für das Vertreten philosophischer Inhalte. In seiner Schrift "Der Erretter vom Irrtum" formulierte er 20 Punkte, anhand deren Philosophen der Ketzerei zu überführen seien. Als namentlich überführte Ketzer nennt er Avicenna und al-Farabi.

Dass al-Ghazali auch heute noch in der islamischen Welt als grosser Gelehrter betrachtet wird, ist eine Sache [104].
[104] Haim Zafrani: "The teachings of al-Ghazali had immense repercussions and exerted considerable influence on the history of thought,  in both East and West, among the elites of Europe"; In: http://unesdoc.unesco.org/images/0011/001144/114426eo.pdf [The Routes of al-Anadlus. Spiritual convergence and inter cultural dialog - UNESCO: Inter cultural Projects Division; Paris; sowie: El Legado Andalusi; Granada (Spanien)]
Den Nachweis des "bedeutenden Einflusses" al-Ghazalis auf das westliche Geistesleben bleibt uns Herr Zafrani zwar schuldig, aber er liefert im nächsten Kapitel eine weitere Kostprobe seiner ganz persönlichen Historiografie.
[Werke von Avicenna werden als von Ghazali ausgegeben]

Dass er auch in Europa gelegentlich als Philosoph bezeichnet wird, muss wohl auf einem Missverständnis beruhen: Der spanische Dominikaner Nicolas Eymerich zählte in einem "Directorium Inquisitorium" (um 1350) die "18 Häresien und Irrtümer des [S.173] Philosophen Algazel" auf Er leitete diese aus der lateinischen Übersetzung einer arabischen Schrift mit dem Titel "Maqasid al-falasifa" ("Die Absichten der Philosophen") unter dem Namen al-Ghazalis ab. Diese Schrift allerdings ist eine arabische Übersetzung von Avicennas in Persisch abgefasstem "Buch des Wissens", versehen mit Ghazalis Namen und einer Einleitung von ihm. wo Ghazali draufstand, war in Wirklichkeit Avicenna drin. Wie dieser Fehler zustandekam, ist nicht klar, er verhalf Ghazali jedoch zu einer ganz und gar unverdienten Ehre.

["Hauptwerk von al-Ghazali: Die "Verteidigung" der wörtlichen "Korans" - und alle anderen Meinungen seien "todeswürdige Ketzerei"]

Die Wertung al-Ghazalis als Wissenschaftler fällt daher mit Ausnahme bei islamischen Autoren katastrophal aus. Als sein Hauptwerk wird in der islamischen Welt sein zweites Buch, das "Wiedererstehen der religiösen Wissenschaften", gesehen. Es enthält nichts Weiteres als die Verteidigung des wörtlichen Korans. Nur was im Koran steht, sei Wissenschaft. Sah Avicenna etwa in der Sintflutlegende die Ertränkung des Unwissens und den Triumph des Wissens, symbolisiert als Arche Noah auf den Fluten, war sie nach Ghazali wörtlich zu nehmen. Alles andere sei todeswürdige Ketzerei. War der Koran bei al-Kindi und Ibn Ruschd nur für die unwissenden und ungebildeten Massen akzeptabel, wurde er bei Ghazali zum eisernen Gesetz und zur einzig möglichen Quelle allen Wissens.

[Al-Ghazali und seine Hetze gegen Frauen: Die rechtliche Diskriminierung durch die Männer wird als "Inferiorität" bezeichnet]

Wie sehr er den ultraorthodoxen Kreisen verbunden war, zeigt sich in seiner Schrift "Ratgeber für Könige" (Nasihat al Muluk). Darin zählt er 18 Punkte auf, die in Bezugnahme auf Sure 4:34 die Inferiorität von Frauen beweisen sollen:
1. Die Menstruation
2. Die Schwangerschaft
3. Die Geburt
4. Die Trennung von ihren Eltern bei der Ehe
5. Die Unfähigkeit, sich selber zu beherrschen
6. Das geringere Erbteil
7. Die Möglichkeit, verstossen werden zu können, ohne sich selber scheiden zu lassen
8. Das Recht der Männer auf vier Frauen, die selbst nur einen Mann haben können [S.174]
9. Die Einsperrung im Haus
10. Das Gebot, den Kopf zu bedecken
11. Ihre Stimme vor Gericht, die nur halb so viel zählt wie die eines Mannes
12. Das Gebot, das Haus nicht allein verlassen zu dürfen
13. Das Verbot, am Freitagsgebet teilzunehmen
14. Der Ausschluss von Regierungs- und Richterämtern
15. Die Tatsache, dass von 1000 verdienstvollen Taten 999 von Männern und nur eine von Frauen begangen wurde
16. Eine Pauschalstrafe am Tag der Auferstehung statt einer individuellen Rechenschaft
17. Die Wartefrist von vier Monaten und zehn Tagen nach dem Tode ihres Ehemannes zur Wiederverheiratung
18. Die Wartefrist von drei Menstruationszyklen nach der Scheidung bei Wiederverheiratung.

[Al-Ghazali installiert den radikalen Islam]

Das ist al-Ghazali, wie er leibt und lebt: Die Vermischung von Ursache und Wirkung, von Naturgesetz und Menschengesetz scheint ihn nicht zu stören, denn er hat bereits in seinen "Nichtigkeiten der Philosophie" mit Logik und Kausalität gebrochen. Ihn als Philosophen oder Wissenschaftler zu bezeichnen wäre die gröbste Beleidigung aller seiner arabischen Vorgänger von al-Kindi bis Ibn Ruschd. Er war auch nicht der "Erneuerer des Islam", als der er in der islamischen Welt gefeiert wird. ER war vielmehr Repräsentant der damals radikalsten Strömung, die sich im weiteren Verlauf als "Islam" etablierte. Mit al-Ghazali kommt das, was Dan Diner die "versiegelte Zeit" [105]
[105] Dan Diner: Die versiegelte Zeit; Berlin 2007
nennt: der geistige Stillstand der islamischen Welt vom 12. Jahrhundert bis in die Gegenwart.


Zusammenfassung: Die arabischen Christen waren die aufgeklärten Forscher - und ein Muslim Al-Ghazali installierte den radikalen Islam

Während al-Ghazali Muslim im Sinne des heutigen Verständnisses von "Islam" war, ist das bei all den anderen Genannten nicht der Fall. Hunain war Christ und Thabit Heide. Avicenna und Biruni hatten einen buddhistischen Hintergrund, von Farabi ist es zu vermuten. Mit al-Kindi, Alhazen [S.175] und Rhazes (der mit den "drei Verbrechern") haben wir die typischen Freidenker, die sich im völligen Gegensatz zum Koran befanden.

Alle Genannten konnten sich Anfeindungen zum Trotz ihre Unabhängigkeit noch leisten, auch wenn Biruni und Avicenna schon vorsichtig sein mussten, für Ibn Ruschd war es bereits zu spät. Seit Beginn seiner Lehrtätigkeit stand er unter der Verfolgung der orthodoxen Imame, der er schliesslich erlag.

[Der Islam von heute behauptet, die arabischen Christen seien Muslime gewesen]

Trotz gewisser Unterschiede waren die Prämissen des Aristoteles und anderer griechischer Philosophen allen Genannten Gemeingut. Mit ihrem Bekenntnis zu Logik, Kausalität und Wissenschaftlichkeit haben sie sich alle in einer krassen Gegenposition zum Koran befunden, wenngleich manche in gewisser Arroganz  dieses Recht nur sich selber und ein paar Handverlesenen mehr zusprachen. Mit welcher Rechtfertigung aber kann man sie als Muslime bezeichnen? Nicht ein einziger der vorgestellten Hauptpersonen war es, vielleicht mit Ausnahme von Ibn Ruschd, dessen Verständnis von Islam allerdings diametral entgegengesetzt zu dem der Moschee war.

[Omar Chayyam - ein Dichter, der ebenfalls kein Muslim war]

Kurz sei in diesem Zusammenhang der Dichter Omar Chayyam (1048-1123) aus Mischapur, Ostpersien, erwähnt. Ein Anhänger Avicennas, war er zu Lebzeiten bekannt als Philosoph und Mathematiker. Gänzlich unbekannt waren damals seine vierzeiligen Gedichte (Rubaiyat), mit denen er im Westen späte Berühmtheit erlangte [106].
[106] Um 1850 englische Übersetzung durch Edward Fitzgerald, ab 1880 mehrere deutsche Ausgaben.
Dieser Ruhm strahlte zurück in seine persische Heimat, wo er dann zum islamischen Dichter, inklusive Denkmal im Laleh-Park in Teheran (auch Biruni steht da), stilisiert wurde. Die ausgesprochene Blasphemie in vielen seiner Verse scheint nicht zu stören, legt aber den Schluss nahe, dass auch Chayyam kein Muslim war.

[Khomeini empfahl Gorbatschow die Lektüre von Al-Farabi und Avicenna (!)]

Wie tiefgreifend die Ignoranz in der muslimischen Welt gegenüber ihren viel bemühten Denkern oftmals ist, zeigt ein Brief Khomeinis an Gorbatschow aus dem Januar 1989, worin er den Islam als Weg zur Lösung aktueller Probleme bezeichnete und Gorbatschow die Lektüre al-Farabis [S.176] und Avicennas statt westlicher Denker empfahl [107].
[107] "Wenn Eure Exzellenz die Forschungen zu solchen Themen anleiten wollte, sollte Sie veranlassen, dass die Studierenden anstelle der Bücher der westlichen Philosophen die Schriften von al-Farabi und Avicenna zu Rate ziehen."
Offensichtlich wusste Khomeini nicht, dass seine Paradephilosophen gar keine Muslime waren, und deshalb folgerichtig vom Parademuslim al-Ghazali als Ketzer verdammt, und ihre Schriften von Muslimen verbrannt wurden. Oder sollte er die beiden als eine Art diplomatische Geste empfohlen haben, weil beide ja Altbürger der damals noch bestehenden Sowjetunion waren? Khomeini hat vermutlich weder das eine noch das andere gewusst und war enttäuscht, weil Gorbatschow darauf nicht antwortete.

[Die arabisch-christlichen Wissenschaftler und ihre Leistung - Bücherverbrennungen unter dem Vatikan-Christen-Terror und unter dem Islam-Terror]

Die genannten Persönlichkeiten hatten für ihre Zeit Grossartiges geleistet. Alhazen hat die Optik vorangetrieben, Avicenna die Medizin, andere haben ihren Aristoteles weiterentwickelt, aber die allermeisten, es wurden ja nur die prominentesten skizziert, sind auf dem Stand der Antike stehengeblieben.

Ohne ihren Verdienst in irgendeiner Weise zu schmälern, muss man ihn auch insoweit relativieren, als ihr Hauptverdienst nicht in jedem Fall die Arbeiten selber waren, sondern der Umstand, dass sie die antiken Autoren weitertradiert hatten. Im Westen hatte die Kirche anfangs die griechischen und lateinischen Schriften der antiken Philosophen nach Kräften aus dem Verkehr gezogen. Aber nicht lange nach ihrem Tod und teils sogar noch zu ihren Lebzeiten erfuhren die Schriften der arabischen Wissenschaftler dasselbe Schicksal: Sie wurden als unislamisch dem Feuer überantwortet. Wir besitzen nur einen Bruchteil ihrer Werke, jene, die rechtzeitig nach Europa gelangt gelangt waren und so der Zerstörung entgingen.

[Griechisch-kulturelle Einflüsse überlebten in Mittelasien]

Der Grund der Blüte des geistigen Lebens im mittelalterlichen Arabien, und ganz besonders in Persien, ist in der Fortführung der antiken Tradition zu sehen. Seit Alexander dem Grossen reichte der griechisch-kulturelle Einfluss bis Zentralasien, bis an die Grenzen Chinas und Indiens. Dort bewahrte sich antikes Geistesleben am längsten und traf auf eine buddhistisch geprägte Kultur. Dies waren die Voraussetzungen für die geistige und kulturelle Blüte. Die Zentren lagen in den Oasenstädten Zentralasiens, auf dem Gebiet des heutigen Turkmenistan, Tadschikistan [S.177], Usbekistan und Afghanistan - eine vollkommen unglaubliche Vorstellung für uns Heutige. Im Westen des Reiches traf diese östliche Melange auf die von Byzanz geprägte geistige Welt.

Man könnte allein von der ethnischen Herkunft der einzelnen Persönlichkeiten her die Existenz eines "arabischen" Geisteslebens anzweifeln. Dies sollte man aber nicht, denn bei aller Verschiedenheit der Herkunft vereinte diese Menschen die arabische Sprache, so wie im Römischen Reich Latein das verbindende Element [die Kunstsprache] war.

Die Herrscher zu dieser Zeit waren in ihrer Mehrheit keineswegs die muslimischen Kalifen und Emire, wo die Tradition uns das erzählt, sondern Herrscher, die im Einflussgebiet dieser genannten Kulturen lebten und deshalb der Tradition der geistigen Freiheit und des Gedankenaustausches verbunden waren. Selbstverständlich trugen sie arabische Titel. Es ist aber unzulässig, diese automatisch als islamische zu interpretieren.

[Der Islam vernichtete die arabisch-christliche Wissenschaft]

Die "Goldenen Zeiten" der islamischen Wissenschaften? Es hat sie nie gegeben. Aber es gab eine goldene Zeit der arabischen Wissenschaften. Diese fand ein abruptes Ende, als sich der Islam als dominierende Religion etablierte. Er verjagte das Wissen aus dem Orient nach dem Westen, wo es bis auf den heutigen Tag geblieben ist [S.178].

[Historiker Ibn Chaldun 1377: Übersetzungen und Aufstieg Italiens mit der Renaissance]

Im Jahr 1377 sass der arabische Historiker Ibn Chaldun auf einer Bergfestung in der nordafrikanischen Wüste und räsonierte über den geistigen Verfall in den islamischen Reichen und dessen Ursachen [S.156]. Es war dieselbe Zeit, als die oberitalienischen Handelsstädte einen bedeutenden wirtschaftlichen Aufstieg nahmen und zugleich einen gewaltigen Aufschwung der Künste und Wissenschaften einleiteten - das, was wir heute Renaissance nennen.
"Wir hören, dass die philosophischen Wissenschaften jetzt im Lande Roms und längs der anschliessenden, nördlichen Küsten im Land der europäischen Christen sehr kultiviert werden. Die vorhandenen systematischen Darstellungen sollen umfassend sein, und die Leute, die sich darin auskennen, sollen zahlreich sein, der Studenten viele." [84]

[84] Ibn Khaldun: The Muqaddimah; New York 1958
Die umfassenden systematischen Darstellungen, von denen Chaldun spricht, hatten die "nördlichen Länder" von den Arabern erhalten. Es waren meist lateinische Übersetzungen arabischer Schriften, die ihrerseits wiederum aus dem Griechischen ins Aramäische und Arabische übersetzt worden waren.

Ibn Chaldun sieht sich in seinem Selbstverständnis als Angehöriger einer Kultur, die das Wissen vergangener Kulturen in sich vereint und weiterentwickelt hat. Dass die ungläubigen Barbaren womöglich jetzt dieses Erbe antreten, irritiert ihn. Er ahnt, dass die grosse Zeit der arabischen Wissenschaften zu Ende geht. Er weiss aber nicht, dass er der Letzte seiner Zunft ist [S.157]

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